1.10 Liebesleiden von Steffi Raatz

1.10 Liebesleiden von Steffi Raatz

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Müde lehnte er sich zurück und schloss die Augen. Eigentlich brauchte er keinen Schlaf, doch der Tag hatte ihm zugesetzt. Noch immer konnte er nicht so wirklich glauben, dass er und Spike sich zusammengerauft hatten, um gemeinsam gegen ein Monster zu kämpfen. Er, Seite an Seite mit Spike, wie früher, doch dass sie diesmal beide auf der richtigen Seite gestanden hatten. Himmel, es war verrückt.
Mit den Händen fuhr er sich über das Gesicht und musste daran denken, wie sich Cordelia erst zwischen sie gestellt hatte und dann tapfer ihren Mann gegen das Monster gestanden hatte. Das freche, vorlaute Cheergirl, wie Spike sie immer nannte, war erwachsen geworden. Stolz durchflutete ihn, wenn er daran dachte, dass sein Training sie so weit gebracht hatte, dass sie sich gegen ein solches Wesen behaupten konnte. Stolz und ein gewisses Maß an Zuneigung.
Noch nie hatte er zu jemandem so tiefe Freundschaft empfunden und noch nie hatte er diese Loyalität erfahren. Langsam glaubte er immer mehr, dass ihre Begegnung damals auf der Party Schicksal gewesen war.
Er hatte schon verdammt Glück mit ihr. Trug sie doch ihre Bürde mit den Visionen tapfer, akzeptierte ihn und stand ihm bedingungslos zur Seite. Ob Wes wusste, was sie an ihr hatten? Ob Gunn verstand, was sie ihnen damit opferte?
Angel seufzte und rollte sich auf dem Bett zusammen. Vielleicht konnte er doch ein wenig schlafen, auch wenn er den Schlaf nicht wirklich brauchte. Vielleicht würde es ihn zur Ruhe bringen. Beruhigen…

~

Cordelia gähnte herzhaft und fuhr sich mit den Händen durch ihr zerzaustes Haar. Sie wollte nicht wissen, wie sie im Augenblick aussah. Wahrscheinlich bot sie einen völlig verwahrlosten Anblick. Früher hätte sie das gestört, doch mittlerweile hatte sie ein gewisses Maß an Eitelkeit abgelegt. Solange sie lediglich Wesley und Gunn in einem derartigen Aufzug sahen, war es ihr egal.
Apropro Gunn und Wesley. Die beiden saßen nicht unweit von ihr entfernt und entspannten sich jeder auf seine Weise.
Während Wesley die Füße auf den Tisch gelegt hatte und in einem seiner Bücher las, hing Gunn regelrecht auf einem der Stühle in Wesleys Büro und summte die Decke anstarrend, einfach leise vor sich hin.
Cordelia rollte sich auf dem Couchrondell im Foyer zusammen und schloss die Augen. Eigentlich wollte sie nach Hause. Duschen, Umziehen, Schlafen. Doch sie war viel zu kraftlos.
Ein Schrei aus dem oberen Stockwerk des Hyperion ließ sie jedoch wieder aufschrecken und aufsehen.
Sie sah in die Runde. Wesley und Gunn schienen nichts mitbekommen zu haben. Noch immer waren sie in ihre Beschäftigungen vertieft. Es war fast so, als habe sie sich den Schrei nur eingebildet.
Doch dann erklang ein dumpfes Geräusch und anschließend ein Stöhnen.
Entschlossen stand sie auf und nahm sich einen Dolch aus dem Waffenschrank. Sie hatte definitiv etwas gehört und wenn die Herren der Schöpfung taub waren, dann würde sie diese Geräusche dennoch nicht ignorieren.
Unbemerkt von den anderen beiden ging sie langsam die Treppe hoch, hörte ein erneutes Stöhnen und Ächzen und legte einen Schritt zu. Vor Angels Tür blieb sie stehen und sah sie einen Moment lang nachdenklich an.
Was immer dort drinnen war und Angel zusetzte, der Dolch würde ihr nicht viel bringen, andererseits hatte sie keine andere Waffe griffbereit. War es das Risiko wert?
Cordelia entschloss sich halbherzig zu einem ja und öffnete die Tür langsam.
Ihr Atem stockte und für einen Moment schien sie wie erstarrt, dann wich sie jedoch erschrocken zurück und prallte gegen die Wand an der gegenüberliegenden Seite des Flurs.
"Wesley! Gunn!", schrie sie atemlos und hielt den Dolch an sich gepresst.

~

Angel sah sich nachdenklich im Raum um. Er konnte nicht begreifen, dass er überhaupt nichts davon mitbekommen hatte. Noch mehr verwirrte ihn jedoch, was in roter Schrift an den Wänden stand. Immer und immer wieder nur ein Wort, ein Name: Darla.
Ratlos fuhr er sich mit seinen Händen über das Gesicht und sah Gunn an, der mit ihm im Raum stand und die Farbe vorsichtig mit seinen Fingern betastete. "Jedenfalls ist es kein Blut."
"Wie beruhigend", kommentierte Angel ein wenig sarkastisch und setzte sich auf sein Bett, "trotzdem weiß ich immer noch nicht, was hier eigentlich passiert ist. Es kann doch nicht sein, dass ich gar nichts davon mitbekommen habe."
"Sieht aber so aus." Gunn roch an der noch feuchten Farbe und verzog das Gesicht. "Cordelia hörte einen Schrei, Stöhnen und dann fand sie dich schlafend vor, die Wände bereits beschrieben. Entweder du schlafwandelst oder aber jemand wollte dir einen böses Streich spielen."
"Hast du schon mal einen Vampir schlafwandeln sehen?" Cordelia linste um die Ecke und sah Gunn fragend an.
"Was weiß ich!", erklärte er Schulter zuckend und ging an ihr vorbei aus dem Zimmer.
"Ist mit dir alles in Ordnung?" Noch immer an den Türpfosten gelehnt, sah Cordelia zu Angel hinüber.
Er zuckte nur mit den Schultern und seufzte. "Ich weiß nicht so genau. Ich wünschte einfach, ich hätte eine Erklärung hierfür."
Sie stieß sich von der Tür ab und kam zu ihm herüber, setzte sich neben ihn und sah ebenfalls an die Wand vor ihnen. "Da muss dich jemand ziemlich genau kennen und ich vermute mal stark, dass es entweder Spike war oder aber, dass Wolfram & Hart dahinter stecken."
"Ich denke nicht, dass Spike diesmal der Übeltäter ist", erklärte Angel und holte tief Luft, "aber warum sollte Wolfram & Hart so eine Aktion starten. Was bringt es ihnen?"
"Ich weiß es nicht, nur fällt mir auch niemand anderes ein."
"Lindsay", brummte er kurz und kniff die Augen zusammen.
Cordelia sah ihn von der Seite her an und legte den Kopf leicht schief. "Nein... nein, irgendwie glaube ich das nicht. Ich denke wenn, dann eher Lilah Morgan."
Blinzelnd sah er zu ihr auf. "Und wie kommst du jetzt darauf?"
"Ich weiß nicht", erwiderte sie, "einfach ein unbestimmtes Gefühl."
"So...?!" Sein skeptischer Blick blieb einen Moment lang an ihr haften, dann sah er wieder an die Wand. "Vielleicht war es auch jemand ganz anderes?!"
Cordy zog scharf die Luft ein und klopfte ihm auf die Schulter. "Wer weiß."
Irgendwas in ihrem Inneren rügte sie dafür, dass sie ihren Freund so anlog. Doch sie konnte ihm einfach nicht erzählen, dass Lindsay bei ihr gewesen war. Schon gar nicht dann, wenn er ihr Fragen stellen würde. Und das würde er. Genau in dem Moment, wenn sie es ihm sagen würde. Er würde sie über den Grund ausfragen und wenn die Situation nicht so heikel wäre, hätte sie ihm vielleicht davon erzählt, so jedoch... Nein, es war nicht gut, ihm anzuvertrauen, dass Lindsay ihr Vertrauen suchte. Vielleicht nicht nur ihr Vertrauen... darüber wollte sie nicht weiter nachdenken.
Sie klopfte ihrem Freund nochmals auf die Schulter und stand dann auf. Frische Luft, sie benötigte dringend frische Luft.

~

Sie rannte den Flur entlang, gehetzt, auf der Flucht vor etwas sehr bedrohlichem. Ihre Füße schienen sie kaum mehr zu tragen, ihr Körper war ausgelaugt, ausgemergelt. Angst erfüllte ihr Gesicht. Wie düstere Wolken schien sich etwas hinter ihr aufzubauen, ihr die Kraft zu nehmen. "Hilf mir, Angel!", schrie sie. "Hilf mir!"
Er setzte sich ruckartig auf und starrte die Wand an. Trotz Lösungsmitteln und neuer Farbe, war der Schriftzug Darla noch immer vage zu erkennen. Angel schüttelte den Kopf und schlug die Bettdecke zur Seite. Obwohl er eigentlich nicht schwitzen hätte können, tat er es. Seine Oberkörper war von Schweißperlen bedeckt und sein Haar hing feucht hinab.
Irritiert stand er auf und betrachtete das verwaschene Geschriebene genau. Seine Finger folgten den Konturen des Wortes und für einen kurzen Augenblick glaubte er seine langjährige Weggefährtin zu spüren.
"Darla?", seine Stimme war leise. Eigentlich kam er sich auch selten dumm vor, dass er glaubte, ihre Anwesenheit im Raum wahrzunehmen, doch ein uraltes Gefühl in ihm drin, drängte ihn danach die Wahrheit herauszufinden.
Erst träumte er von ihr, jetzt glaubte er sie zu spüren. Was ging hier nur vor sich? Darla war tot, vernichtet. Sie konnte ihm keine Botschaften senden. Oder etwa doch?
"Angel!"
Er wirbelte herum und sah zum Fenster. Nichts. Dabei war er sich sicher, dass er etwas gehört hatte. Verdammt sicher sogar.
"Angel!"
Wieder wirbelte er herum und wieder war dort nichts, von wo er glaubte, die Stimme vernommen zu haben.
Er fuhr sich mit der Hand durch sein feuchtes Haar und sah sich ratlos im Zimmer um. Das konnte doch nicht wahr sein. Wurde er etwa wahnsinnig.
"Angel, hilf mir!"
Schwungvoll riss er die Tür auf und starrte in den dunklen Flur. Wieder nichts.
Aber er hatte ihre Stimme gehört. Es war keine Einbildung gewesen. Klar und deutlich, als hätte sie nicht weit von ihm gestanden. So als wäre sie mit ihm in einem Raum.
Ein beklemmendes Gefühl von Furcht erfasste ihn.
"Angel... Angel!"
Er kniff die Augen zusammen und versuchte etwas zu erkennen. Vergeblich. Dort war nichts, dort würde nie etwas sein. Es war in seinem Kopf, in seinen Gedanken, es war in ihm und es würde ihn wahnsinnig machen.

~

Verschlafen öffnete sie die Tür und rieb sich die Augen, ehe sie sie aufriss und ihr Gegenüber mehr als erstaunt ansah. "Du?"
"Kann ich reinkommen?" Angel sah Cordelia mit herunterhängenden Schultern an.
"Was... ich... klar", stammelte sie noch immer überrascht und ließ ihn vorbei ins warme Innere ihrer Wohnung.
Angel schlich an ihr vorbei, warf seinen Mantel achtlos über einen der Stühle und setzte sich auf die Couch.
Cordelia beobachtete ihn irritiert, ehe sie sich ihm gegenüber auf den Sessel setzte und die Beine anzog. "Was... ich meine, was führt dich so spät noch hierher?"
Lange blieb er still und Cordelia rechnete schon gar nicht mehr mit einer Antwort, da erklang seine Stimme mit einem Ton, der ihr eine Gänsehaut verursachte: "Darla!"
Fast wäre sie vorn über gefallen, doch sie konnte sich gerade noch halten. Hatte sie das eben richtig gehört?
"Kommst du immer noch nicht wegen der Schmierereien zur Ruhe?" Ihre Stimme klang eigenartig belegt.
Angel behielt seinen Kopf eine Weile nach unten gerichtet, dann sah er sie an und sie erschrak ob der Angst in seinen Augen.
"Was ist los?" Mit einem Male klang ihre Stimme nur noch besorgt. Sie stand auf und setzte sich neben ihn auf die Couch.
"Ich glaube, ich werde wahnsinnig." Seine Stimme war leise, ungewohnt leise für den starken Vampir.
"Wieso solltest du wahnsinnig werden?" Sie legte ihre Hand auf seine Schulter und sah ihn betrübt an. Es ging ihr ans Herz, ihn so zu sehen.
"Weil ich sie höre, weil ich von ihr Träume, obwohl sie nicht da ist. Und ich höre sie wirklich. Es ist keine Einbildung. Nicht so eine, als ob man halluziniert, es ist so, als stünde sie neben mir. So verdammt real!" Er ließ seinen Oberkörper zur Seite gleiten und legte seinen Kopf auf ihre Beine, während er die Beine anzog und sich wie ein Embryo auf dem Sofa einrollte. Cordelia, übermäßig erstaunt über dieses Verhalten, hielt einen Moment ihre Arme nach oben und wusste nicht so recht, wie sie reagieren sollte. Das passte so gar nicht zu dem Angel, den sie kannte und es irritierte sie. Dann jedoch begann sie langsam über sein Haar zu streichen und sich zu entspannen.

~

Cordelia schreckte auf, als sie Geräusche wahrnahm, die nicht so wirklich in ihren Traum passten. Blinzelnd schlug sie die Augen auf. Langsam und völlig müde registrierte sie jemanden im Raum. Erst beim zweiten Blick erkannte sie Gunn, der sie mit schief gelegtem Kopf ansah.
"Was…" Cordelia fuhr sich kraftlos durch ihr zerzaustes Haar.
"Guten Morgen ihr zwei!", grinste Gunn und legte ihr die Zeitung auf den Tisch.
"Zwei?" Sie sah ihn irritiert an.
Gunn nickte kurz und sie schielte nach unten. Angels Kopf lag in ihrer Armbeuge, sein Arm über ihren Oberkörper geschlungen, selig und entspannt.
Für eine Sekunde brachte sie ein Lächeln zustande, dann schüttelte sie ihren Kopf, um wieder klar denken zu können.
"Gunn, hast du…" Wesley blieb in der Tür stehen und legte den Kopf ebenso schief, wie es Gunn am Anfang getan hatte. "Cordy… Angel… ähm…"
Angel schlug die Augen auf, sah Cordelia an und blinzelte kurz.
"Hi!", lächelte sie matt und registrierte seinen irritierten Blick.
Mit Schwung richtete er sich auf und drehte sich um, so dass er Wesley und Gunn sehen konnte.
"Hi Angel!", grinste Gunn, während Cordelia langsam aber sicher in ein leises Kichern fiel, welches immer mehr anschwoll.
"Angel?" Wes sah ihn fragend an.
"Morgen?" Angel sah die beiden Männer an und rollte sich von der Couch in eine sitzende Position, während Cordelias Kichern sich in ein Gackern steigerte.
Doch ihre Erheiterung verflog ebenso schnell wie sie eingetreten war. Angel stand von seiner Position auf, nahm seinen Mantel und kippte vorn über. Sein Körper brach wie ein schlaffer Sack zusammen und kippte über die Lehne des Stuhles und schlug auf dem Boden auf.
"Oh mein Gott!", entfuhr es ihr und mit einem sportlichen Satz war sie neben ihm und versuchte ihn mit Hilfe von Gunn und Wesley in eine vernünftige Position zu bringen.
"Was zur Hölle ist hier los?" Wesley sah sie nach einer Erklärung suchend an.
"Ich habe keine Ahnung, Wes. Gestern die beschmierten Wände, nachts Angel vor meiner Tür, der glaubt, wahnsinnig zu werden, weil er Darla zu hören glaubt. Ich bin genauso auf der Suche nach einer Antwort wie du. Wes, ich habe ihn noch nie so erlebt. Er war wie ein verängstigter kleiner Junge, als er heute Nacht zu mir kam. Er hat sich erst wieder beruhigt, als ich ihn in den Arm genommen hatte." Cordelia sah ihren Freund und Kollegen beunruhigt an.
"Irgendwas scheint ihm arg zuzusetzen." Gunn und Wes sahen einander an und warfen sich viel sagende Blicke zu.
"Willst du damit ausdrücken, dass er durchdreht?" Sie sah die beiden entsetzt und ungläubig an.
"Nun ja, in seinem Inneren herrschen zwei Wesen, Angelus und Angel. Es kann durchaus sein, dass Angelus wieder versucht durchzubrechen." Wes sah sie betrübt an.
Cordelia strich ihm über den Kopf und kniff die Augen zusammen. "Das kann nicht sein. Das glaube ich nicht!"

~

Er sah aus dem Fenster und hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt, als der Summer seiner Sprechanlage erklang.
Lindsay ging zu seinem Schreibtisch hinüber und wollte gerade die Taste betätigen, um sich durchgeben zu lassen, was los sei, als seine Bürotür mit Schwung aufklappte und gegen die dahinter liegende Wand prallte.
Erstaunt blieb er stehen und sah den Wirbelwind an, der in sein Büro eingedrungen war. Seine Sekretärin stürmte kurz hinter Cordelia herein und murmelte eine Entschuldigung. Lindsay wiegelte ab und verschränkte seine Arme vor der Brust, nachdem seine Sekretärin hinter sich die Tür wieder geschlossen hatte. An seinen Schreibtisch gelehnt betrachtete er Cordelia, die atemlos die Lehne eines der Stühle festhielt.
"Hallo."
"Lindsay, ich…" Sie verstummte und schien zu überlegen, was sie sagen sollte.
"Wie kommt es, dass du mich hier besuchst. Ich dachte, du würdest mir nicht vertrauen." Sein Mienenspiel verriet ihr rein gar nichts. Was immer Lindsay empfand, es blieb gut versteckt. Cordelia war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie das Richtige tat.
"Ich vertraue dir auch nicht!", erklärte sie trocken.
"Ah ja, und warum bist du dann hier?" Er blieb emotionslos.
Sie rollte mit den Augen und versuchte ihre Nervosität zu verstecken. Doch es nützte nichts, sie hatte diesen Schritt gewählt, jetzt musste sie da durch. "Ich brauche deine Hilfe!"
Lindsay sah sie fassungslos an. Seine Arme fielen schlaff an den Seiten hinab. Seine Maske war gefallen. Cordelia spürte geringe Erleichterung.
"Hab ich das richtig verstanden?" Er ging an ihr vorbei, sah sie dabei an und begann sich an der Minibar etwas Alkoholisches einzuschenken. Nebenbei bot er ihr etwas an, was sie jedoch dankend ablehnte. Mit einem kräftigen Zug leerte er sein Glas und stellte es wieder ab.
"Du brauchst also meine Hilfe?" Noch immer schien er nicht so recht glauben zu wollen, was sie ihm eröffnet hatte.
Sie nickte und nahm auf der Couchecke platz, die nahe den Fenstern stand.
"Du bist dir im Klaren darüber, dass nicht nur ich in arge Schwierigkeiten komme, wenn jemand mitbekommt, dass du mich um Hilfe gebeten hast. Hätten wir nicht einen neutralen Ort wählen können?" Das leere Glas noch in der Hand ging er an ihr vorbei zum Fenster.
"Dafür ist keine Zeit!", erklärte sie und strich sich das dunkle Haar aus dem Gesicht.
"Okay", er fuhr sich über die Stirn, "worum geht es?"
"Angel", erwiderte sie nüchtern.
Lindsay seufzte und sah aus dem Fenster. Cordelia konnte sein Spiegelbild sehen, dass wenig begeistert aussah. "Ich hätte es wissen müssen", erklang seine ein wenig enttäuschte Stimme.
Cordelia stand auf, ging zu Lindsay und legte ihm ihre Hand auf die Schulter. "Hör zu, ich wäre nicht hier, wenn ich dir nicht vertrauen würde. Glaub nicht, mir fällt das hier leicht. Du bist unser Feind und trotzdem vertraue ich dir und bin hier."
Er nickte matt und wandte den Kopf herum, so dass er sie ansehen konnte. "Was kann ich tun?"

~

Wesley beobachte seinen schlafenden Freund und hoffte inständig, dass dieser nicht von Alpträumen über seiner alte Verflossene geplagt wurde. Was geschah nur mit Angel? Wurde tatsächlich Angelus wieder in ihm wach oder gab es einen anderen Grund für seine Wahnvorstellungen? Doch was, wenn es Angelus war? Wenn Angels Seele nicht mehr stark genug war? War er, Wesley, stark genug, Angelus zu vernichten? Hatte er die Kraft anschließend Cordelia und Buffy gegenüber zu treten und ihnen sein Handeln zu erklären. Wesley hoffte inständig, dass sich alles Aufklären würde. Wohin Cordelia und Gunn auch verschwunden waren, eine Lösung des Problems tat Not und war dringender als alles andere.

~

Er wusste nicht, was ihn geritten hatte, als er auf ihre Bitte eingegangen war. Lindsay fuhr sich über seine feuchte Stirn und versuchte möglichst leise zu sein. Bloß nicht atmen. Ein dummer Fehler und nicht nur seine Karriere hatte ein abruptes Ende. Mit zittrigen Fingern zog er zwei Akten hervor, blickte auf die Aufschrift und schob dann eine davon wieder zurück. Die zweite steckte er unter sein Jackett und hielt inne. Nur nicht atmen.
Instinktiv verfluchte er denjenigen, der die Geräuschmelder in den Büros angebracht hatte. Er biss die Zähne zusammen und setzte ganz langsam einen Fuß vor den anderen. Raus, nur raus und das möglichst leise.
Schweiß perlte auf seiner Stirn und lief ihm in die Augen. Normalerweise schwitzte er nicht. Normalerweise… was war schon normal. Mit zusammen gekniffenen Augen überbrückte er die letzten Meter und schloss schließlich erschöpft die Tür hinter sich. Das war verdammt noch mal anstrengender wie jeder Kampf.
Lindsay presste die Akte an sich und machte sich Richtung Fahrstuhl auf, als er plötzlich Stimmen aus einem der Konferenzräume vernahm.
"Sie wissen, was sie zu tun haben?", Manners Stimme war laut und klar zu verstehen.
"Natürlich, ich bin doch nicht blöd!", zischte eine aggressive Frauenstimme, die Lindsay nicht einordnen konnte.
"Gut, dann verschwinden sie und tun sie, was sie nicht lassen können. Angels Kopf hätten wir nur gern in spätestens 48 Stunden auf dem Silbertablett."
"Solang die Kohle stimmt", hörte er wieder die weibliche Stimme und kurz darauf Schritte.
Lindsay drückte den Knopf zum Fahrstuhl und sah auf die Schalttafel. Mit einem Ohr jedoch hörte er noch die Schritte der Person, die aus dem Konferenzraum zu eilen schien.
"Hi!", erklang es schließlich neben ihm und ein Paar dunkler weiblicher Augen fixierte ihn.
"Hallo", erwiderte er recht kurz angebunden.
Wenn er daran dachte, dass diese junge Frau gerade dazu beauftragt worden war, Angel zu töten, fragte er sich, warum er gerade in Lilahs Büro eingebrochen war, um diesen Kerl zu retten.
Gemeinsam stiegen sie in den Fahrstuhl. Ziemlich lange hielt das Schweigen an, dann sah ihn die Frau von der Seite an – nein begutachtete ihn vielmehr. Lindsay fühlte sich leicht bedrängt und hoffte nur, dass der Fahrstuhl bald sein Ziel erreicht hatte.
Kaum dass sich die Türen wieder öffneten, stürmte er an Lilah vorbei hinaus. Die hatte ihm nun wirklich noch gefehlt, um glücklich zu werden. Lindsay schüttelte sich innerlich.
"Ah, hallo Faith. Sie sind schon gebrieft worden?", hörte er noch Lilahs Stimme hinter sich, dann hatte er es geschafft und die Türen seines Büros schlossen sich hinter ihm.

~

"Und du glaubst, wir sind hier richtig?" Cordelia klopfte vorsichtig an die Holztür, während Lindsay auf seinen Zettel sah und nickte.
"Ja, absolut richtig. Wenn wir Angel helfen wollen, dann können wir das nur hier."
Die Tür öffnete sich einen Spalt und eine graue Gestalt linste durch einen Schlitz. "Was?"
Der unfreundliche Ton ließ Cordelia die Nase rümpfen. Lindsay hingegen ließ sich nicht davon beeindrucken und trat die Tür mehr oder weniger ein.
Sie folgte ihm und musste eingestehen, dass er durchaus ins Team bei ihnen gepasst hätte. Sein Elan hatte etwas Positives. In gewisser Weise.
Gemeinsam blieben sie in einer Ritualhöhle stehen, in der unter anderem diverse Kleinigkeiten aus Angels Besitz lagen.
Cordelia sah sich erstaunt um. Langsam wurde ihr einiges klarer.
Lindsay hingegen zog dem grauen Wesen die Kapuze hinunter, unter der sich ein riesiger Schädel befand.
Er hatte ihr erklärt, dass dieses Wesen Gedanken kontrollieren konnte und bei Bedarf auch Halluzinationen erschuf. Doch wie der Anwalt mit der Lösung des Problems umging, war auch für Cordelia eine Nummer zu groß.
Statt in irgendeiner Weise groß zu reden, zog er eine der Äxte aus der Wand und begann auf den – ja sie war schon versucht zu sagen "armen Kerl" – einzuschlagen. Ein wenig überrascht wich sie zurück, um nicht auch noch getroffen zu werden, als schließlich ein letzter kräftiger Hieb den Schädel des Dämonen spaltete.
Cordelia schloss kurz die Augen und blinzelte mit einer schützend vor die Augen gehaltenen Hand, während der Anwalt die Axt stumpf auf den Boden vor sich fallen ließ und sein Werk angewidert begutachtete.
"Musste er gleich sterben?" Sie betrachtete ihn und den recht wehrlosen Dämon. Um es genau zu nehmen, hatte er sich wirklich nicht gewehrt, sondern mehr oder weniger sein Schicksal akzeptiert. Cordelia schüttelte sich, nicht Schicksal. Sie waren sein Tod gewesen.
Lindsay schritt an ihr vorbei, begann die Gegenstände von Angel aufzuheben und ihr in die Hand zu drücken. "Hätte ich ihn am Leben gelassen und ihm mehr Geld geboten als Wolfram & Hart, wäre es nicht sicher gewesen."
Sie betrachtete die Gegenstände in ihrer Hand und begann langsam zu begreifen. Jedes Bestechungsgeld hätte auch wieder überboten werden können und zudem hätte die Kanzlei dann mit ziemlicher Sicherheit gewusst, wer hinter der Sabotage steckte.
"Danke!", erwiderte sie deshalb nur kurz und erntete von ihrem Gegenüber ein Nicken.

~

Langsam schlug er die Augen auf und starrte die weiße Decke an. "Wir sollten uns mal überlegen, die Risse zu kitten und ein wenig neue Farbe aufzutragen."
Ein leises Lachen erklang neben ihm.
Angel drehte den Kopf zur Seite und sah in die erleichterten Gesichter seiner Freunde.
"Hey, war ich lange weg?"
"Zu lange", erwiderte Gunn, während Cordelia ihm über das Haar strich.
"Willkommen zurück!", lächelte sie erleichtert.
Er griff nach ihrer Hand und drückte sie. Fest sahen sie einander in die Augen.
"Danke Cordy!", raunte er und lächelte matt.
Sie nickte nur und spürte ein ganz übles Gefühl in ihrem Inneren hochkommen. Wenn Angel gewusst hätte, an wen sie sich gewandt hatte, mit wem sie zum wiederholten Male in Kontakt getreten war. Ihr wurde ganz schlecht, wenn sie an ihre Verlogenheit dachte.
Selbstschutz, nicht Verlogenheit, korrigierte sie sich selber. Selbstschutz!
Angel durfte auf keinen Fall etwas erfahren. So lächelte sie nur, setzte sich neben ihn und schwieg, denn alles was zählte, war, dass er wieder der alte war.


Ende


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