7.14 - Startschwierigkeiten von Nadia

7.14 - Startschwierigkeiten von Nadia

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Story Bemerkung:

Co-Autoren waren Anna-Lena und René
Joey öffnete das Fenster und eine frische Meeresbrise erfüllte den Raum. Die junge Frau holte tief Luft. Sie lehnte sich an Fensterrahmen und schaute auf den Strand hinaus. Joey fasste sich an ihren Bauch und sagte: „Das wird unser neues Zuhause, mein Schatz.“ Joey konnte es kaum glauben, aber jetzt freute sie sich auf das Baby und auf das gemeinsame Leben mit Pacey, das vor ihr lag. Eine Bewegung hinter ihr riss Joey aus ihren Gedanken, und als sie sich umdrehte, sah sie Pacey, der sie von der Tür aus beobachtete.

„Und gefällt es dir?“, fragte Pacey, als er zu ihr herantrat und Joey in den Arm nahm.

„Wenn ich ehrlich sein soll“, begann Joey zögerlich, was von Pacey mit einem erschrockenen Gesichtsausdruck beantwortet wurde, doch sie fuhr unbeirrt fort, „wenn man von den Dingen absieht, die noch zu erledigen sind, ist es perfekt.“

Joey kostete den Moment aus, in dem aus Paceys Gesicht der Schrecken wich und ein breites Grinsen sich breitmachte. „Das ist sehr gut“, meinte der werdende Vater und küsste die Frau seiner Träume, doch dann hielt er inne und löste sich sanft von Joey.

„Wir müssen runter. Mrs. Tuttle wartet mit dem Mietvertrag auf uns.“

Pacey und Joey fanden Mrs. Tuttle auf der Veranda lesend vor.

„Mrs. Tuttle?“, fragte Pacey, als die alte Dame keine Reaktion auf ihr Kommen zeigte.

Die zukünftige Vermieterin der Beiden schreckte hoch und sah sich um.

„Verzeihung, wir wollte Sie nicht erschrecken“, sagte Joey sofort.

„Machen sie sich keine Vorwürfe, Miss Potter. Wenn ich in ein Buch vertieft bin, vergesse ich alles um mich“, erklärte Mrs. Tuttle.

„Das scheint ein sehr fesselndes Buch zu sein“, meinte Pacey.

Oh, in der Tat. Diese Audra Claremont versteht es ihre Leser in den Bann zu ziehen“, sagte die alte Dame, als sie verstaute ihrem Schmöker in ihrer Tasche und eine Dokumentenmappe hervorholte. „So, jetzt sollten wir zum geschäftlichen Teil kommen. Hier ist nun der Mietvertrag.“

Pacey nahm die Mappe entgegen, wobei er sich fragte, warum der Name Audra Claremont ihm so bekannt vorkam. Das ist jetzt unwichtig, dachte Pacey und schlug die Mappe auf. Pacey las sich den Vertrag kurz durch. Alles war in dem Dokument festgehalten, wie er es mit Mrs. Tuttle vereinbart hatte.

„Nun gut, dann wollen wir es amtlich machen“, sagte Pacey und unterschrieb den Vertrag, dann reichte er Joey das Schriftstück.

„Ich hoffe, dass Sie beide hier sehr glücklich werden. Mein verstorbener Mann und ich haben hier die ersten Jahre unserer Ehe verbracht“, erzählte Mrs. Tuttle, wobei Wehmut in ihrer Stimme mitschwang.

Joey spürte, wie sich ihr Magen leicht zusammenzog, als sie das Wort Ehe hörte, doch dann gab sie Mrs. Tuttle ihre Kopie des Mietvertrages unterschrieben und mit einem Lächeln zurück. „Das hoffen wir auch, Mrs. Tuttle“, sagte Joey schließlich.

Mrs. Tuttle musterte schnell die Unterschriften und verstaute den Vertrag dann wieder in ihrer Tasche. Dann übergab sie in einer für Joeys Geschmack zu theatralischen Geste Pacey die Schlüssel für das Haus.

„Ich wünschen Ihnen für die Zukunft viel Glück“, sagte Mrs. Tuttle.

„Danke vielmals“, bedankte Pacey sich.

„Nun gut, sie haben noch eine Menge zu erledigen, deshalb werde ich gehen“, sagte schließlich die ältere Dame, wobei Pacey hätte schwören können, dass seine Vermieterin vielsagend zu gelächelt hatte, was sie für ihn noch sympathischer machte.

„Auf Wiedersehen, Mrs. Tuttle“, verabschiedet sich Joey.

„Ja, auf Wiedersehen“, erwiderte diese, reichte ihren neuen Mietern die Hand und verließ das Grundstück.

Pacey überkam ein unbeschreibliches Glückgefühl, so dass er Joey umarmen musste. Joey konnte seine Gefühle gut nachempfinden. Der Grundstein für eine gemeinsame Zukunft war gelegt.

„Ich liebe dich, Josephine Potter“, sagte Pacey, und Joey spürte, dass jeder Buchstabe so gemeint war.


~*~

Langsam öffnete die junge Blondine ihre Augen und nach und nach wurden die Konturen der Menschen um sie herum wieder deutlich. Die beruhigende Stimme der jungen Frau, welche die ganze Zeit gesprochen hatte, war verstummt. Nun blickten ihre Augen zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern hin und her.

„Denken sie immer daran, die Menschen, mit denen sie vorher zu tun hatten, sie sind auch noch nicht so weit. Während sie sich hier immer weiterentwickelt haben, saßen sie zu Hause herum und haben sich nicht verändert. Lösen sie sich von ihnen“, begann die Stimme plötzlich wieder zu erzählen.

Ashley Harper saß in einer ihrer Therapien. Gerade eben hatten sie wieder eine Übung gemacht, damit jeder sein inneres ICH fand. Doch dieses neue Thema behagte ihr gar nicht. Irgendwie schien die Gruppentherapeutin sie alle dazu bringen zu wollen, dass sie keinen Kontakt mehr mit den Menschen aus ihrem früheren Leben hatten, mit den Menschen, die sie liebten.

„Corinna, erzählen Sie uns doch mal von Ihren Erfahrungen mit diesen Thema“, forderte die Therapeutin eine junge Frau mit einem fein geschnittenen Gesicht auf.

Diese atmete tief ein und fing dann mit monotoner Stimme zu erzählen: „Vor der Therapie hat mich mein Freund immer unterstützt, doch jetzt, wo ich mich verändere, ist er total anders. Ich ändere mich zum Positiven und komme voller Energie nach Hause, doch er bringt es immer wieder fertig, dass ich in meine alten Verhaltensmuster verfalle. Seit drei Monaten bin ich nun nicht mehr mit ihm zusammen und es geht mir gut. Mittlerweile gehe ich schon wieder aus und bin ein ganz anderer Mensch.“

Erwartungsvoll sah sie in die Runde und schließlich klatschten ein paar der Mitglieder. Auch die Leiterin schien sehr zufrieden zu sein, doch Ashley hatte ihre Zweifel.

„Wieso soll man sich von den Menschen lösen? Schließlich haben sie einem schon die ganze Zeit geholfen und kennen die Probleme.“

Doch auch auf diese Frage hatte die Therapeutin eine Antwort: „Ganz einfach. Sie entwickeln sich weiter und die Mitmenschen nicht. Sie erwarten immer noch denselben Menschen und sind dann enttäuscht, wenn er auf einmal allein handeln kann und nicht mehr so viel Hilfe braucht.“

Mit einem Lächeln sah die Leiterin sie an. Höflichkeitshalber lächelte auch Ashley. Nach den letzten Worten verabschiedeten sich schließlich alle voneinander und stellten die Stühle zusammen.

Doch die junge Blondine war noch immer nicht überzeugt. Wie sollte sie sich von Justin lösen? Er war ihr Ehemann. Sie liebte ihn. Sollte sie ihm etwa vor den Kopf stoßen?

„Mrs ... Miller, hätten Sie noch ein paar Minuten Zeit für mich?“

Mit einem breiten Lächeln, vielleicht etwas zu breit, so dachte Ashley, drehte sich die Frau mittleren Alters um. „Aber sicher doch“, erwiderte sie herzlich. „Sie können mit Allem zu mir kommen.“

„Gut. Ich hätte da noch eine Frage, oder eher einen kleinen Kritikpunkt. Wieso soll ich mich von meinem Ehemann lösen? Ich meine, ich bin mit ihm verheiratet, weil ich ihn liebe und aus keinem anderem Grund.“

Nachdenklich zog Mrs. Miller die Stirn kraus, doch schließlich meinte sie: „Sie sollen sich ja auch nicht gleich von ihm trennen, aber meistens helfen schon ein paar Monate getrennt von ihm zu sein, um alles klarer zu sehen.“ Schließlich fügte sie noch hinzu: „Sehen Sie, Sie haben sich schon weiterentwickelt. Hätten Sie sich vor ein paar Monaten getraut auf einen Menschen zuzugehen und Kritik an ihm auszuüben?“

Ashley war, als hätte ihr jemand vor den Kopf geschlagen. Hatte ihre Therapeutin etwa Recht?

Die ältere Frau legte einen Arm um Ashleys schmale Schultern und riet ihr: „Denken Sie einfach mal darüber nach. Vielleicht finden sie ja etwas Wahrheit in meinen Worten und selbst wenn nicht, haben Sie darüber nachgedacht und können uns Ihre Erfahrungen schildern.“

Ein unsicheres Lächeln umspielte die Mundwinkel von Ashley. „Dankeschön. Ich werde darüber nachdenken. Vielleicht bin ich ja bis zum nächsten Treffen zu seinem Entschluss gekommen.“

„Ich wünsche Ihnen viel Glück. Bis zum nächsten Mal.“

„Tschüß“, verabschiedete sich auch Ashley. Nachdenklich ging sie aus dem Rathaus zu ihrem Auto, stieg ein und fuhr nach Hause. Auf dem Weg dorthin dachte sie über die Worte der Therapeutin nach, kam aber zu keinem Entschluss. Vielleicht sollte sie es probieren?

***

Doug hörte die unverkennbaren Schritte Jacks, als dieser die Treppen herunter gepoltert kam und kurz darauf die Küche betrat, während Doug am Frühstückstisch saß. Trotz der kürzlichen Auseinandersetzung hatte Doug den Tisch liebevoll gedeckt und stand auf, als Jack hereinkam, um ihm einen Kaffee einzuschenken, wie er es immer tat seit sie zusammenlebten.

„Guten Morgen“, grüßte Doug ihn mit zärtlicher Stimme.

Jack sah ihn nur ruhig an, nahm am Tisch platz und sah sich um. Er konnte Amy nirgends sehen und zu hören war sie ebenfalls nicht. „Wo ist Amy?“, fragte er daher Doug.

Mit der dampfenden Tasse in der Hand kehrte Doug zurück an den Tisch und reichte Jack selbige, ehe er antwortete. „Sie ist im Wohnzimmer und sieht sich die Teletubbies an.“

„Bist du bescheuert!“, kam es entsetzt von Jack, der aufsprang und ins Wohnzimmer ging.

Doug folgte ihm. „Wo liegt dein Problem, Jack?“ Der ältere der beiden Männer verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust und blieb hinter seinem Freund stehen. „Das geht doch nur ein paar Minuten und solange könnten wir in Ruhe frühstücken.“

„Die Teletubbies sind der letzte Mist. Ich will nicht, dass sie so einen Schwachsinn anschaut. So lernt sie niemals richtig zu sprechen, Doug. Und außerdem könnte man meinen, dass da irgendwas Unterschwelliges eingeblendet wird. Sieh sie dir doch mal an. Sie glotzt wie hypnotisiert in den Fernseher“, argumentierte Jack und deutete von Amy zum Fernseher.

„Fein, wenn du meinst. Dann sag’ du ihr, dass sie ihre Lieblingssendung nicht mehr anschauen darf.“ Doug wölbte eine Braue und hob Amy vom Fußboden auf, wo sie in einigem Abstand zum Fernseher gesessen hatte und sich von den beiden nicht hatte stören lassen.

Mit einem Mal begann sie in einem ohrenbetäubend grellen Ton zu schreien, kaum dass Jack den Fernseher ausgeschaltet und sich wieder Doug zugewandt hatte.

„Dass du mir den schwarzen Peter zuschiebst ist mies, Douglas.“

„Oh ho, jetzt muss ich mich vorsehen.“

Jack runzelte die Stirn und sah Doug fragend und immer noch wütend an.

„Wenn du meinen Namen voll aussprichst, ist das selten ein gutes Zeichen.“ Doug gab Amy einen tröstenden Kuss auf die Stirn, nahm Jack die Fernbedienung aus der Hand und machte den Fernseher wieder an. „Dann darfst du dir zum Trost was Anderes ansehen, okay?“ Er lächelte das Mädchen an, das nur wenig von diesem Ersatz zu halten schien. Als sie jedoch die Titelmelodie der Gummibärenbande hörte, zauberte dies sogleich ein Lächeln auf ihr verweintes Gesicht. Doug setzte sie daraufhin auf den Boden, streichelte ihr noch mal über das goldblonde Haar und blitzte Jack argwöhnisch an. „Seien wir doch ehrlich. Diese Auseinandersetzung hier hat nichts mit Amy und dem Fernsehen zu tun. Du bist mir immer noch böse, weil ich nicht mehr so tue als sähe ich nicht, was mit dir passiert.“

„Was passiert denn deiner Ansicht nach mit mir, Dr. Witter?“ In Jacks Augen funkelte es gefährlich.

Doug nahm ihn beim Arm und führte ihn zurück in die Küche, da er nicht wollte, dass Amy etwas von diesem Streitgespräch mitbekam. Als er sich außer Hörweite des Mädchens glaubte, ließ er von Jack ab, der wundersamer Weise freiwillig mitgekommen war.

„Du brauchst Hilfe, Jack. Ich weiß, dass du Jen vermisst und dass du es genießt, dass sie wieder da ist. Aber du denkst nur, dass sie da ist. Niemand außer dir kann sie sehen oder hören. Kommt dir das nicht seltsam vor?“

„Sie erscheint nur mir, weil niemand von euch sie so geliebt hat wie ich. Sie ist mehr als nur meine beste Freundin. Sie ist meine Seelenverwandte. Zwischen uns ist ein Band, das du niemals verstehen wirst!“ Jacks Stimme war eisig und Doug fröstelte instinktiv.

Das hier ging über Trauer weit hinaus. Und er glaubte nicht, dass er noch lange mit ansehen konnte, wie Jack offenbar immer mehr dem Wahnsinn verfiel. Sicher, Venus hatte ihm gesagt, dass es okay wäre und dass es vorbeiginge, wenn er Jack ließe, aber was, wenn es nicht einfach so vorbeigehen würde? Er konnte doch nicht einfach mit ansehen, was mit Jack geschah. „Ich verstehe durchaus, was zwischen euch war“, sagte Doug in einem beschwichtigenden Tonfall und legte eine Hand auf Jacks Arm.

Doch Jack zog augenblicklich seinen Arm zurück und blitzte Doug aus dunklen, grünen Augen an. „Du kannst es nicht verstehen, bis du deinen Seelenverwandten gefunden hast. Erst dann wirst du begreifen, *wie stark* dieses Band tatsächlich ist.“

„Was erwartest du von mir, Jack? Soll ich so tun, als wäre es normal, dass du mit jemand redest, der auf dem örtlichen Friedhof bestattet liegt? Soll ich den Umstand ignorieren, dass es in eurer Familie schon einmal solche Zwischenfälle gab, die in der Stadt für Aufruhr gesorgt hatten? Ich kann nicht einfach so tun, als wäre hier nicht auch deine berufliche Laufbahn auf dem Spiel. Du riskierst zu viel, Jack. Es geht hier nicht darum, was ich von dir halte. Hier geht es darum wie schädlich es für dich und Amy ist, was vor sich geht.“

Jack schluckte hart und blinzelte einige Male, erwiderte jedoch nichts. Er sah Doug einfach nur weiterhin mit diesem *und-wen-interessiert’s* Blick an.

***

„Und hier können wir ein Regal einbauen“, meinte Pacey und deutete auf eine kleine Nische neben der Fenstersitzbank im Wohnzimmer.

„Meinst du nicht, wir sollten uns erst um das Wesentliche, wie Tapete oder Teppich kümmern, ehe wir das Mobiliar klären“, entgegnete Joey.

„Schon, aber ich plane lieber im Voraus“, antwortete Pacey und begann die Nische mit einem Zollstock auszumessen.

Joey zückte wie so oft in den letzten Stunden ihren Notizblock, um die von Pacey diktierten Zahlen zu notieren. Das einzige, was Pacey sie hatte machen lassen, was Joey leicht ärgerte.

„Hast du alles?“, fragte Pacey, als den Zollstock wieder zusammenfaltete.

„Ja“, sagte Joey leicht entnervt.

„Stimmt was nicht?“, wollte Pacey von seiner Freundin wissen.

Joey war sich zunächst nicht sicher, ob sie etwas sagen sollte, schließlich wollte sie nicht schon wieder mit Pacey streiten, doch dann fragte sie: „Soll das jetzt die ganze Zeit so weitergehen?

„Was soll wie weitergehen?“, fragte Pacey irritiert.

„Das hier“, entgegnete Joey und deutete auf ihren Notizblock und Paceys Zollstock. „Ich will etwas mehr zu unserem neuen Zuhause beisteuern.“

„Aber bist du sicher, dass du dich nicht damit übernimmst?“, fragte Pacey, dem dämmerte, was die Mutter seines Kindes wurmte.

Joey strich ihre Haare hinters Ohr, dann trat sie vor Pacey und legte ihre Arme um ihn. „Ich weiß, deine Fürsorge zu schätzen, aber wenn du denkst, dass ich dich die ganze Arbeit alleine machen lasse, dann hast du dich getäuscht, Mister Witter.“

Pacey wollte gerade antworten, als Joey ihm ihren Zeigefinger auf den Mund legte. „Das ist mein Ernst, Pacey. Als Bessy in den Wehen lag, hat sie mich und sich über den Fluss gerudert, da werde ich in der Lage sein, einen Malerpinsel zu schwingen.“

Pacey sah Joey an. Er wusste, egal wie er ihr auch widersprechen würde, dass sie auf ihren Standpunkt beharren würde. Für diese Eigenschaft liebte er sie. Er nahm sanft Joeys Finger von seinem Mund und sagte: „Na schön, aber versprich mir, dass du dich nicht verausgabst.“

„Versprochen“, hauchte Joey, und sie küsste ihn leidenschaftlich. Nachdem sie sich aus ihrer Umarmung gelöst hatten, sagte sie: „Gut, dann gehe ich mal in den Keller und sehe nach, was dort gemacht werden muss. Du kannst hier ja weitermachen.“

Pacey verkniff sich den Kommentar, als Joey durch die Tür zum Keller ging, dafür holte er sich den jüngsten Kuss in seine Erinnerungen zurück und stellte sich vor, dass hier in diesem Haus noch weitere Küsse dieser Art geben würde. Doch bereits nach einigen Augenblicken kam Joey wieder aus dem Keller und riss Pacey aus seinen Tagträumen.

„Bitte sag’ mir, dass wir unten im Keller einen Swimmingpool haben, Pacey“, meinte Joey, wobei sie das Entsetzen aus ihrer nicht heraushalten konnte.

„Wie meinst du das?“, wollte Pacey wissen, dem Joeys Ton gar nicht gefiel.

„Sieh’ besser selbst nach“, forderte die junge Frau ihren Freund auf und deutete auf die Kellertür.

Sofort stieg Pacey hinunter in den Keller und sah, was seine Freundin so entsetzte. Aus einem Rohr an der Wand quoll Wasser heraus und floss in den Keller, so dass sich das Wasser im Keller staute. Pacey schaute sich um und entdeckte an der gegenüberliegenden Wand den Hauptwasserhahn. Er übersprang die letzten Stufen der Kellertreppe, wobei das Wasser bei seiner Landung nach allen Seiten spritzte. Das Wasser reichte ihm bereits bis zum Knöchel, als er durch das Wasser watete. Als er den Hahn zugedreht hatte, hörte das Wasser auf aus dem Rohr zu laufen. Mit seinem Handrücken wischte sich Pacey über seine Stirn und schaute sich. Als er in Richtung Treppe sah, entdeckte er Joey.

„Bitte sag, dass es schlimmer aussieht, als es ist“, sagte sie, als Pacey zu ihr rüberkam.

„Weiß nicht. Das Rohr dahinten ist undicht. Sehr wahrscheinlich muss es nur ausgetauscht werden“, meinte Pacey und zeigt auf das Kupferrohr, was noch vor ein paar Augenblicken jedem Springbrunnen Konkurrenz gemacht hätte.

Joey sah Pacey skeptisch an und sagte: „Und was ist, wenn es nicht nur dieses eine Rohr ist?“

Bei Pacey schallten die Alarmglocken. Seine Freundin machte sich bereits über Dinge sorgen, deren Eintreffen noch nicht feststanden, und machte sich nur unnötigen Stress.
Er nahm Joey in die Arme und drehte so ihren Blick von dem kleinen See in ihrem Keller weg. „Schatz, jetzt nur keine Panik. Ich werde jetzt einen Klempner anrufen, der sich die Sache ansehen soll. Und wenn wir wissen, was los ist, dann können wir uns unsere Köpfe zerbrechen. Einverstanden.“

Er sah Joey tief in die Augen und fuhr fort: „Dir und dem Baby tut es nicht gut, wenn du dich so viel aufregst.“

Joey holte tief Luft. Sie konnte die Wahrheit, die in Paceys Worten steckte, nicht verneinen. Und wer weiß, vielleicht war es kein großer Schaden.

„Na schön, ich werde einen Klempner bestellen“, sagte Joey.

„In Ordnung. Ich suche den Kellerabfluss. Da sich das Wasser angesammelt hat, muss er bestimmt verstopft sein“, meinte Pacey und gab Joey einen kleinen Kuss, bevor sie die Treppe ins Erdgeschoss hochging.

Pacey stieg zurück ins Wasser, um nach dem Abfluss zu suchen. Sein Blick blieb bei einem anderen Rohr an der Wand hängen, und er spürte, wie sich sein Magen leicht verkrampfte. Er hatte nicht viel Ahnung, doch nach seiner Einschätzung könnte dieses augenscheinlich verrostete Rohr als nächstes den Keller fluten.

‚Oh Gott, lasse bitte nur diese Rohre in einem miserablen Zustand sein‘, dachte Pacey.

***

Ashley parkte ihren Wagen in der Einfahrt der Harpers. Sie stellte das Radio aus und zog den Schlüssel aus dem Zündschloss. Müde sank ihre Hand in ihren Schoß. Irgendwie hatte sie noch nicht die Kraft dazu ins Haus zu gehen. Obwohl sie schon den ganzen Heimweg über an die Worte der Leiterin gedacht hatte, war sie noch zu keiner Lösung oder zu keinem Entschluss gekommen. Einerseits wollte sie den Ratschlägen folgen, denn schließlich hatten sie ihr schon oft geholfen, wenn auch nicht immer, doch andererseits wollte und konnte sie es doch Justin nicht antun. Seufzend blickte sie in den Rückspiegel, richtete ihre Haare, lächelte zur Probe und stieg dann aus dem Wagen, um Justin gegenüber zu treten.

Als sie die Haustür öffnete, beschlich sie schon ein komisches Gefühl. Das Haus lag sehr ruhig da, eigentlich zu ruhig. Sie hängte ihren Mantel auf und zog ihre Schuhe aus bevor sie in die Küche ging. „Justin?“, rief sie dabei.

Doch, keine Antwort.

Die junge Frau ging weiter durchs Haus – im Wohnzimmer fand sie schließlich Justin. Dieser saß in einem Meer von Kerzen und Rosenblättern. Mit einem Lächeln begrüßte er sie: „Hallo, Ash!“

Diese blickte sich total überrascht um. „Justin“, stotterte sie völlig überwältigt. Ein bisschen schüchtern und verlegen sah er sie an.

„Ich dachte, wir könnten uns einen schönen Nachmittag mit DVDs und chinesischem Essen machen“, erklärte er dann.

Im ersten Moment wollte Ashley ihm in die Arme sinken, doch dann hörte sie die Worte von Mrs. Miller. „Sehen Sie; Sie haben sich schon weiterentwickelt.“

Doch Justin schien immer noch diese Vorstellung von ihr zu haben. Genau wie früher würden sie nicht rausgehen und wieder den ganzen Tag drinnen sitzen und DVDs schauen. Das Lächeln glitt von dem Gesicht des Mannes und er setzte sich auf die Ledercouch.

Vorsichtig setzte sich auch Ashley auf die Lehne der Sitzgelegenheit. Sie sah zuerst auf ihre Hände – und dann kam ein kleines, unscheinbares Lächeln auf ihr Gesicht. Sie konnte es ihm noch nicht sagen. „Justin, die Überraschung ist wirklich wunderschön ...“

„Aber?“, fragte er, wobei sich kleine Fältchen in seiner Stirn bildeten.

„Aber hast du vergessen, dass ich heute meinen Termin bei der Kosmetikerin habe? Du weißt doch wie lange man immer warten muss, bis ein Termin frei ist.“

Betroffen sah Justin sie an. Seufzend sagte er: „Kannst du den Termin nicht ausfallen lassen?“

Eine steile Falte erschien auf dem Gesicht der blonden Frau als sie antwortete: „Nein, ich denke nicht. Schließlich können wir den Nachmittag auch morgen nachholen, oder?“

„Morgen habe ich ein Fototermin in Capeside und den muss ich ja wohl annehmen“, erwiderte er sofort.

„Ist ja auch schön für dich, aber mein Termin ist genauso wichtig für mich“, meinte Ashley und Justin hörte einen nicht gerade freundlichen Unterton heraus.

„Dann werden wir das hier wohl aufräumen und den Nachmittag irgendwann anders wiederholen müssen.“ In seiner Stimme klang deutlich Frust mit.

„Das Aufräumen musst du übernehmen, ich muss jetzt schon weg“, informierte ihn seine Ehefrau und stand schon auf.

Justin konnte ihr nur mit offenem Mund hinterher schauen. Was war denn gerade eben passiert? Sein Gehirn war gar nicht so schnell mitgekommen. Sie war irgendwie richtig abweisend und kühl gewesen. Früher hatte sie sich immer über solche Gesten gefreut. Grübelnd saß er weiterhin auf der Couch, seine Ellenbogen auf den Knien gestützt.

Aber auch Ashley grübelte über ihr Verhalten nach. War es richtig gewesen? Oder hatte sie soeben den zweitgrößten Fehler ihres Lebens begangen? Sie schnappte sich ihren Mantel und die Autoschlüssel, um an den Strand zu fahren um in Ruhe nachdenken zu können. Natürlich musste sich nicht zur Kosmetikerin, aber das war die einzige plausible Notlüge gewesen, die ihr so schnell eingefallen war. Mit einem Seufzen zog sie die Haustür hinter sich zu.

***

Aus dem Spiegel blickte ihm ein zorniger Mann entgegen, dessen Wangen und Hals mit weißem Schaum bedeckt waren. Geschickt fuhr er mit dem Rasierer von unterhalb seiner linken Kotelette bis seinem Hals hinab.

„Ich kann ihn durchaus verstehen“, erklang von hinter ihm Jens verständnisvolle Stimme. Er konnte sie sehen, wenn er die rechte Schulter leicht zur Seite wegbewegte. Sie saß auf der geschlossenen Toilette und sah ihm zu. „Vielleicht solltest du einfach etwas vorsichtiger werden. Wenn Doug glaubt, dass wieder alles beim Alten ist, dann wird das auch die ganze Stadt glauben. Es wird zu keinem Gerede kommen und weder du musst dich um deinen Job sorgen, noch er.“

Jack nickte und rasierte eine weitere Bahn parallel zu der ersten. „Warum klingt alles, was du sagst immer so vernünftig? Woher hast du nur all diese Weisheiten?“ Er lächelte Jen erleichtert und auch dankbar an. Wie konnte auch nur irgendwer davon ausgehen, dass er imstande wäre ein Leben ohne sie zu führen? Sie war seine andere Hälfte, sie machte ihn vollständig.

„Was soll ich sagen“, grinste Jen, stand auf und trat hinter Jack. Sie vermochte es gerade mal so, wenn sie auf Zehenspitzen stand, hinter seiner Schulter hervor in den Spiegel zu sehen. Zärtlich schlang sie ihre zierlichen Arme um seinen nackten Oberkörper und schmiegte sich von hinten an ihn, „ich bin eben ein Genie.“

„Ich liebe dich“, sagte Jack, drehte sich zu ihr um und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Er hinterließ dabei eine Spur von Rasierschaum und lächelte entschuldigend, als er es wieder mit den Fingerspritzen abwischte. „Sorry.“

Sie zuckte nur die Schultern. „Ich dich auch.“ Damit wandte sie sich ihrer Tochter zu und Jack fuhr mit der Rasur fort.

„Wie geht es Joey und Pacey?“, wollte Jen nach einiger Zeit wissen.

„Gut, soweit ich das mitbekommen habe. Sie haben sich zusammengerauft.“ Auf Jacks Gesicht war nur noch ein Rest Schaum und den wusch er geschwind mit ein wenig klarem Wasser ab, ehe er das Aftershave auftrug.

„Das freut mich zu hören. Ich hab mir wirklich Sorgen um die beiden gemacht. Sie passen so herrlich zusammen.“ Sie streichelte die Wangen ihrer kleinen Tochter und gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze, ehe sie sich wieder Jack zuwandte. „Sie werden das Kind also behalten?“

„Ich denke schon“, erwiderte Jack und verkniff es sich ob des starken Nachbrennens des Aftershaves laut aufzuschreien. Er beneidete Frauen, was das anging. Sie mussten sich nicht jeden Morgen dieser kleinen Hölle aussetzen. Und es brannte im wahrsten Sinn des Wortes wie Feuer in seinem Gesicht.

„Ich hatte es Joey ganz ehrlich gesagt auch nicht zugetraut, dass sie eine Abtreibung vornimmt. Sie ist nicht der Typ dafür.“

Jack griff nach seiner Zahnbürste und der Tube Zahncreme und begann seine Zähne zu putzen. Aus dem Augenwinkel beobachtete er währenddessen, wie Jen mit Amy spielte. Es erfüllte ihn mit Wärme zu sehen, wie gut sich Jen immer fühlte, wenn sie sich mit ihrer Tochter beschäftigen konnte. Zu seinem Leidwesen fühlte sich Amy dabei offenbar weit weniger gut. Immer wenn er versuchte sie in die Arme ihrer Mutter zu geben, weinte das kleine Mädchen. Woher das kam konnte er sich beim besten Willen nicht erklären. Amy hatte doch früher nie geweint, wenn Jen sie in die Arme genommen hatte.

„Möchtest du sie nicht aus dem Sitz nehmen?“, fragte er Jen, nachdem er die Zahnpaste ausgespuckt hatte und ehe er begann den Mund auszuspülen.

„Ich weiß nicht recht. Sie schreit immer, seit …“ Jen sah bedrückt auf ihre Tochter hinab, ohne den Satz zu vollenden.

„Hm“, machte Jack. „Vielleicht sollten wir daran arbeiten.“

„Oder wir belassen es dabei. Ich bin schon froh, wenn ich sie streicheln und beobachten darf.“ Sie lächelte plötzlich wieder ihr schönstes Jen-Lächeln.

„Tut mir leid“, kam es dennoch bedauernd von Jack.

„Schon okay, ehrlich.“ Jen legte ihre rechte Hand auf Jacks Arm, als dieser Amy aus dem Sitz hob und streichelte ihn sanft. „Ich bin nur froh, dass sie dich so sehr mag.“

Jack nickte und nach einem Augenblick verließen die drei das Badezimmer.

***

Joey setzte sich erschöpft auf die Sitzbank am Wohnzimmerfenster. Sie und Pacey hatten die letzten Stunden damit verbracht den Keller sauber zu machen, bis endlich der Klempner eintraf, der nun mit Pacey unten war, um sich den Schaden anzusehen. Joey fröstelte, und sie nahm Paceys Jacke und legte sie um ihre Schultern. Sie konnte nicht sagen woher, doch langsam machte sich bei Joey ein ungutes Gefühl breit. Und fast wie befürchtet hörte sie Pacey unten im Keller brüllen. Joey sprang auf und machte sich auf in den Keller, wo Pacey und Mister Calhoun, der Klempner, dabei waren, eine weitere Fontäne zu stoppen, die nun aus einem anderen Rohr kam.

Pacey konnte vor lauter Wasser nichts sehen, so dass er ständig mit seiner Hand die Rohrzange verfehlte. Joey reichte ihrem Freund das Werkzeug, wobei sie auch von dem Kellerspringbrunnen eingeweicht wurde.

Als nun das Wasser erneut abgedreht worden war, fragte Joey: „Was um alles in der Welt ist passiert?“

Mister Calhoun trocknete sich seine hohe Stirn mit einem Taschentuch ab, das durch den Rohrbruch bereits so nass war, dass es nicht den gewünschten Effekt hatte. „Wie ich Mister Witter bereits sagte, Miss Potter, sind die Rohre in diesem Haus alle recht veraltet“, begann der Klempner seine Erklärung.

„Und das bedeutet.“

Joey hatte ihre Frage an Pacey direkt gerichtet, da sie mitbekommen hatte, dass der Vater ihres Kindes mit Handzeichen versucht hatte, den Klempner zum Schweigen zu bringen.

„Lass uns erst nach oben gehen“, sagte Pacey beschwichtigend, der ahnte, dass Joey sich über die Wahrheit ärgern würde.

„Pacey, ich frage dich noch einmal, was ist los?“

Die Tatsache, dass Pacey nicht mit der Wahrheit rausrücken wollte, bestärkte Joey in ihrem unguten Gefühl.

„Also, ich werde dann mal raufgehen, und mein Werkzeug in den Wagen packen. Sie haben ja meine Nummer“, sagte Mister Calhoun und verließ schleunigst den Keller.

„Wir werden uns melden“, sagte Pacey, doch dann traf ihn wieder Joeys vorwurfsvoller Blick, und er sah zum Boden, wo sich etliche Pfützen gesammelt hatten.

„Und?“ Joeys Stimme ließ kein Platz für Ausflüchte, und Pacey wusste nur zu gut, dass er mit der Wahrheit nicht mehr hinterm Berg bleiben konnte.

„Es sieht ernster aus als es ist. Die Rohre sind alle veraltet. Die werden erst ausgetauscht werden müssen, ehe wir renovieren können“, erklärte Pacey vorsichtig.

„Und das bedeutet“, meinte Joey und stemmte ihre Hände in ihre Hüften.

„Dass sich unser Einzug etwas nach hinten verschieben wird“, vervollständigte Pacey den Satz seiner Freundin und legte seine Hand auf ihre Schultern.

„Fein, dann ziehen wir eben später ein.“ Wobei Joey bei diesen Worten ihren enttäuschten Gesichtsausdruck nicht verbergen konnte. Sie fühlte sich plötzlich müde und kraftlos.

„Hey, hey, wer wird denn da gleich trübe aus der Wäsche gucken“, sagte Pacey sanft und nahm Joey in seine Arme.

„Es ist nur, dass ich mich so auf das Haus, unser neues Zuhause, gefreut habe“, versuchte Joey ihren Gemütszustand zu erklären.

„Ich weiß, was du meinst, aber das Ersetzen der Rohre verlängert die Renovierung lediglich um zwei Wochen.“ Pacey strich eine nasse Haarsträhne aus ihrer Stirn.

„Komm lass uns nach Hause gehen“, sagte er schließlich.

„Wir sind schon daheim“, meinte Joey, und die Beiden sahen sich tief in die Augen, bis sich auf Paceys Gesicht sein spitzbübisches Lächeln breitmachte.


„Was hältst du davon, wenn wir unser Zuhause gebührend einweihen, Josephine Potter“, fragte Pacey, und er bekam als Antwort einen zärtlichen Kuss. Und das Paar verließ den Keller.

***

Langsam schlenderte der dunkelhaarige Mann mit seinem Kaffeebecher von der Küche ins Wohnzimmer. Es sah alles wieder normal aus, doch es war nicht mehr normal. Alles hatte sich vor ungefähr drei Stunden geändert. Ashley war nach Hause gekommen, aber erst jetzt hatte er ihre offensichtliche Veränderung bemerkt. Irgendwann in letzter Zeit hatte sie sich verändert, doch ob positiv oder negativ, das hatte er bis jetzt noch nicht festgestellt.

Ein Knarren ließ ihn aus seinen Gedanken aufschrecken. Sein Blick wanderte zur Wohnzimmertür und da stand sie, seine Frau.

„Hey“, räusperte er sich.

„Hey“, erwiderte sie mit einem schwachen Lächeln. Mit unsicheren Schritten kam sie auf ihn zu, sagte jedoch nichts.

„Ich glaube wir sollten miteinander reden“, fing er langsam an und schaute ihr dabei direkt in die Augen.

„Aber worüber denn?“, fragte sie scheinbar überrascht. Insgeheim wusste sie jedoch, worauf er hinaus wollte. Natürlich auf ihr merkwürdiges Benehmen.

„Vielleicht über dein Verhalten?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen sah er sie ein wenig spöttisch, aber ernsthaft an. „Glaube nicht, dass ich es nicht bemerkt habe und dich so davon kommen lasse. Dazu bist du mir zu wichtig.“

Dieser Satz brach alle Schranken bei Ashley im Kopf. Justin war ihr Mann, den sie über alles liebte. Sie brauchte keinen Abstand zu ihm, ganz im Gegenteil, sie brauchte seine Nähe. Langsam setzte sie sich lächelnd neben ihn. „Ich glaube wirklich, dass ich dir etwas zu sagen habe“, gestand Ashley. „Mir ist einiges klargeworden und du verdienst es zu erfahren.“

Aufmerksam sah Justin seine Ehefrau an. Dieser wiederum atmete tief durch, bevor sie anfing zu erzählen: „Mrs. Miller, die Therapeutin, hat uns erzählt, dass man sich von den Leuten seines früheren Lebens am besten trennen sollte, oder jedenfalls Abstand halten sollte, um sich selbst vollständig wahrzunehmen.“

„Aber wieso denn?“, unterbrach sie der dunkelhaarige Mann.

Sie zuckte mit den Schultern. „Das soll was mit der Weiterentwicklung des ICHs zu tun haben. Sie ist der Ansicht, du hieltest mich davon ab, mich zu entwickeln, so dass ich immer abhängig von dir bleibe.“

Langsam nahm Justin Ashleys Hand in seine und sah sie zärtlich an: „Aber das ist doch Unsinn. Wir waren doch stets offen zueinander.“

Tränen traten in Ashleys Augen. „Ich weiß“, presste sie hervor und sah ihm genau in die Augen. „Ich weiß, dass ich dir alles sagen kann.“

„Genau. Und ich werde immer für dich da sein, okay? Egal was passiert. Ich brauche dich eben so sehr wie du mich brauchst. Das ist die Bedeutung von Liebe.“ Er lächelte sie zärtlich an.

„Danke, Liebling.“ Ashley schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn an sich.

Justin genoss es, sie wieder in den Armen zu halten. „Außerdem bin ich stolz auf dich. Nicht jeder bekommt es hin, von allein eine Therapie zu machen und einzusehen, dass man Hilfe braucht.“

„Danke. Es war auch nicht leicht für mich, aber es gab da ja eine Menge Leute, die mir geholfen habe.“

„Ach ja?“, fragte Justin ein bisschen spöttisch und mit einem Grinsen.

Ashley löste sich aus seiner Umarmung und sah ihn ebenfalls grinsend an. „Wirklich? Stimmt, Andie hat mir wirklich sehr geholfen“, meinte sie dann ein bisschen ironisch. Lachend küsste sie ihn. Nachdem sich ihre Lippen wieder getrennt hatten, sah sie ihn nachdenklich an. „Justin ...“, fing sie an, doch er legte ihr einen Finger auf die Lippen. „Justin“, setzte sie erneut an, wurde jedoch erneut von ihm unterbrochen.

„Ssssh, ist schon gut“, sagte er nur, doch Ashley unterbrach ihn erneut.

„Justin, ich liebe dich.“ Ihr Gesichtsausdruck war so ernst, dass es ihn etwas verwunderte.

Daher sah er sie etwas überrascht an, ehe schließlich ein Lächeln auf seinem Gesicht erschien. Sanft fuhr seine Hand über ihre Wange und er strich ihr das blonde Haar aus dem Gesicht. „Ich liebe dich auch, Ashley.“

Glücklich lächelte sie ihn an und schließlich trafen sich ihre Lippen wieder in einem zärtlichen Kuss.

***

Doug saß auf der Couch im Wohnzimmer, als Jack die Stufen hinab und den Eingangsbereich betrat. Amy auf dem Arm tragend ging er ins Wohnzimmer zu Doug und sah ihn missmutig an. „Ich muss los.“ Mit diesen Worten übergab Jack das kleine Mädchen an Doug.

„Warte, Jack. Ich möchte, dass wir das Gespräch von vorhin … zu Ende bringen. Wir sollten aufhören diese Sache vor uns her zu schieben.“

„Was willst du von mir hören, Doug? Dass ich mich selbst als durchgeknallt deklariere? Dass du im Recht bist und ich im Unrecht?“

„Hör dir doch nur mal selbst zu“, bat Doug mit sanfter Stimme, während Jack von einer Sekunde zur anderen wieder auf 180 zu sein schien. „Du klingst wie jemand, der süchtig ist und nicht bereit, sich dies einzugestehen. Verleugnung nennt sich diese Phase.“

„Phase?!“, erboste sich Jack. „Bist du jetzt schon ein Therapeut oder was? Vielleicht solltest du selbst mal zu einem Psychologen gehen. Du klingst wie jemand, der eifersüchtig ist und unfähig zu akzeptieren, dass er in einer Beziehung nicht der Mittelpunkt ist.“ Jack stemmte die Hände in die Hüfte und trat näher an Doug heran, der Amy fest und fast schon schützend im Arm hielt. „Dein Problem ist, dass du es nicht erträgst, nicht der Mittelpunkt in meinem Leben zu sein. Du kannst einfach nicht akzeptieren, dass Jen und Amy die beiden Menschen sind, denen meine Liebe zu aller erst gilt.“

Doug blinzelte fassungslos einige Tränen fort, die mit einem Mal seinen Blick trübten. Wie konnte Jack nur so etwas sagen? Er fühlte sich plötzlich, als presse ihm Jack einen geladenen Revolver aufs Herz. Fehlte nur noch, dass er den Abzug betätigte. Dougs Innerstes schrie vor Schmerz, doch er bemühte sich diese Gefühle nicht sichtbar werden zu lassen. Stattdessen versuchte er Ruhe auszustrahlen und dieselbe Gleichgültigkeit, mit der Jack ihm seit geraumer Zeit begegnete.

„Vielleicht, Doug, ist es das. Möglicherweise ist dies das Ende unserer Beziehung“, kam es nach einer kurzen Pause über Jacks angespannte Lippen und Doug fühlte die metaphorische Kugel, die sein Herz durchschlug und eine klaffende Wunde zurückließ.

Er schüttelte tief getroffen den Kopf und versuchte Jack am Arm zu berühren. „Sag’ so was nicht, Jack.“ Er schluckte schwer und bemühte sich weiterhin den Tränen zu widerstehen. „Ich lasse mich nicht einfach so aus deinem Leben verbannen. Nicht jetzt, wo du mich so dringend brauchst.“

„Ich brauche dich nicht“, fauchte Jack.

„Doch, das tust du. Du weißt es vielleicht noch nicht oder du möchtest es nicht einsehen, aber du brauchst mich jetzt mehr denn je. Du brauchst meine Liebe, die dir Kraft gibt um das durchzustehen, was im Augenblick vor sich geht. Und ich lasse mich von dir nicht aus deinem Leben ausschließen.“ Dougs Stimme zitterte, ebenso sein Kinn. „Ich liebe dich, Jack, ganz gleich wie sehr du dich bemühst mir mit Worten wehzutun. Ich lasse mich nicht vergraulen.“


„Fein, dann nicht. Aber nur, weil du dich weigerst mein Haus zu verlassen, heißt das nicht, dass ich weiterhin in einer Beziehung mit dir stehe. Ich will, dass du von heute an auf der Couch schläfst, oder sonst wo. Jedoch nicht mehr in meinem Bett. Ich habe Jen deine Hälfte angeboten.“ Mit diesen Worten wandte sich Jack um, verließ das Haus und ließ Doug und Amy allein.

Doug sank mit wackligen Beinen auf die Couch zurück und vermochte es nicht länger Stärke zu demonstrieren. Tränen suchten sich nun einen Weg über seine Wangen und fielen stumm auf das Kind in seinen Armen hinab, das ihn aus klaren blauen Augen ansah, als verstünde es, was eben geschehen war.

***

Langsam wählte Justin die Nummer von Mr. Petersen, seinem Arbeitgeber. Natürlich hatte er über seine Entscheidung nachgedacht – und sie war richtig gewesen.

„Petersen“, meldete sich eine dunkle Stimme im nächsten Augenblick.

„Hallo, hier ist Justin Harper“, grüßte er zurück und kam dann auch gleich zur Sache, da er das Gespräch so schnell wie möglich hinter sich haben wollte. „Ich wollte nur eben bescheid sagen, dass ich den Termin nächste Woche nicht wahrnehmen kann.“

„Oh-kay“, meinte Mr. Petersen gedehnt. „Vielleicht können wir den Termin ja noch verschieben. Wie sieht’s bei Ihnen in der Woche danach aus?“

Justin schaute nervös auf seine Schuhe und sagte dann: „Ich muss Ihnen leider sagen, dass ich nur noch Aufträge in Capeside annehme.“

Am anderen Ende der Leitung hörte man einen deutlichen Atemzug. „Wie bitte? Sie wollen nur noch Aufträge in Capeside? Könnten Sie mir mal Gründe nennen?“

Der dunkelhaarige Mann schluckte hart und meinte dann: „Ich habe einige Probleme in der Familie und muss diese erst klären. Das schließt weite Reisen in andere Staaten aus.“

Mr. Petersen war ziemlich ruhig und Justin kaute nervös auf seinen Fingernägeln. Eigentlich konnte er es nur akzeptieren, oder ...

„Okay, dann werden Sie sehen, wie sich das auswirkt. Ich kann Ihnen nur sagen, dass Sie die Probleme schnell in den Griff bekommen sollten.“

Mit einer ziemlich dünnen Stimme erwiderte Justin: „Okay, das werde ich.“

„Ich werde mich dann bei Ihnen melden, wenn ich einen Auftrag in Capeside für Sie habe“, sagte Justins Chef schließlich ziemlich frostig.

Im nächsten Moment ertönte auch schon das Tuten in der Leitung. Wie in Trance, legte Justin schließlich den Hörer auf. Irgendwie hatte er sich das Gespräch anders vorgestellt. Aber Ashley zu Liebe würde er alles aufgeben. Sie würde immer sein Mittelpunkt sein.

Im nächsten Augenblick erschien diese auch in der Küche. Als sie ihren Ehemann erblickte, war sie erstmal ziemlich überrascht. „Justin. Was ist mit dir los?“ Langsam kam sie auf ihn zu und suchte seinen Blick, doch seine blauen Augen wichen ihren aus. Vorsichtig fasste sie ihn an den Schultern und sah ihn eindringlich an. „Was ist denn los? Gibt es schlechte Nachrichten?“

Leicht verwirrt schüttelte er seinen Kopf und sah sie an. „Nein, überhaupt nicht. Ich habe gerade mit meinem Arbeitgeber telefoniert.“

Mit einem total neugierigen Blick sah sie ihn an. „Jetzt sag doch endlich, was los ist. So wird man ja noch ganz verrückt“, sagte sie bittend.

„Ich werde nur noch in Capeside arbeiten, sodass ich bei dir sein kann“, sprudelte es aus ihm heraus und nun war er es, der einen neugierigen Blick hatte.

Völlig überrumpelt sah die Blondine ihn an. „Du hast was getan?“, stotterte sie schließlich und sah ihn mit großen Augen an. Doch schon im nächsten Moment lag sie in seinen Armen. „Du bist ein Schatz. Oh, Justin, ich liebe dich.“ Sie sah ihn einen langen Moment an, ehe sie ihn wieder freudig umarmte und schließlich innig küsste. „Du glaubst gar nicht, wie glücklich ich bin, dass du das für uns tust. Obwohl, weil ich so komisch und kühl zu dir war.“

„Dafür bin ich doch da, mein Liebling.“ Auch er lächelte sie an und beide küssten sich erneut zärtlich.

Im nächsten Moment war sie wieder total aufgeregt und sah ihn an. „Ich muss eben noch schnell die Wäsche machen und danach können wir frühstücken.“

Bevor ihr Mann noch etwas sagen konnte war sie auch schon wieder im Nebenzimmer verschwunden. Lächelnd und kopfschüttelnd sah Justin ihr hinterher. Manchmal war sie so einfach wie ein Kind zu begeistern. Er blieb allerdings mit der Sorge um seinen Job zurück, den er durch die Verweigerung der Reisen einem hohen Risiko aussetzte. Vielleicht sollte er auch einfach optimistisch sein und in seine Zukunft mit Ashley schauen. Doch eine kleine, steile Falte blieb zwischen seinen Augenbrauen bestehen.


Fade to black…


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