7.05 - Was ist und was sein wird von Nadia, Mona
7.05 - Was ist und was sein wird by Nadia, Mona
Summary: Weihnachten steht vor der Tür. Dawson besucht seine Mutter und trifft sich mit Joey zum traditionellen Besuch auf dem Capesider Weihnachtsmarkt. Währenddessen versucht Andie in Deutschland ihre Beziehung zu Sasha zu retten. Außerdem werden Ashley und Justin eingeladen, das Weihnachtsfest bei Dawsons Familie zu verbringen, um alle näher kennenzulernen.
Categories: TV-Serien > Dawson's Creek Characters: Multi-Chars/Ensemble
Genre: Friendship, Romance, Slash, X-Mas
Pairing: Jack McPhee / Doug Witter, Joey Potter / Pacey Witter
Challenges:
Series: The Creek - Virtuelle Staffel 7
Chapters: 2 Completed: Ja Word count: 14949 Read: 24676 Published: 28 Aug 2015 Updated: 28 Aug 2015

1. Chapter 1 by Nadia

2. Chapter 2 by Nadia

Chapter 1 by Nadia
There's a feeling in the air, it's beginning to look like Christmas everywhere.
Hear the gentle sounds of the snowflakes trickle down without a care.
People stop and stare, the Christmas tree is there, a star on the top which nothing can't compare.



22. Dezember 2008

Joey sah sich suchend um. Wie sollte sie nur zwischen all diesen Menschen Pacey finden? Der Flughafen von Boston war überfüllt und die Luft war stickiger als jemals zu vor. Joey ging ein Stückchen in die Menge, doch sie war sich sicher, Pacey in dieser Masse nie zu entdecken. Sie seufzte und lockerte ihren braunen Wollschal, um nicht zu ersticken.

Schließlich kramte Joey in ihren Rucksack, auf der Suche nach ihrem Handy. Vielleicht hatte Pacey ja angerufen und sie hatte es nicht gehört! Doch auf dem Display war kein Brief angezeigt, was bedeutete, keiner hatte angerufen. Frustriert ging Joey ein paar Schritte weiter. Das machte Pacey doch sonst nicht!

Seit dem Anfang dieser New York/Capeside Beziehung hatte er sie nicht einmal warten lassen und Joey hätte auch nie im Traum daran gedacht, ihn warten zu lassen! Die Leute um sie herum wurden weniger. Plötzlich entdeckte sie endlich Pacey.

Er kam auf sie zugestürmt. »Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir echt leid, es tut mir sooo leid!« Pacey drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. »Ich werde dich nie, nie wieder warten lassen, aber ich musste noch dein Weihnachtsgeschenk besorgen!«

»Ach echt?« Joey musterte ihn suchend. »Wo ist es denn?«

»Im Auto, unter meinen Sitz geklemmt, und wehe du siehst nach!«, sagte Pacey streng und nahm ihr den Koffer ab.

Joey nahm ihrerseits seine freie Hand und die beiden schlenderten dem Ausgang entgegen.

»Das Geschenk ist echt krass«, begann Pacey Joey zu ärgern.

»Ach ja? Gib mir einen Tipp. Wie sieht es aus?!« Joey ließ sich auf das Spielchen ein, neugierig wie sie war.

Pacey schmunzelte. »Es ist groß, aber wenn man es mit einem Auto vergleicht, ist es ziemlich klein. Es kann weder sprechen, noch ist es lila.«

Joey gab sich eingeschnappt. »Warum krieg ich dieses Jahr kein Auto in lila, das spricht?!?«

Das Paar verließ den Flughafen. Die Luft war kühl, doch die beiden ließen sich Zeit zum Wagen zu kommen.

»Weißt du, was das Beste an diesem Weihnachten ist?« Pacey sah Joey an.

Joey lächelte. »Dass du mich mit meinem Weihnachtsgeschenk quälen kannst, das ich erst in drei Tagen aufmachen darf?!«

»Nein, mein Schatz, dass Schönste ist, dass ich mit dir feiern darf.« Pacey lächelte. Die beiden blieben stehen und küssten sich lange.

»Das hast du süß gesagt«, meinte Joey, als die beiden weitergingen, Hand in Hand, wie das verliebte Paar, das sie ja waren.

»In den letzten Jahren und Tagen ist so viel schiefgelaufen, aber jetzt ist wieder alles in Ordnung. Amy kann bei Jack bleiben, Dougie lebt jetzt mit Jack zusammen, du und Dawson redet normal miteinander - wenn man das so nennen kann - und wir sind glücklich«, setzte Pacey eines oben drauf und lächelte triumphierend: »Ich bin der Meister des Süßholzraspelns, findest du nicht auch?«

Joey lachte. Die beiden kamen bei Paceys Auto an und stiegen ein. Er startete den Motor und die beiden fuhren los.

Joey beugte sich nach unten. »Kann ich das Geschenk so vielleicht sehen?«

»Auf keinen Fall«, meinte Pacey bestimmend und schob Joey wieder nach oben.

Joey lachte vergnügt.

~*~

Erschöpft stellte Andie McPhee die schweren Einkaufstaschen in der Küche ab. Mittlerweile war ihr Nase rot und sie war froh, endlich wieder daheim zu sein. Den ganzen Vormittag hatte sie damit zugebracht, die letzten Weihnachtsgeschenke einzukaufen. Natürlich wusste sie, dass sie spät dran gewesen war, doch trotzdem hatte sie nicht vermutet, so lange mit dem Einkaufen beschäftigt zu sein.

Nachdem sie ihren Mantel und den Schaal ausgezogen hatte, kochte sie sich einen heißen Tee, denn noch immer war sie ziemlich durchgefroren.

Mit roten Wangen pfiff sie zu den Weihnachtsliedern, die gerade im Radio liefen und machte sich nun daran die Geschenke einzupacken, damit sie noch pünktlich abgeschickt werden konnten.

Für ihre Freunde in Capeside Geschenke zu besorgen war ziemlich einfach gewesen, denn ihnen konnte man leicht eine Freude machen und außerdem war sie ja gerade in Capeside gewesen.

Für Sasha ein passendes Geschenk zu finden, war weit schwieriger gewesen. Ein bisschen sorgenvoll sah sie aus dem Fenster, an das der Regen prasselte. In Deutschland hatte es bisher noch immer nicht geschneit, dafür regnete es pausenlos.

In den ganz normalen Geschäften hatte sie einfach nichts für Sasha finden können. Irgendwie musste sie sich noch inspirieren lassen, wenn sie am Heiligabend nicht ohne Geschenk dastehen wollte.

Seufzend wandte sie sich wieder dem Geschenk von Jack zu und bemerkte gar nicht, wie hinter ihr die Wohnungstür geöffnet wurde.

»Hallo Liebes«, ertönte die dunkele Stimme von Sasha hinter ihr und ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Obwohl sie ihre Probleme hatten, zauberte seine Anwesenheit bei ihr noch immer ein Lächeln aufs Gesicht. »Packst du Weihnachtsgeschenke ein?«

Mit einem konzentrierten Gesichtsausdruck faltete Andie das Geschenkpapier sorgfältig und knotete eine kunstvolle Schleife zum Abschluss.

»Hey, wie lief es in der Agentur?«, erkundigte sich Andie, nachdem sie sich umgedreht hatte und ihn ansah.

»Danke, ganz gut. Ich bin extra früher nach Hause gekommen.«

»Dann können wir ja heute Abend etwas zusammen unternehmen«, meinte Andie freudig und strahlte ihn an.

Mit einem zerknirschten Gesichtsausdruck gestand Sasha ihr: »Es tut mir leid, aber heute Abend ist doch das Geschäftsessen mit einem der wichtigen Käufer.«

Enttäuscht schaute Andie auf ihre Hände und meinte dann: »Und ich dachte, wir machen mal wieder etwas zusammen. Wenigstens in der Weihnachtszeit.«

Bedauernd schaute Sasha sie an: »Es tut mir wirklich leid, Liebes. Aber du weißt ja, dass wir in der Weihnachtszeit wieder meine Eltern besuchen müssen und außerdem wollte dein Vater doch auch noch vorbeikommen.«

Mit einem traurigen Gesichtsausdruck stand Andie auf und ging zu Sasha hinüber. Dieser nahm sie in die Arme und sagte: »Wenn wir irgendwo anders wären, könnten wir auch vieles anders machen. Aber du weißt, dass meine Eltern darauf bestehen, dass wir sie an Weihnachten besuchen.«

Doch der letzte Satz interessierte Andie gar nicht. »Du meinst, wenn wir woanders wären, hätten wir mehr Zeit für uns?«, überlegte sie gedehnt.

Sasha antwortete mit einer hochgezogenen Augenbraue. »Wenn du es so sagen willst, hast du recht.«

Freudig blickte Andie ihn an und meinte dann: »Dann habe ich schon ein passendes Weihnachtsgeschenk für dich.«

Neugierig musterte ihr Freund sie und fragte dann mit einem Welpenblick: »Verrätst du es mir?«

Doch Andie blickte ihn nur mit einem freudigen Lächeln an. »Wenn ich es dir jetzt verrate, dann ist es keine Überraschung mehr. Lass dich einfach ... überraschen.« Damit ging sie zur Gardarobe und nahm ihren Mantel und ihren Schaal erneut in die Hände und verabschiedete sich von Sasha. »Ich muss eben noch etwas besorgen. Bis nachher.«

»Aber die Geschenke«, rief ein verdatterter Sasha ihr nach. Unschlüssig blickte er die ins Schloss gefallenen Tür an. Sollte er ihr nachgehen? Doch dann besann er sich eines Besseren und legte sich auf die Couch, um noch ein bisschen auszuspannen, bevor er abends wieder losmusste.

~*~

Derweil betrat Andie ein Reisebüro, das auch schon auf Weihnachten eingestellt war. Überall sah man Kataloge und Plakate mit Ski-Gebieten und Holzhütten mit Kaminen. Mit einem freudigen Lächeln blickte sich Andie um. Vor einem Katalog mit einer kleinen Holzhütte, aus deren Schornstein Rauch kam, blieb sie stehen und blickte ihn sich an.

Wenn sie so schon nicht miteinander reden und etwas unternehmen konnten, mussten sie halt ein paar Tage Urlaub machen. Vielleicht würden die Idylle und die einfachen Sachen ihrer Beziehung auch wieder helfen. Obwohl sie noch immer zusammenwohnten, hatte ihre Beziehung einen gewaltigen Knacks bekommen, nach dem Mittagessen im Restaurant, dass sie weinend verlassen hatte.

In ihrem Innersten hoffte Andie, dass dieser kleine Urlaub ihre Beziehung wieder festigen würde, denn obwohl Sasha sich schon gebessert hatte, war sie noch nicht wirklich glücklich und zufrieden. Nachdem sie sich einen Zielort ausgesucht hatte, ging sie mit einem Lächeln auf die Reiseverkehrskauffrau zu.

~*~

Im Hintergrund lief schon den gesamten Morgen über Weihnachtsmusik. Dawson hatte Gale diese Doppel-CD mit den schönsten Songs der großen Stars, wie Bing Crosby, Frank Sinatra, Dean Martin, Mahalia Jackson und duzende weitere, im letzten Jahr geschenkt. Als 'Im dreaming of a white Christmas' begann, fing sie an mitzusingen. Schon seit sie denken konnte, war dies eines ihrer Lieblingslieder gewesen.

Jason tauschte einen von Lächeln untermalten Blick mit Lilly, während sie damit beschäftigt waren, Ausstechförmchen in den ausgewellten Teig zu pressen. Dann sangen auch sie mit.

Gale kam von der anderen Seite der Küche zu ihnen herüber, eine Tasse mit Eigelb in der einen Hand und bunte Streusel in der anderen. Sie begann die fertig ausgestochenen Teigformen auf ein vorgefettetes Blech zu legen, bestrich sie mit Eigelb und verzierte sie zuletzt mit den bunten Streuseln, wobei ihr Lilly half, nachdem sie den Teig so weit mit Jason verunstaltet hatte, dass dieser neu geknetet und gewellt werden musste.

»Mommy, wird Dawson auch kommen?« Lilly sah ihre Mutter mit großen blauen Augen an.

»Aber natürlich wird er kommen, Schatz.«

»Super!«, rief die Kleine und strahlte vor Freude. »Bestimmt hat er mir wieder ein ganz besonderes Geschenk gekauft.«

Gale sah ihre siebenjährige Tochter an. »Dawson hat es höchstens bei Santa Claus bestellt, Süße. Er wird die Geschenke bringen, so wie in jedem Jahr.«

»Gary hat erzählt, dass es Santa nicht gibt. Und da ich ihn noch nie gesehen habe, glaube ich ihm.«

»Wer ist Gary?«, erkundigte sich Jason und wechselte einen besorgten Blick mit seiner Frau.

»Ein Junge in meiner Klasse«, antwortete ihm Lilly. »Er hat gesagt, dass sein großer Bruder ihm erzählt hat, dass Eltern das immer nur sagen, um uns Kinder zu erpressen, damit wir brav sind. Es gibt keinen Santa, keinen Schlitten, keinen Sack und auch keine Weihnachtselfen.«

Gale dachte einen Augenblick nach. »Dawson hat dir doch selbst letztes Jahr gesagt, dass er immer noch an Santa glaubt, obwohl er ihn noch nie gesehen hat. Glaubst du diesem Gary mehr, als deinem eigenen Bruder?«

»Ich weiß, ihr wollt, dass ich daran glaube, weil ihr denkt, dass Weihnachten so noch mehr Zauber hat als sonst. Und das ist wirklich lieb von euch, aber ich freue mich auch so darauf, ohne dass ich erwarte, dass ein dicker alter Mann die Geschenke unter unseren Baum legt.«

Verblüfft sahen sowohl Gale wie auch Jason das kleine Mädchen an, das klang, als sei es viel älter als sieben Jahre.

»Und bitte«, fügte Lilly noch hinzu, »bittet nicht Pacey oder sonst wen, sich meinetwegen in ein Santa Kostüm zu zwängen, nur um mich eines Besseren zu belehren.«

Jason wollte etwas zu ihr sagen, doch er schloss den Mund wieder, als er den entschlossenen Blick des Mädchens sah. Seufzend blickte er zu Gale, die außerstande war, etwas anderes zu tun als Lilly beinahe fassungslos anzusehen.

~*~

Angespannt wartete Doug darauf, dass auf der anderen Seite der Hörer abgenommen wurde. Er hoffte, dass Pacey zu Hause und nicht irgendwo mit Joey unterwegs war, denn er brauchte den Rat seines kleinen Bruders nun dringender denn je. Noch viel dringender als damals sogar, als er am Neujahrsmorgen vor einem Jahr plötzlich nackt neben Jack aufgewacht war. Und das war ein ziemlich großer Schock für ihn gewesen, schließlich war das noch vor seinem Coming-Out geschehen.

Endlich wurde das Gespräch angenommen. »Ja?«, meldete sich Pacey und klang ein wenig gehetzt.

»Hi, kleiner Bruder«, grüßte Doug zurück. »Kommt mein Anruf sehr ungelegen?«

»Nicht wirklich, nein. Ich bin nur eben gerade zur Tür reingekommen.« Kurze Stille, dann: »Moment mal kurz, Dougie.« Pacey drehte den Hörer vom Mund weg, doch Doug konnte ihn trotzdem sprechen hören. »Joey, würdest du uns einen Kaffee aufsetzen?«

»Klar«, hörte Doug dann gedämpft ihre Stimme aus dem Hintergrund.

»So, bin wieder da. Wir waren etwas spazieren und draußen ist es verdammt kalt geworden.«

»Wem sagst du das, Pace ... Weshalb ich anrufe«, begann er zurück zum Thema zu kommen. Nach Smalltalk war ihm jetzt irgendwie nicht. »Ich überlege seit mehreren Wochen, was ich Jack zu Weihnachten schenken könnte, aber mir will einfach nichts einfallen.«

Pacey dachte einen Augenblick nach und sagte dann scherzhaft: »Wie wäre es mit Plüschhandschellen und ...«

»Kannst du mal ernst bleiben, bitte!« Doug klang leicht genervt.

»Okay, schon gut«, grinste Pace. »Etwas zu lesen. Ich glaube, dass er als Lehrer gerne liest.«

»Das tut er, aber das heitert ihn nicht auf. Und ich möchte ihn gerade jetzt aufmuntern.«

Wieder überlegte Pacey und meinte dann nach einigen schweigsamen Sekunden voller Enthusiasmus: »Wie wäre es mit einer Reise? Flieg irgendwo mit ihm hin, wo es schön sonnig ist und er ein Weilchen abgelenkt ist. Nur ihr beiden ...«

»Und was mache ich bitteschön mit Amy?«, fragte Doug, dem der Vorschlag an sich schon gefiel.

»Ich würde sie ja nehmen, aber im Augenblick läuft das Restaurant auf Hochtouren, da kann ich nicht einfach ein paar Tage zu Hause bleiben ... Du könntest doch Gale bitten«, schlug Pacey schließlich vor. »Sie leitet das Fresh Fish ohnehin meist von zu Hause aus, wegen Lilly. Und da Lilly zurzeit Ferien hat und nicht zur Schule geht, ist Gale eh daheim.«

»Meinst du, ich kann sie einfach so fragen?« Doug war etwas unsicher. Nicht weil er dachte, dass Amy bei Gale nicht gut aufgehoben war, sondern weil er Angst hatte, dass sie 'ja' sagen würde, es ihr aber nicht wirklich recht war. Gale neigte ab und an dazu zu nett und zuvorkommend zu sein. Die Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen. Und er wollte das nicht ausnutzen.

»Frag' sie doch einfach. Es würde doch schon ausreichen, wenn ihr für ein verlängertes Wochenende wegfliegt.«

Doug nickte, sagte jedoch nichts. Noch etwas sprach gegen diesen spontanen Kurzurlaub. »Ich weiß nicht so recht, ob wir uns das leisten können ...«

»Ich leihe dir das Geld, Dougie. Ist doch kein Problem.«

»Ich weiß aber nicht, wann ich es dir zurückgeben kann«, gestand Doug. »Wir sind jetzt zwar nahezu schuldenfrei, aber dennoch müssen wir sparsam sein.«

»Wirklich, das ist kein Problem. Du gibst mir das Geld einfach in kleinen Raten zurück. So wie du es entbehren kannst.«

Wieder herrschte einige Zeit Stille. Dann seufzte Doug und meinte letztlich: »Okay, Pace. Danke! Ich schulde dir was.«

»Schon okay, Bruderherz. Melde dich, sobald das mit Gale geklärt und die Reise gebucht ist, okay?«

»Ja, okay. Vielen Dank nochmals«, wiederholte sich Doug unbewusst.

»Nichts zu danken. Bis demnächst. Bye.«

»Ja, bye«, damit legte Doug lächelnd den Hörer auf. Er bekam ein richtig schlechtes Gewissen, wenn er daran dachte, wie mies er Pacey früher immer behandelt hatte. Besonders, weil Pacey immer für ihn da war. Gut, er hatte ihn als Teenager aufgezogen, doch war das nicht normal? War es nicht normal den großen Bruder bis zur Weisglut zu ärgern? Und es war ja noch nicht einmal so, dass Pacey damals irgendwelchen Mist erzählt hatte. Vielmehr war er der erste gewesen, dem Dougs damals heimliche Neigung aufgefallen war. Pacey war eben schon immer ein cleveres Kerlchen gewesen, wie Doug jetzt nach all den Jahren offen zugeben musste.

Noch einmal dankte er Pacey im Stillen und entschloss sich fest dazu, in der Mittagspause bei Gale vorbeizufahren, um sie zu fragen, ob sie Amy für ein paar Tage bei sich aufnehmen würde.

~*~

Im Strandhaus herrschte Ruhe und Frieden. Jack saß alleine im Wohnzimmer und starrte ins Leere. Diese unerträgliche Stille brachte ihn noch um den Verstand! Er lehnte sich zurück in die Sofakissen und massierte seine Schläfen. Keine Amy schrie, kein Doug räumte die Küche auf ... und keine Jen ließ sich über irgendeinen Typen aus ...

Jack stöhnte gequält und stand auf. Er durchquerte das Wohnzimmer, ging unruhig hin und her, versuchte sich abzulenken, doch es funktionierte nicht. Wenn Doug oder Amy oder einer seiner Freunde da war, konnte er den fröhlichen Jack fabelhaft spielen, doch nun, wo er ganz alleine war, konnte er nicht so tun, als wäre nichts passiert. Er konnte sich selber ja nur schlecht was vormachen.

Das Haus war weihnachtlich geschmückt. Jack hatte Amy ein paar Weihnachtslieder vorgesungen und ihr erklärt, wie das so mit Santa war, doch in Wirklichkeit raubte ihn dieser Weihnachtskram noch den letzten Nerv!

Sein Blick fiel auf ein ledernes, grünes Fotoalbum. Mit zitterigen Fingern griff er danach, ließ sich aufs Sofa fallen und öffnete zögerlich das Album. Das erste Foto war von ihm und Jen. Daneben stand geschrieben »Aufgenommen von Dawson ,Spielberg' Leery, ich und Jen am Bootsteg».

Jack lächelte. Kurz nachdem Dawson geknipst hatte, hatte Jack Jen ins Wasser geschubst. Er hörte noch heute ihr herzliches, fröhliches Lachen. Für manche Menschen musste es so vorkommen, als hätte Jennifer Lindley nie gelacht. Doch Jen hatte oft gelacht und Jack liebte ihr Lachen, so wie alles andere an ihr.

Er blätterte auf die nächste Seite. Es waren Bilder von einen Tag, an dem Joey, Pacey, Dawson und er bei Jen übernachtet hatten. Auf dem ersten Foto machte Jen Spiegeleier, auf dem nächsten bekam sie von Jack ein Küsschen auf die Wange und dann war da ein Gruppenfoto, das Dawson sehr professionell aufgenommen hatte - mit Selbstauslöser, und Dawson war sehr stolz gewesen, dass das so gut geklappt hatte.

Auf der nächsten Seite war ein Foto, das Pacey ziemlich schief gemacht hatte. Jen, Grams und Jack saßen auf dem Sofa, Jen mit einer Nikolausmütze auf dem Kopf. Daneben stand »Weihnachten bei Jen und ihrer Großmutter - Besser hätte es nicht sein können.«
Jack seufzte und versuchte die Tränen zurückzuhalten. Es war ein richtig traditionelles Weihnachtsfest gewesen, sie hatten gefeiert wie eine richtige Familie.

Alle Bilder in dem Album waren von Jen und Jack, und natürlich auch von Grams und der Clique.
Schließlich schloss Jack das Album, er konnte den Anblick dieser ganzen Fotos nicht mehr ertragen. Vorsichtig legte er es zurück auf seinen Platz und lehnte sich ans Fenster.

Immer noch war diese Stille so unerträglich, doch der Schmerz war größer geworden.

»Oh Gott...«, murmelte er leise und versuchte die Tränen zurückzuhalten. Klar, es fielen ihm beim Betrachten der Fotos immer wieder die schönen Augenblicke ein. Wie der Sommer im letzten High-School Jahr, oder als er sich mit Jen wieder vertragen hatte, nachdem sie sich wegen der Verbindung im ersten College Jahr auseinandergelebt hatten.

Er entdeckte ein Foto von Jen auf dem Couchtisch, dass neben dem Fotoalbum stand. Er ging darauf zu und nahm es. Es war ein älteres Foto, das Jen in ihrer Cheerleader-Uniform zeigte.

Jack musste lachen, obwohl ihm nach weinen zumute war. Er setzte sich wieder auf das Sofa. Immer, wenn er sich an die guten Augenblicke erinnerte, fiel ihm ein, dass solche Augenblicke rarer geworden waren, seit Jen gestorben war. Auch wenn ihr Tod schon einige Monate zurücklag, er vermisste sie trotzdem Tag für Tag. Grams hatte recht, ein Teil von Jen würde für immer bei ihm bleiben und ihn beschützen. Und dann war ja noch Amy da.

Jack drehte den Rahmen um und zog ein Foto von Amy hervor, das im Rahmen geklemmt hatte. Amy hatte gerade versucht, ihre ersten Schritte zu machen. Sie war so süß, sie war sein kleiner Engel. Auch wenn Jen nicht mehr lebte, fühlte er sie trotzdem, alles erinnerte ihn an sie - was ja auch manchmal gut war, wenn er sich nach ihrem Gesicht sehnte, auch wenn er nur ein Foto ansehen konnte.

~*~

23. Dezember 2008

Pfeifend schnitt Gale gerade die Kartoffeln in dünne Scheiben, als ihr Mann mit der letzten Kiste Getränke das Haus betrat. »So, das war's erst mal. Ich glaube über die Feiertage werden wir nicht verdursten«, stellte er fest.

Gale drehte sich zu ihm um und meinte scherzhaft: »Na da unterschätz mal Bodie und Dawson nicht.« Auf dem Gesicht ihres Mannes erschien ein Lächeln und er schlang seine Arme um ihre Hüfte.

»Willst du deinen Sohn etwa als Trinker hinstellen?«, meinte dieser dann und küsste ihren Hals.

Lachend drehte sich Gale mit dem Messer in der Hand um und sah ihren Mann an. »Ich dachte da eher an das Wasser.« Sie küsste ihn leicht auf die Wange und meinte schließlich: »Wir können gleich essen. Sagst du bitte Lilly Bescheid?«

Doch in diesem Moment kam ihre kleine blonde Tochter schon zur Tür hinein und das mit einem Gepolter, das die beiden zusammenfahren ließ. »Hallo! Da bin ich!«

Mit einem Seufzen erwiderte Jason: »Das haben wir gemerkt. Mein Herz ist fast stehen geblieben.« Doch Lilly sah ihn nur lachend an und so fragte er sie: »Wo warst du denn wieder? Ich frage mich wirklich, wie man sich so schmutzig machen kann.«

Nun drehte sich auch Gale um und als sie sah, in welchem Aufzug Lilly in der Küche stand, meinte sie streng: »Nun geh dich mal erst waschen. Aber zackig. Wir wollen gleich essen.«

Die Kleine zog eine Schnute, ging dann aber doch folgsam in das Badezimmer.

Seufzend guckte Gale zum Fenster heraus. Ihr Blick blieb an etwas oder jemandem hängen und Jason folgte ihrem Blick. Draußen mühten sich ihre neuen Nachbarn mit dem Weihnachtsbaum ab.

»Woran denkst du?«, fragte er leise seine Frau und legte seinen Arm um ihre Schulter. Verlegen schüttelte Gale mit dem Kopf und erwiderte: »Ich habe gerade nur gedacht, wie einsam es für die Beiden sein muss. Schließlich kennen sie noch niemanden. Wenn man gerade erst hierhergezogen ist.«

»Lade sie doch einfach ein«, schlug Jason nun vor und biss in eine Möhre, die Gale gerade klein geschnitten hatte.

Doch dies bemerkte sie gar nicht, denn ihre Augen waren noch immer auf Ashley und Justin fixiert. »Meinst du wirklich?«, fragte sie zweifelnd. »Vielleicht wollen sie gar nicht kommen. Schließlich kennen wir uns auch noch nicht.«

Doch ihr Mann sprach ihr gut zu. »Gerade eben hast du noch gesagt, dass es bestimmt schrecklich für sie sei, dass sie niemanden kennen. Wenn wir sie einladen, lernen sie wenigstens ein paar Leute kennen.«

Zustimmend nickte Gale und gab ihrem Mann einen Kuss auf den Mund. »Danke, Schatz.«

Dieser lächelte sie an, doch im nächsten Moment sah er Gale verwundert an, da sie ihm auf die Finger gehauen hatte. »Ich habe wohl gesehen, dass du genascht hast. Und was für Lilly gilt, gilt auch für dich.«

Jason musste ein bisschen lachen und im nächsten Moment erschien auch seine Stieftochter schon wieder. »Gibt es endlich essen?«

~*~

Nach dem Mittagessen und nachdem der Abwasch erledigt war, machte Gale sich zu den Nachbarn auf. Noch immer war sie sich nicht ganz sicher, aber gleich würde sie ja ein bisschen Klarheit haben.

Sie stieg die altbekannten Treppenstufen hinauf und klingelte dann. Nach wenigen Sekunden wurde ihr die Tür von Ashley geöffnet. Ein bisschen überrascht begrüßte diese sie: »Hallo, Mrs. Leery. Kommen Sie doch rein.«

»Hallo, Ashley. Dankeschön«, bedankte sich Gale bei ihr.

Als die beiden Frauen die Küche betraten, entdeckte Gale auch sofort Justin, der in der Küche die Zeitung las. »Hallo, Justin!«

Dieser blickte genauso überrascht wie seine Frau, einige Sekunden vorher, von seiner Zeitung auf und erwiderte den Gruß.

Ashley bot Gale einen Sitzplatz an und fragte dann: »Möchten Sie vielleicht etwas trinken?«

»Nein, danke. Weswegen ich eigentlich komme ... ich wollte Sie beide einladen, den morgigen Abend mit uns zu verbringen.«

Erwartungsvoll sah sie die Beiden an und auch die zwei sahen sich an. Justin war der erste, der seine Sprache wiederfand. »Ich bin ehrlich gesagt ein bisschen überrascht.«

Seine Frau nickte zustimmend und sofort fuhr Gale erklärend fort: »Mein Mann und ich haben bloß gedacht, dass Sie vielleicht ein bisschen Gesellschaft gebrauchen könnten, da Sie ja noch nicht so lange in Capeside wohnen.«

Mit einem Lächeln setzte sich Ashley neben ihren Mann und sagte: »Das ist wirklich nett von Ihnen. Aber ist es Ihnen nicht ein bisschen unangenehm? Schließlich kennen wir uns noch gar nicht so gut und ich möchte nicht, dass Sie sich unwohl fühlen.«

Abwinkend schüttelte Gale mit ihrem Kopf und meinte: »Aber nein, ansonsten hätte ich Sie ja nicht eingeladen. Außerdem freuen wir uns, Sie mal richtig kennen zu lernen.«

»Dann freuen wir uns auch schon darauf. Wann sollen wir denn kommen?«, fragte Ashley, nachdem sie einen Blick mit Justin ausgetauscht hatte und dieser anscheinend einverstanden war.

»Ich denke so gegen 19.00 Uhr wäre okay. Dann habe ich auch genug Zeit mit dem Essen«, überlegte Gale und blickte die Beiden an.

»Sollen wir vielleicht etwas mitbringen?«, erkundigte sich Ashley schnell und ein bisschen unangenehm berührt, da sie nicht eher daran gedacht hatte. Ihr Mann drückte ihr beruhigend die Hand und Gale verneinte ihre Frage letztlich.

Schließlich seufzte diese und meinte: »Ich muss dann auch schon wieder gehen. Schließlich findet man immer wieder etwas zum Dekorieren.«

»Natürlich«, erwiderten Ashley und ihr Mann und sie begleiteten ihre Nachbarin zur Tür. »Danke nochmals für die Einladung«, bedankten sich die beiden, als Gale sich auf den Weg machte.

»Kein Problem. Bis Morgen!«

Das Ehepaar stand in der Tür und winkte Gale noch einen Moment nach, bevor sie wieder ins Haus verschwanden. Mit einem Lächeln ging Gale zurück. Sie war froh, die beiden eingeladen zu haben.

~*~

Joey schlenderte den kleinen Weg entlang, der den Fluss entlang führte. Die Luft war kalt, doch Joey fror nicht. Sie liebte das Gefühl, dass sie wieder zu Hause war.

Sie fühlte sich wie das kleine Mädchen, das gerade auf den Weg zu ihrem besten Freund Dawson war. Gerade hatte sie noch bei Bessie und Bodie vorbeigeschaut und nun war sie auf einen Spaziergang durch ihre Kindheit. Wie oft war sie mit neun Jahren diesen Weg entlang gekommen?

Pacey hatte sich angeboten mitzukommen, doch Joey brauchte diesen ruhigen Spaziergang, sie musste ihre Heimat genießen.

Wenn sie einmal sterben würde, wäre sie am liebsten hier am Fluss begraben. Dann würde sie dort liegen, wo sie am liebsten war. New York war toll und Joey hatte sich alle ihre Träume erfüllt - Einen guter Job, ein geregeltes Leben - aber ihr fehlte die Familie. Nicht nur Bessie, sondern vor allem auch Pacey und die Leerys.

Plötzlich ertönte das monotone Piepsen ihres Handys.

»Ach verdammt«, fluchte Joey und holte ihr Mobiltelefon aus der Jackentasche. »Ja?«, fragte sie etwas sauer ins Handy. Sie hatte gar nicht erst aufs Display geschaut, wer sie anrief.

»Hey, Joey! Ich bin's Dawson«, kam es vom anderen Ende der Leitung.

Joeys Mine hellte sich sofort wieder auf. »Hi, Dawson! Was gibt's?« Sie setzte sich auf eine Bank am Gehweg und betrachtete den Fluss, während sie Dawsons Stimme lauschte.

»Ich wollte nur fragen, ob du über die Feiertage ins gute, alte Capeside kommst?«, erklärte Dawson den Grund seines Anrufs.

Joey lächelte sonnig. »Ich bin schon im guten, alten Capeside und betrachte den winterlichen Fluss ... Erinnerst du dich, wie wir hier den Film mit Pacey, dem Seeungeheuer, gedreht haben?«

Dawson musste lachen: »Oh Gott, das wollte ich eigentlich verdrängen ... Treffen wir uns morgen?«

»Klar! Morgen ist doch Weihnachtsmarkt, stimmt's?«, fragte Joey.

Dawson antwortete schnell. »Ja, ja, wir könnten uns doch dort treffen!«

»Klingt gut«, Joey lächelte wieder.

»Am großen Christbaum, morgen um halb zehn?«, hakte Dawson nach.

»Klar. Da dürfte ich wach sein.« Joey nickte.

»Als ob du jemals verschlafen würdest«, kam es leise von Dawson. Die beiden schwiegen betreten.

Schließlich meinte Joey mit belegter Stimme: »Also bis morgen. Mach's gut.«

»Bye«, verabschiedete Dawson sich.

Die beiden legten auf und Joey blieb noch ein Weilchen auf der Bank sitzen. Nach einigen Minuten begann sie jedoch zu frieren und stand langsam auf. Sie setzte ihren Weg fort und fühlte sich wie vor Jahren, als sie sich auf jedes Treffen mit Dawson und Pacey gefreut hatte, wie auf ihren Geburtstag.

Doch sie war nicht mehr vierzehn oder fünfzehn, sie war inzwischen fünfundzwanzig und erwachsen! Er war ebenfalls erwachsen und dadurch war alles so unendlich kompliziert geworden.

~*~

Vorsichtig schüttelte Joey ihren Regenschirm aus, bevor sie das Apartment von Pacey betrat. Auf den letzten Metern bis zur Haustür hatte es noch angefangen zu regnen. Zum Glück hatte sie einen Regenschirm dabei gehabt.

Der Spaziergang durch Capeside hatte ihr gut getan und als dann auch noch Dawson angerufen hatte, war ihre Stimmung nochmals gestiegen. Natürlich hatte sie sich gefreut, dass ihr alter Freund sich bei ihr gemeldet und sich mit ihr verabredet hatte. Genauso wie sie, wollte also auch er die alte Tradition aufrecht erhalten.

Langsam machte sie die Haustür auf und als ihr die warme Luft entgegen schlug, atmete sie erleichtert auf. Also war Pacey schon zu Hause und nicht mehr im Restaurant.

»Pacey, ich bin wieder da!«, rief sie während sie ihren Mantel und ihren Schaal auszog. Im nächsten Moment erschien Pacey in Türrahmen zur Küche.

»Hey, mein Schatz. Ich koche gerade.« Damit verschwand er wieder in der Küche und Joey folgte ihm.

Als sie die Küche betrat, wehte ihr ein angenehmer Essensgeruch entgegen. Schnuppernd hob sie ihre Nase und blickte Pacey über die Schulter, wobei sie sich auf Zehenspitzen stellen musste.

Sie rieb ihre Nasenspitze in die Halsbeuge und im nächsten Moment schrie Pacey entsetzt auf. »Weißt du eigentlich, dass deine Nase eiskalt ist?«

Doch Joey erwiderte nur lachend: »Nein, ich spüre sie nämlich fast nicht mehr.«

Schließlich drehte sich Pacey um und küsste sie sanft auf die Nasenspitze. »Besser?«

Ein zärtliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht und sie schlang ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn auf den Mund. In Momenten wie diesen, wusste sie, warum die Nachricht, die sie ihm gleich überbringen würde, richtig und gut war.

Nachdem die beiden sich wieder voneinander gelöst hatten, hob Joey den Topfdeckel an und fragte neckend: »Was hat der Meisterkoch heute zubereitet?«

»Das werden Sie gleich sehen, Miss Potter.«

Beide lächelten sich an und Joey begann den Tisch zu decken.

»Wie war dein Spaziergang?«, erkundigte sich Pacey mit einer etwas lauteren Stimme, denn er hatte gerade die Abzugshaube angeschaltet.

»Es war einfach herrlich mal wieder in Ruhe spazieren zu gehen. In New York hat man ja immer die vielen Autos und Straßenbahnen und so weiter. Es tat wirklich gut«, berichtete ihm Joey und fuhr dann fort: »Dawson hat mich übrigens auch angerufen.«

Vorsichtig probierte Pacey ein bisschen des Abendessens und fragte dann sogleich: »Wie geht es ihm?«

Joey stellte die letzten Teller auf den Tisch und auch Pacey brachte die Töpfe. Danach setzten sich die beiden an den Tisch und schließlich antwortete Joey ihm: »Ach, er hat wohl noch ein bisschen Stress mit der letzten Folge vor Weihnachten. Aber auf jeden Fall kommt er über die Feiertage auch nach Capeside.«

Nickend erwiderte Pacey, nachdem er Joey etwas aufgetan hatte: »Dann werden wir ihn ja schon in zwei Tagen wiedersehen.«

»Genau genommen wollten Dawson und ich mich morgenfrüh auf dem Weihnachtsmarkt treffen. Unsere alte Tradition.«

Doch Pacey blieb erstaunlich gelassen. Was Joey immer noch etwas verwunderte, denn sie wurde in solchen Momenten immer wieder an die großen und vielen Streitereien von früher erinnert. Paceys Eifersucht Dawson gegenüber, aus Angst sie irgendwann doch an ihn zu verlieren. Dabei war das für Joey nach all den Jahren kein Thema mehr. Sie und Dawson hatten ihre Chance gehabt – mehrere sogar – doch es hatte nicht sein sollen. Sie waren die besten Freunde, Seelenverwandte für Leben, aber keine Liebenden.

»Ich habe sowieso noch etwas im Restaurant zu tun. Die letzten Vorbereitungen für die Feiertage müssen noch getroffen werden.«

Schweigend aßen beide weiter, doch nach einigen Minuten fragte Joey zweifelnd: »Bist du dir sicher? Dawson hätte bestimmt nichts dagegen, wenn du mitkommen würdest.«

Lächeln legte Pacey seine Hand auf ihre und sagte: »Joey, das ist eure Tradition und ihr solltet sie auch alleine weiterleben. Ich habe wirklich viel zu tun. Außerdem sind wir beide nicht mehr siebzehn Jahre alt und haben uns, denke ich, weiter entwickelt, so dass ich keine Angst mehr haben muss, dass Dawson dich mir wegnimmt.«

Joey lächelte ihn an und beugte sich dann über den Tisch, um ihn zu küssen.

»Ich vertraue dir nämlich«, fügte Pacey noch hinzu und dieser Satz ließ Joey ganz schmelzen.

»Ich liebe dich, Pace.«

Nun musste auch Pacey lächeln und strich ihr mit einer Hand eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Schweigend aßen beide weiter, doch nach ein paar Minuten hellte sich Joeys Miene wieder auf und sie schlug sich mit der flachen Hand vor den Kopf: »Ich bin so vergesslich. Jetzt habe ich dir die wichtigste Sache noch immer nicht erzählt.«

»Es gibt noch etwas Wichtigeres, als dass du mich liebst?«, meinte Pacey spöttelnd und bekam dafür einen bösen Blick von Joey zugesandt, der aber nicht ernst gemeint war.

»Möchtest du die Neuigkeit nun wissen oder nicht?«, lachte Joey und ihre Augen blitzten beckend auf.

»Aber klar«, nickte Pacey ihr zu.

»Okay,« begann Joey, nahm noch einen Schluck Wasser, bevor sie endlich mit der Neuigkeit herausrückte. »Ich habe noch einen Anruf bekommen und zwar von meiner Abteilungsleiterin.«

»Ja, und?«, fragte Pacey gedehnt und erwartungsvoll.

»Sie hat die Verlagschefin endlich erreicht und meint, dass meine Chancen ganz gut stünden, dass ich in absehbarer Zeit von Capeside aus arbeiten könne.«

Ein freudiges Lächeln erschien auf Paceys Gesicht und man sah ihm an, dass er Joey am liebsten umarmt hätte, was wegen dem Tisch ein bisschen schlecht war.

Doch Joey erzählte noch weiter: »Die Chefin muss alles noch regeln und so, halt der Papierkram, aber wenn alles klappt, kann ich zum nächsten Jahr von Capeside aus arbeiten.«

Nun konnte Pacey nur noch strahlen und beugte sich über den Tisch, um Joey zu küssen. Immer wieder trafen sich ihre Lippen und schließlich saßen sie sich Stirn an Stirn gegenüber, beide außer sich vor Freude.

»Ich glaube, dass ist das Beste was uns in letzter Zeit passiert ist.«

Zustimmend nickte Joey und mit ihrer freien Hand strich sie ihm über die Wange. »Stimmt. Ich glaube, jetzt kann nur noch alles besser werden. Wir können endlich zusammenziehen.«

Nochmals küsste sie Pacey auf den Mund und genoss das prickelnde Gefühl, das sich in ihr ausbreitete.

~*~

Jack lag auf seinem Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Beine weit von sich gestreckt.

Er sah schwarze Linien, die sich entlang der Zimmerdecke zu bewegen schienen. Sie schlängelten sich unkontrolliert über das matte Weiß, wie eine Schlange, die sich durch den Sand in der Wüste fortbewegt. Natürlich wusste er, dass er durch das Weiß an der Decke seine eigene Netzhaut sah, dass diese Linien lediglich kleine Adern in seinen Augen waren. Adern, die Blut transportieren. Blut, welches letztlich zu seinem Herzen floss. Instinktiv fasste er sich an sein Herz und wurde mit einem Mal wieder an Jen erinnert, deren noch so junges Herz sie im Stich gelassen hatte. Mehr noch, hatte ihr Herz auch dafür gesorgt, dass das Blut nicht mehr richtig weitergepumpt wurde, sodass ihre Lungen schließlich ihren Dienst versagt hatten.

Seufzend schloss er die Augen, verbann somit aufkommende Tränen, und erinnerte sich an den Tag zurück, als die Welt für ihn noch in Ordnung gewesen war, ja sogar perfekt zu sein schien.

»Entschuldigen Sie, Ma'am«, sprach er hastig eine Krankenschwester mittleren Alters an, die ihr dunkles Haar zu einem altmodischen Dutt hochgesteckt trug.

Sie drehte sich zu ihm um. »Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie freundlich.

»Ich suche Jennifer Lindley. Sie hat mich vor einigen Minuten angerufen und hergebeten. Ist sie schon im Kreissaal?«

»Ah, ja, Sie sind also Ihr Ehemann?«

»Nein, das nicht«, sagte Jack ehrlich.

»Der Kindsvater?«

»Ich werde der Patenonkel. Darf ich jetzt bitte zu ihr?«

»Da muss ich erst noch mal Rücksprache halten«, erklärte sie und missachtete dabei Jacks nervösen Gesichtsausdruck.

»Bitte machen Sie schnell, sonst bekommt sie das Baby ohne mich.«

»Nur die Ruhe, junger Mann, so schnell kommt kein Kind zur Welt«, beschwichtigte ihn die Krankenschwester. »Warten Sie hier, ich bin gleich zurück.«

Mit diesen Worten entfernte sich die Schwester von ihm und eilte den Gang hinab, um kurz darauf in einem der dortigen Zimmer linkerhand zu verschwinden.

»JACK!«

Er erschrak jämmerlich, als er ihre Stimme durch die Gänge hallen hörte und rannte los, in die Richtung, in die auch die Schwester gegangen war. Plötzlich tauchte diese wieder auf und winkte ihn hastig in das Zimmer. Noch ehe er Gelegenheit bekam irgendwas zu sagen, wurde ihm ein grüner Kittel entgegen gehoben und ein Mundschutz.

»Ziehen das schnell an«, sagte die Schwester. Damit eilte sie auch schon wieder hinüber zu Jen, die auf einem befremdlichen 'Sessel' saß, die Beine gespreizt und mit vor Schmerzen verzerrtem Gesicht zu ihm sah.

Sie streckte ihre Hand nach ihm aus und bemühte sich zu lächeln. »Ich habe ... schon Presswehen«, sagte sie keuchend.

»Schon?« Hastig zog er alles an und ging zu ihr, nahm ihre Hand und gab ihr durch den Mundschutz einen Kuss auf die Stirn.

»Ich hatte Angst, du schaffst es nicht mehr.«

»Jetzt bin ich da«, lächelte er und sah zu ihren Beinen hinab, vor denen eine junge Ärztin saß, ebenfalls in steriler Kleidung.

Sie sah zu den Beiden auf. »Gleich kommt noch eine«, warnte sie Jen vor.

Und tatsächlich, die Wehe ließ nicht lange auf sich warten. Jack zuckte ein wenig zusammen, als er Jens Gesichtsausdruck sah, bevor sie aus Leibeskräften zu pressen begann.

Immer noch hielt er ihre Hand in seiner und sie drückte mit aller verbliebener Kraft zu. Dann als die Wehe vorbei war, lockerte sich der Griff und sie sagte kaum hörbar: »Ich schaffe das nicht, Jack.«

»Doch, das schaffst du. Du bist stark, Liebes. Die stärkste Frau, die ich kenne. Und bald hast du es geschafft. Dann darfst du dein Baby endlich sehen und im Arm halten.« Er strich ihr eine verschwitzte Haarsträhne aus der Stirn.

Vier weitere Presswehen waren noch nötig, dann sagte die Ärztin: »Gut, der Kopf ist da. Jetzt noch einmal kräftig pressen, dann sind die Schultern draußen und das Schlimmste ist vorbei.«

»Komm' schon, Jen!«, feuerte Jack sie an und drückte wieder ihre Hand. Sie erwiderte den Druck unter Schmerzen, presste und keine Minute später hob die Ärztin das Baby hoch.

»Es ist ein Mädchen«, sagte sie lächelnd. »Und sie sieht sehr gesund aus. Ich gratuliere!«

Unter Tränen lächelten sowohl Jen wie auch Jack und sahen hinüber zu dem neuen Erdenbürger. »Wir waschen sie noch und ziehen ihr was an, dann gehört sie ganz Ihnen.«

»Ich wusste, dass du es schaffst«, sagte Jack, nahm den Mundschutz runter und drückte Jen einen kleinen Kuss auf den Mund. »Du bist meine Heldin.«

Sie sah erschöpft von dem 'Sessel' zu ihm auf. »Danke, dass du gekommen bist.«

»Um nichts in der Welt hätte ich mir dieses Erlebnis nehmen lassen, Süße!« Er lächelte und sah hinüber zu Jens Tochter. »Für welchen Namen hast du dich jetzt eigentlich entschieden? Du hast dich doch entschieden?«

Sie war sich lange nicht sicher gewesen, doch sie nickte und sah ebenfalls hinüber zu ihrem Baby. »Ihr Name ist Amy. Amy Evelyn Lindley.«

»Da wird Grams sich freuen. Bestimmt steht sie schon draußen und wartet ganz aufgeregt. Ich habe sie von unterwegs angerufen.«

»Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun würde«, sagte Jen mit dünner Stimme und schloss bedächtig die Augen. Sie war vollkommen geschafft ...
Chapter 2 by Nadia
~*~

24. Dezember 2008

Andie träumte nicht. Sie schlief wie ein Stein, dennoch betrat Sasha schleichend das Hotelzimmer. Er hatte eine Menge gut zu machen, das wusste er. Andie konnte verdammt verletzlich sein und er wollte sie um keinen Preis verletzen. Natürlich war dieser Ausflug überraschend gekommen. Doch genau das war doch das Schöne an Andie – sie war immer für eine Überraschung gut.

Sasha trug ein großes Tablett in den Händen. Darauf waren Waffeln, frischer Kaffee und eine Rose platziert. Einen Augenblick betrachtete er noch die Schlafende, dann meinte er leise: »Hey, Süße.«

Wie erwartet drehte Andie sich schlaftrunken zu ihm um. »Sasha?«

»Überraschung. Frühstück im Bett.« Er stellte das Tablett auf die Kommode, kuschelte sich zu ihr unter die Decke und stellte das Tablett dann dazwischen ab.

»Wow«, sagte Andie und roch an der Rose. »Wo hast du die denn aufgetrieben?«

»Oh, nach ein paar Euros war das Zimmermädchen bereit eine zu besorgen.« Sasha beugte sich vor und gab Andie einen Kuss auf die Nasenspitze. »Also, was machen wir heute?«, fragte Sasha eifrig und piekte auf die Gabel ein Waffelhäppchen auf. Er begann, Andie zu füttern.

»Skifahren, was sonst? Und abends kuscheln wir uns vor den Kamin und öffnen alle Geschenke«, schlug Andie kauend vor.

Sasha überlegte kurz: »Ok, gut.«

Andie sah ihn prüfend an. »Ist was?«

»Nein, nein, auch wenn das mit diesem Skiurlaub sehr kurzfristig kam!«

»Sasha, so ist das nun mal mit den Überraschungen. Außerdem ist das doch romantisch«, sagte Andie schnell und ihr Herz begann unruhig zu pochen.

Ob Sasha das hier eigentlich gefiel? Gefiel sie ihm überhaupt noch? All ihre unterdrückten Ängste stiegen plötzlich in ihr auf, doch Sasha hielt ihr ein weiteres Waffelstück hin. Nur zögerlich schnappte Andie es sich. Während sie kaute, sah sie Sasha prüfend an.

~*~

Später lag Andie auf dem Sofa, in eine Wolldecke gewickelt und betrachtete das Feuer im Kamin. Sie und Sasha hatten den ganzen Tag auf dem Berg verbracht, zum Abschluss noch einen Schneemann gebaut. Inzwischen war Andie vollkommen ausgelaugt.

Ihr kam es so vor, als hätte sie den ganzen Tag neben sich gestanden. Sasha war übertrieben freundlich zu ihr gewesen und Andie hatte irgendwie das Gefühl, dass er diesen Urlaub ganz schnell hinter sich bringen wollte. Ob er sie nur einfach so zufrieden stellen wollte, damit sie nicht mehr mit ihren Sorgen anfing, damit sie ihn nicht zuquatschte oder einfach nur mit ihm sprach?

Andie fröstelte es und sie zog die Decke enger um sich.

Aus dem Bad ertönte eine Stimme: »Ich bin gleich fertig!«

»Lass dir Zeit, Schatz!«, rief sie zurück und starrte ins Feuer. Auf dem Wohnzimmertisch lagen die Geschenke und Andie seufzte deprimiert. Sie hatte sich mehr erhofft. Gut, Sasha war liebevoll mit ihr umgegangen, so wie in der Zeit als sie frisch verliebt gewesen waren, doch jetzt wirkte das alles so gekünstelt.

»Lass die Finger von den Geschenken!«, rief Sasha durch die verschlossene Tür.

Andie hörte, wie er mit Cremedosen hantierte. Vom Beruf her waren sie ein perfektes Paar. Äußerlich passten sie auch gut zusammen. Aber wie war es innerlich? Nachdenklich griff Andie nach einem Geschenk, das etwas kleiner war. Sasha hatte es künstlerisch eingepackt, glitzernd, rosa.
Sie hielt es an ihr Ohr und schüttelte vorsichtig. Es klang nicht wie ein Ring. Ob Sasha ihr jemals einen Ring schenken würde? Und wie kam sie überhaupt auf den Gedanken, dass er ihr heute einen schenken würde?

Andie seufzte erneut, legte das Geschenk zurück auf den ‚Gabentisch’ und ging zum Fenster. Sie sah auf die verschneiten Berge. Noch immer fuhren Leute auf ihren Ski über die Pisten. In der Abenddämmerung sah das Glitzern des Schnees noch schöner aus als sonst. Beim Betrachten des Schnees ließ Andie den Tag Revue passieren.

Plötzlich betrat Sasha das Wohnzimmer. »Ok, ich bin fertig.«

Andie drehte sich zu ihm um. »Sasha?«

Er setzte sich auf das Sofa und zündete den Adventskranz neben den Geschenken an.

»Tu doch bitte einmal die Weihnachts-CD in den Player«, antwortete er.

Andie nickte und griff mechanisch nach der CD. »Ich muss dich was fragen ...«

Sie machte die Musik an und »Last Christmas« ertönte.

»Ja?« Sasha sah auf.

»Kannst du mich eigentlich noch leiden?« Andie kam sich bei dieser Frage ziemlich naiv vor, doch anders konnte sie es nicht ausdrücken.

Sasha lachte: »Natürlich ‚mag’ ich dich noch. Sollen wir jetzt die Geschenke auspacken?«

»Ja. Klar«, sagte Andie leise und setzte sich neben ihn. Dass er nicht näher auf ihre Unsicherheit einging, machte sie nur noch verwirrter. Hatte ihre Beziehung denn überhaupt noch einen Sinn, oder hatte sie bereits ihren toten Punkt erreicht und sie beide wollten es nur nicht wahrhaben?

~*~

Sie hatten sich am Weihnachtsbaum verabredet, der wie jedes Jahr auf dem Capesider Weihnachtsmarkt so ziemlich im Zentrum stand. So dass man ihn nur übersehen konnte, wenn man sprichwörtlich blind war.

Als Dawson einen flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr erhaschte, stellte er fest, dass er gut zwanzig Minuten zu früh dran war. Und so sah er sich ein wenig um und entdeckte nicht allzu weit von sich entfernt einen Stand, an dem heiße Schokolade und Kaffee angeboten wurden. Eine heiße Schokolade war jetzt genau das, was ihn ein wenig aufwärmen würde. Kaffee trank er ohnehin viel zu viel. Also schlenderte er ganz gemütlich in Richtung dieses Standes und kaufte sich das Getränk.

Selbst durch die schützenden Handschuhe vermochte er es zu fühlen, wie heiß die Schokolade war, und so pustete er erst einige Sekunden lang, ehe er den Versuch wagte an dem Becher zu nippen. Trotz des Pustens verbrannte er sich die Lippen, als er den ersten Schluck nehmen wollte und fluchte einen leises »Verdammt«, ehe er den Becher etwas von sich hob.

Plötzlich tippte ihm jemand von hinten auf die Schulter und er drehte sich abrupt um, um in Joeys Augen zu blicken.

»Hey, Fremder«, grüßte sie ihn strahlend.

»Joey!« Sofort war der Ärger mit der heißen Schokolade vergessen und er nahm sie in die Arme, drückte sie ein wenig länger als sonst. »Wie geht es dir?«

»Gut«, sagte sie und zog eine kleine Schnute. »Und was ist mit dir?«

»Alles okay soweit. Die Serie nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, sodass ich kaum noch ein Privatleben habe. Aber was erzähle ich dir das, das weißt du ja ohnehin schon.« Er lächelte mild und sie erwiderte es mit einem Nicken. »An sich geht es mir gut«, antwortete er schließlich.

»Das ist schön.« Sie hakte sich bei ihm ein uns sah hinüber zu dem großen Tannenbaum, an dem goldene Sterne, Glocken und einige große rote Kugeln hingen. Besonders gut gefiel Joey die einfache Kette aus weißen Lichtern und der Engel auf der Spitze. »Sieh ihn dir an«, flüstere sie verzaubert, »er ist dieses Jahr besonders schön, finde ich.«

»Er sieht doch aus wie immer«, sagte Dawson und sah zu der Frau an seiner Seite hinab.

»Das ist nicht wahr.« Sie stupste ihn mit dem Ellbogen leicht in die Seite und grinste ihn daraufhin frech an. »Er ist größer als vergangenes Jahr und der Schmuck sieht neuer aus. Ich glaube, die Stadt hat zusammengelegt, um nach zig Jahren endlich mal neuen Schmuck für den Baum zu kaufen.«

»Möglich«, sagte er und zuckte mit der Schulter. »Was mir aufgefallen ist; der Weihnachtsmarkt wird jedes Jahr größer. Ich weiß noch genau, dass es nur ein paar vereinzelte Stände waren, als wir in unserer Kindheit hier mit unseren Eltern bummeln waren.«

»Das ist wahr«, stimmte Joey ihm zu. »Ich mag ihn so groß.« Mit diesen Worten zog sie Dawson mit sich. »Wird Zeit, dass wir ihn uns ein wenig genauer ansehen.«

»Dem stimme ich zu«, sagte er mit einem kleinen Lachen und trank im Gehen den ersten Schluck des Getränks in seiner Hand, ohne sich dabei zu verbrühen.

Sie schlenderten über eine Stunde lang durch den Weihnachtsmarkt, hielten hier und da an Ständen, hauptsächlich, weil Joey sich die Waren ansehen wollte, so wie immer. Dawson genoss schlicht ihre Gegenwart. Sie hätten in Sibirien auf einem Weihnachtsmarkt sein können, an denen Eisbären ihre Waren versuchten an den Mann bringen, es hätte ihn nicht interessiert. Alles, was ihn interessierte, war die Frau, die sich immer wieder bei ihm einhakte und ihm gelegentlich eines ihrer speziellen Lächeln schenkte.

Er hatte sich damit abgefunden, dass sie Pacey und nicht ihn liebte. Oder zumindest nicht so, wie er sie liebte. Doch das hieß nicht, dass er nicht jeden Augenblick mit ihr voll auskostete, solange er andauerte.

»Oh, Dawson, schau dir das an.« Sie zog ihn zu einem der Stände rechts von ihnen und er versuchte herauszufinden, auf welchen der unzähligen Artikel sie ihr Auge geworfen hatte. »Wäre das nicht etwas für Lilly?« Genau in diesem Moment hob sie eine von diesen Glaskugeln hoch, die man schüttelte und es begann darin zu schneien.

Dawson sah sich die Kugel genauer an, in der drei kleine Engel auf einem Sockel standen und scheinbar musizierten. »Sehr hübsch«, sagte er. »Aber du musst ihr doch nichts schenken.«

»Ich will aber«, zwinkerte Joey, öffnete ihre Handtasche und bezahlte die Glaskugel, noch ehe Dawson dazu kam, etwas zu erwidern. Dann steckte sie triumphierend ihr Portemonnaie wieder ein und nahm die kleine Tasche vom Verkäufer entgegen. »Fröhliche Feiertage«, sagte sie zum Abschied und tauchte dann wieder in der Menge unter.

Schnell folgte ihr Dawson und schloss schließlich zu ihr auf. »Du nimmst 'geben ist seliger als nehmen' etwas sehr wörtlich, meinst du nicht?«

»Es hat doch nur fünf Dollar gekostet.« Joey sah ihn an, ohne stehen zu bleiben. »Es ist nur eine kleine Aufmerksamkeit, nichts weiter.«

»Das hier auch«, entgegnete ihr Dawson und zog ein kleines Päckchen aus der inneren Manteltasche. »Ich wusste nicht, wie das dieses Jahr mit der Bescherung abläuft, deshalb gebe ich es dir gleich.« Er lächelte und zuckte ein wenig mit den Brauen.

»Dawson!« Sie sah ihn gerührt an. »Du musst mir nicht jedes Jahr etwas schenken.«

Sein Lächeln wurde breiter. »Ich konnte einfach nicht wiederstehen. Ich sah es und wusste, dass es wie für dich geschaffen ist.«

»Was ist es?«, fragte Joey und nahm das kleine Päckchen entgegen. Ein Lächeln brachte ihre Augen zum Leuchten.

»Finde es doch einfach selbst heraus.«

Gesagt, getan. Joey zog an der kleinen, silbernen Schleife und öffnete die Schachtel. Darin lag, auf einem kleinen Wattekissen, eine feingliedrige Goldkette mit einem Medaillon daran. Sie hielt den Atem einige Sekunden lang an und sah ihn dann aus großen Augen an. »Das kann ich nicht annehmen«, hauchte sie und sah immer wieder in die Schachtel und auf zu Dawson.

»Ich wusste nicht was ich reintun soll, deshalb ist die Bildkapsel leer«, entgegnete er, ohne auf ihre Worte einzugehen. »Dir wird schon was einfallen.« Wieder lächelte er und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Fröhliche Weihnachten.«

»Dawson ...« Sie sah ihn immer noch vollkommen fassungslos an.

»Lass uns weitergehen. Vielleicht finde ich noch was für meine Mutter«, sagte er und zog sie diesmal mit, ohne auf ihren Gesichtsausdruck zu achten. Er wollte ihr gar nicht erst die Chance lassen, dass Geschenk tatsächlich abzulehnen.

Irgendwann sah Joey auf die Uhr und meinte bedauernd: »Ich muss langsam los. Ich habe es geschafft noch kein einziges Geschenk zu verpacken und heute Abend sind wir bei Doug und Jack eingeladen, so dass ich noch allerhand zu tun habe.«

»Schon gut«, erwiderte Dawson, »meine Mom fragt sich sicherlich auch schon, ob ich dieses Jahr noch komme.« Er lächelte sie an. »Das waren drei wundervolle Stunden, Joey.« Sie nickte nur. »Was ich dich noch fragen wollte, bevor sich unsere Wege vorerst wieder trennen und ich es vielleicht vergesse.« Joey sah ihn abwartend an und begegnete seinem musternden Blick. »Hast du irgendwas an dir verändert?«

»Nein, wieso?« Verwirrung stand ihn ihr Gesicht geschrieben.

»Ich weiß auch nicht. Irgendwie siehst du so anders aus.« Er war sich nicht sicher, ob er es sich nur einbildete oder nicht. Aber es war wie damals, nachdem sie im Skilager ihr Erstes Mal mit Pacey gehabt hatte. Sie strahlte auf eine gewisse Weise … sah noch schöner aus als sonst. Er konnte es sich nicht erklären.

»Das wird meine umwerfende Ausstrahlung sein«, scherzte sie.

Dawson nickte. »Ja, du strahlst etwas aus. Definitiv. Es ist anders als sonst. Seid ihr zusammengezogen, verlobt oder gar verheiratet?«

Sie zog eine Grimasse und rollte mit den Augen. »Nichts von alledem.«

»Als ich das letzte Mal eine solche Veränderung an dir bemerkt habe, hast du ... deine Unschuld an Pacey verloren«, sagte er zögerlich. »Sicher, dass da nichts ist?«

»Nein, nichts«, erwiderte sie und spürte, wie ihre Wangen anfingen zu glühen. »Diesmal bildest du dir das nur ein.«

»Mag sein ...« Dawson sah sie noch einige Sekunden lang an, nahm sie dann nochmals in die Arme und verabschiedete sich schließlich von ihr, mit der Bitte, dass sie Grüße an alle ausrichten möge.

»Wir sehen uns bestimmt noch!«, rief sie ihm noch zu und ging kurz darauf in die entgegengesetzte Richtung als er fort. Seine letzte Bemerkung blieb noch einige Zeit Mittelpunkt ihrer Gedanken.

~*~

»Hast du den Eierpunsch und die Kuchen?«, fragte Bessie, als sie Bodie zum Pickup folgte.

»Ja, alles ist bereits im Wagen, Schatz.« Er lächelte. »Wo ist Alexander?«

»Er musste noch mal auf's Klo«, meinte Bessie und erreichte in diesem Moment den Wagen. »Haben wir auch nichts vergessen?«

»Mal sehen«, sagte Bodie. »Gale sagte, dass wir nichts mitbringen müssen, aber du hast trotzdem darauf bestanden nicht mit leeren Händen hinzugehen. Deshalb musste ich auf die Schnelle noch zwei Kuchen backen und Eierpunsch besorgen. Die Geschenke für Lilly und Joey sind im Wagen, unter dem Beifahrersitz, damit Alex davon nichts mitbekommt. Ja, ich denke, dass wir an alles gedacht haben.«

Bessie seufzte erleichtert. »Okay. Wer von uns wird dieses Jahr zurückfahren?«

»Du«, sagte Bodie bestimmt. »Ich wollte doch dieses Jahr mit Dawson und Jason einen draufmachen. Du durftest letztes Jahr so viel trinken, wie du wolltest.«

»Ja, aber ich hatte eine Grippe und musste Antibiotika nehmen, sodass ich nichts trinken konnte.«

»Das ist Pech«, grinste Bodie und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange, ehe er hastig das Auto umrundete und auf der Fahrerseite einstieg.

Noch ehe Bessie etwas erwidern konnte, kam Alexander aus dem Haus gerannt. »Mach deine Jacke zu!«, rief ihm Bessie entgegen, als sie sah, dass der Junge diese nur übergestreift hatte. »Und wo ist sind dein Schal und deine Mütze?«

Das Gesicht verziehend und etwas Unverständliches vor sich hin murmelnd ging der Junge zurück ins Haus und kam kurz darauf vollständig gekleidet wieder heraus. »Besser?«, fragte er in genervtem Tonfall.

»Willst du morgenfrüh was unterm Weihnachtsbaum vorfinden, außer gähnender Leere?«, fragte Bessie, nun ihrerseits schnippisch.

»Könnt ihr das unterwegs klären?« Bodie lehnte sich aus zum Beifahrersitz und sah die beiden aus dem heruntergelassenen Fensterbereich streng an. »Wir kommen noch zu spät.«

»Ich hasse Weihnachten«, kam es grummelnd von Bessie, die noch wartete bis Alexander im Auto saß und angeschnallt war. »Immer diese Hetzerei.«

»Lilly sagt, es gibt keinen Santa Claus«, verkündete Alexander wie beiläufig.

Die beiden Erwachsenen drehten sich abrupt zu ihrem Sohn um.

»Ich kann dein Geschenk auch wieder zurück in den Laden bringen«, kam es nach einiger Zeit des Nachdenkens von Bessie. »Ob Santa oder nicht, wenn du dich weiter so benimmst, dann kannst du dir dein Geschenk in die Haare schmieren.«

Bodie legte ihr eine Hand auf den Schenkel und sah sie eindringlich an. Was so viel heißen sollte, wie 'genug jetzt!'.

Alexander verschränkte die Arme vor der Brust und starrte wortlos aus dem Fenster, während Bessie die Autoheizung andrehte und Bodie endlich in Richtung Brücke fuhr, die von ihrem Haus gut anderthalb Kilometer entfernt lag und der einzige Weg auf die andere Seite des Flusses war.

~*~

Gemeinsam gingen sie die wenigen Stufen hinauf, die geradewegs auf die Veranda führten. Justins rechte Hand lag wie gewohnt am unteren Teil von Ashleys Rücken und er sah sie mit einem Lächeln an, als sie die Außentür öffnete. Ashley hatte sich geweigert mit leeren Händen zu kommen und so hatte sie einen Weihnachtsstern gekauft, den sie trug und Justin hatte zwei Rotweinflaschen aus Kalifornien in der linken Hand.

»Du siehst nervös aus«, stellte Justin aufmerksam fest. »Ist alles in Ordnung?«

Ashley nickte zögerlich und zwang sich zu einem kleinen Lächeln. »Wir kennen diese Leute doch im Grunde kaum. Ich komme mir komisch vor, den Heiligabend bei dieser Familie zu verbringen. Wir hätten doch zu deinen Eltern fahren sollen.«

»Oh nein, dieses Jahr habe ich kein Bedürfnis danach verspürt mir die abfälligen Blicke meiner Mutter zu geben, geschweige denn das Saufgelage meines Vaters. Jedes Jahr ist Weihnachten dank denen die Hölle«, sagte Justin und wurde ungewollt ärgerlich. Das Thema brachte ihn immer wieder zur Weißglut.

»Du hast wenigstens noch Eltern«, kam es ein wenig rau von Ashley und sie bereute auch gleich, ihm das zum Vorwurf gemacht zu haben. »Wir sollten heute nicht mehr darüber reden, Liebling. Ich möchte heute einen besinnlichen Abend mit neuen Bekannten verbringen.« Diesmal umschmeichelte ein echtes Lächeln ihre sinnlichen Lippen und Justin konnte nicht anders, als diese zu küssen.

»Du hast recht. Und wir werden einen tollen Abend haben, das verspreche ich dir. Das ist unser Neuanfang. Wir brauchen keine Familien, solange wir beide uns haben.«

Sie sahen sich noch einen Augenblick an, dann klopfte Ashley an die Haustür. Nur wenige Momente später stand Dawson in der geöffneten Tür. »Hey, hallo! Meine Mutter sagte, dass sie euch eingeladen hätte, aber ich wollte es erst glauben, wenn ich euch selbst über diese Schwelle gehen sehe«, sagte er zur Begrüßung und machte eine einladende Geste.

»Oh, wie schön«, kam es Ashley über die Lippen, als sie in das prachtvoll festlich geschmückte Haus eintrat.

»Meine Mom schafft es jedes Jahr aufs Neue mich mit ihrer Dekoration ins Märchenland zu versetzen«, gestand Dawson, während er ihr aus dem Mantel half und seinen Blick durch die kleine Eingangshalle schweifen ließ.

Justin reichte Dawson seinen Mantel und hängte beide an die Garderobe, ehe er die Gäste ins Wohnzimmer bat. Dort fanden die Harpers die kleine Lilly vor, zusammen mit einem Spielkameraden, hinter dem auf einer Couch ein junges Paar saß. Sie vermuteten, dass dies seine Eltern waren.

»Ashley, Justin. Ich möchte euch Bessie, Bodie und ihren Sohn Alexander vorstellen. Leute, das sind Ash und Justin Harper. Sie wohnen seit kurzem in Evelyn Ryans altem Haus.«

Wie aus einem Mund begrüßten sich die Anwesenden. Und wie aus dem Nichts hörten Ashley und Justin plötzlich hinter sich, die tiefe Stimme eines Mannes, der lächelnd auf sie zu kam.

»Gale hat mir schon von Ihnen erzählt«, sagte er. »Ich bedaure es sehr, dass ich bisher noch keine Gelegenheit hatte Sie kennen zu lernen. Ich bin Jason Riggs.«

»Mein Stiefvater, wenn ihr so wollt.« Dawson meinte das nicht abfällig, auch wenn das für fremde Ohren leicht so klingen mochte. Er hatte sich damit abgefunden, dass seine Mutter ihr Leben auch ohne Mitch weiterleben wollte. Schon allein um ihretwillen. Doch auch Lilly tat es gut, nicht ohne Vater aufwachsen zu müssen. Auch wenn dies bedeutete, dass es nicht der leibliche Vater war.

Justin und Ashley nickten nur und sagten dann beinahe im Einklang: »Es freut mich Sie kennen zu lernen.«

»Da seid ihr ja!«, erklang hinter ihnen plötzlich Gales inzwischen vertraute Stimme. Mit einem großen Lächeln trat sie auf die Beiden zu. »Das wäre doch nicht nötig gewesen«, sagte sie und deutete auf die Mitbringsel.

»Wir wollten nicht mit leeren Händen kommen, Mrs. Leery«, erwiderte Ash und hob ihr die Pflanze entgegen.

»Bitte, nicht ganz so förmlich.« Sie zwinkerte. »Gale ist vollkommen in Ordnung. Und vielen, lieben Dank.« Damit nahm sie sowohl den Weihnachtsstern wie auch die Weinflaschen entgegen.

Dawson hatte sich zu Bessie und Bodie an den Couchtisch gesellt.

»Jason, bringst du den Wein bitte in die Küche?«, bat Gale ihren Mann und überreichte ihm die Flaschen. Er nickte und kam ihrer Bitte nach. Derweil stellte Gale die Pflanze auf einen kleinen Tisch, gleich neben dem Eingang zum Wohnzimmerbereich, auf dem lediglich eine einsame Lampe gestanden hatte.

Justins Blicke schweiften durch den Raum und blieben am Kaminsims hängen, auf dem ein halbes Duzend schön gerahmter Bilder standen, die Dawson, Gale und einen anderen Mann wiedergaben. Er ging darauf zu. Und als er näherkam, entdeckte er auch ein Bild, auf dem der fremde Mann ein Baby im Arm hielt und freudestrahlend neben Gale stand.

»Das ist Mitch«, erklärte Gale und trat neben ihn. Ashley folgte ihr und stellte sich auf die andere Seite neben Justin. »Er ist Dawsons und Lillys Vater. Er starb vor ...« Gale machte eine Pause und schien zurückzurechnen. »Mein Gott, es sind bereits sieben Jahre.« Ihr trauriger Blick galt dem lächelnden Mann auf den Fotos. »Es war ein Autounfall.«

»Das tut mir aufrichtig leid«, war alles was Ashley dazu sagen konnte.

Justin schwieg nur und sah sich weiterhin die Fotos an, dann glitt sein Blick hinüber zu Lilly. »Dann muss er ja kurz nach der Geburt Ihrer Tochter gestorben sein.«

»Das ist richtig«, sagte Gale und schaute ebenfalls zu dem kleinen blonden Mädchen hinüber, das sich gerade mit Alexander raufte. Doch das kam bei den beiden immer mal wieder vor und weder sie noch Bessie griffen je in die Dispute der Kinder ein. Sie konnten das allein regeln, so wie Dawson und Joey das auch immer getan hatten, als sie in diesem Alter gewesen waren.

»Die Bilder sind sehr gut«, fuhr Justin fort.

»Dawson hat sie gemacht.« Gale lächelte und bemerkte, dass ihr Sohn offenbar aufgehorcht hatte. Er hörte zwar weiterhin Bodie zu, der ihm irgendwas über die Zubereitung eines Truthahns erzählte, doch seine Aufmerksamkeit galt seiner Mutter. »Er ist ein Multi-Talent«, fügte sie stolz hinzu und lächelte Dawson an, der es erwiderte. Dann fixierte sie wieder ihre Gäste. »Darf ich euch etwas zu trinken anbieten? Das Essen dauert noch etwa dreißig Minuten.«

»Ich nehme einen Wein«, antwortete Justin.

Ashley überlegte eine Weile und fragte dann: »Haben Sie Rum und Cola im Haus?«

Gale nickte und bat die Beiden, ihr in die Küche zu folgen. Dawson sah ihnen nach und bemerkte dann, dass Bodie ihn abwartend ansah. Offenbar hatte er ihm eine Frage gestellt. Etwas peinlich war ihm das schon und er entschuldigte sich auch dafür. Bodie lächelte nur, klopfte ihm auf die Schulter und setzte sich dann hinunter auf den Boden, um mit den Kindern rumzualbern.

~*~

»Ho ho ho!«, rief Pacey mit möglichst tiefer Stimme, um den Weihnachtsmann zu imitieren, während Joey lächelnd an der Tür des Strandhauses klopfte und ihm einen flüchtigen Blick zuwarf.

Doug öffnete ihnen die Tür, die kleine Amy auf dem Arm, die ebenso wie Doug eine Weihnachtsmannmütze auf dem Kopf trug.

»Frohe Weihnachten«, grüßte Doug seinen kleinen Bruder und Joey. »Ihr habt Schnee mitgebracht ...«

Die Beiden drehten sich um und nickten dann einvernehmlich. »Ja«, sagte Joey, »es fing an zu schneien, just in dem Moment als wir ins Auto stiegen.« Sie lächelte und ließ sich von Doug umarmen, ehe sie ihm Amy abnahm. »Hey du süße Maus«, wisperte sie dem Mädchen ins Ohr und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Du wirst jeden Tag hübscher.«

Amy sah Joey nur aus großen Augen an, wandte sich dann zu Pacey und sagte: »Pace.«

»Habt ihr das gehört?« Pacey konnte es nicht fassen und strahlte übers ganze Gesicht. »Du kannst ja schon Pace sagen«, grinste er, drückte Doug die Tüten in die Hand, in der die Geschenke und Mitbringsel waren und nahm Joey das kleine Mädchen ab, noch ehe diese hätte protestieren können. »Sag es noch mal, Amy. Sag Pacey.«

»Pace«, kam es lachend von dem Mädchen, ehe sie ihm mit beiden Hände im Gesicht herumgrabschte.

»Wo ist Jack?«, fragte Joey als sie ins Wohnzimmer trat und ihn nirgendwo entdeckte.

»In der Küche. Er sieht nach dem Truthahn.« Doug lächelte und öffnete die Tüten. »Oh, ihr habt was zu trinken mitgebracht.«

»Ja, und einen Nudelsalat«, sagte Joey.

»Den hat sie selbst gemacht«, fügte Pacey hinzu und ging schnurstracks Richtung Küche. »Hey Jackers!«, rief er seinen Freund, noch ehe er die Küche erreicht hatte. »Deine Tochter kann meinen Namen sagen.«

Lächelnd drehte Jack sich zu Pacey um. »Hast du was Anderes erwartet? Sie ist immerhin eine Lindley, was bedeutet, dass sie sehr schlau ist und weiß, wessen Namen es sich zu merken lohnt.« Jack zwinkerte und gab seiner Tochter einen Kuss auf die Stirn. »Ich hoffe, ihr seid hungrig. Doug hat so viel zubereitet, dass ich fürchte, wir werden bis Silvester jeden Tag Truthahn Sandwiches essen müssen.«

»Keine Bange, ich hab extra die letzten zwei Tage kaum was gegessen«, sagte Pacey und hob einen der Kochtopfdeckel an. »Das hat er gemacht, um mich zu ärgern«, kommentierte er, als er den Inhalt sah.

»Magst du Rotkohl etwa nicht?« Jack warf ihm einen leicht verwunderten Blick zu. Schließlich kannte er Pacey nicht als schleckig. Eigentlich aß er so ziemlich alles.

»Nein«, gestand Pacey und ließ den Deckel wieder auf den Topf sinken.

»Vermutlich hat er deshalb auch noch grüne Bohnen als Beilage gemacht«, entgegnete Jack und deutete auf den hinteren Topf, auf der linken Platte.

Das mürrische Gesicht verschwand und wurde durch ein Lächeln ersetzt. »Mein großer Bruder ...«

»Es ist schön zu sehen, dass ihr euch inzwischen so gut versteht«, meinte Jack, während er den Rotkohl umrührte.

»Das haben wir dir zu verdanken. Seit ... seinem Coming-Out ... ist er ein ganz anderer Mann. Viel zufriedener mit sich selbst und der ganzen Welt.«

»Früher oder später wäre es auch ohne mich zu diesem Outing gekommen.« Jack sah flüchtig über seine Schulter, nahm einen anderen Kochlöffel zur Hand und sah nach den Kartoffeln.

»Nein, das glaube ich nicht. Du hast ihn praktisch damit überrumpelt und ihn aus der Reserve gelockt und ich glaube, dass Dougie genau das gebraucht hat.«

»Redet ihr über mich?«, hörten sie plötzlich eine Stimme, die von hinter ihnen herüber drang.

Pacey drehte sich zu seinem Bruder um. »Ich glaub, ich sehe mal nach Joey.« Mit diesen Worten stahl er sich an Doug vorbei, ohne auf dessen Frage einzugehen.

»Jack?« Doug trat auf ihn zu. »Worüber habt ihr geredet?«

»Nur darüber, was für ein ausgezeichneter Koch du bist«, sagte Jack schnell und gab ihm einen kleinen Kuss auf die Lippen. »Bleibst du kurz hier, dann kann ich Joey begrüßen?«

»Klar.« Doug lächelte mild und sah Jack nach. Es interessierte ihn brennend, in welchem Bezug die Beiden eben von ihm gesprochen hatten. Er wusste, dass Jack eben nur die halbe Wahrheit gesagt hatte.

~*~

Nach dem Essen lehnten sich die Männer praktisch gleichzeitig in ihre Stuhllehnen zurück und rieben sich die überfüllten Bäuche, während Joey nur ein Kopfschütteln von sich gab und Amy aus dem Hochstuhl nahm.

»Ich bin dafür, dass wir einen Spaziergang machen, um angefressene Kalorien gleich wieder zu verbrennen«, sagte sie und sah Amy an, obgleich sie mit diesen Worten vor allem die Männer ansprach. »Nicht wahr, Amy, das hört sich doch super an?«

Die Kleine lachte und Joey stand mit ihr auf dem Arm auf. Die drei Männer sahen sie nur zermürbt an. »Können wir nachkommen?«, fragte Pacey und Joey warf ihm einen Augen rollenden Blick zu. »Fünf Minuten nur«, bettelte er und sah die anderen beiden an, die ihm nickend beipflichteten.

»Ihr seid ein faules Pack«, schimpfte Joey gespielt verärgert. »Dann bauen wir solange einen Schneemann.« Mit den letzten Worten lächelte sie wieder Amy an.

»Zoey!«, jauchzte die Kleine und entlockte Joey damit ein von Tränen untermaltes Lächeln.

»Unglaublich ...« Joey sah Amy kurz an, ließ sie dann runter und hielt sie an den Händen, damit sie allein zur Vordertür gehen konnte, wo die Jacken hingen. »Na dann lass uns mal rausgehen, mein kleiner Weihnachtsengel.«

Die Männer sahen ihr mit einem Kopfschütteln nach.

Im Eingangsbereich zog Joey dem kleinen Mädchen in aller Eile einen Schneeanzug an, einen Schaal, Handschuhe, Mütze und natürlich dicke wasserdichte Schuhe. Dann schlüpfte sie selbst hastig in ihrem Mantel, wickelte sich den Schal um den Hals, zog Handschuhe und Mütze an und verließ dann das Haus.

Aus der Ferne hörte sie die Wellen des Meeres, die am Strand brachen. Aus dem Haus drang genug Licht, um eine relativ große Fläche vor dem Haus zu beleuchten. »So Amy, dann wollen wir mal anfangen.« Mit diesen Worten formte sie einen Schneeball, den sie dann zusammen mit Amy über den Garten rollte bis er so groß war, dass er ausreichend schien, um der Bauch des Schneemannes zu werden.

Während Amy Joey zusah, wie diese eine weitere Kugel rollte, nahm sie eine Handvoll Schnee in den Mund und schüttelte sich, angesichts der überraschenden Kälte.

»Nicht doch«, erklang plötzlich Jacks Stimme, der auf Amy zuging, die im Schnee saß und fröhlich vor sich hin jauchzte. »Liebes, das kann man nicht essen.«

»Ist doch nur Schnee«, sagte Joey. »Ich hab früher immer die Eiszapfen gelutscht, die vorm Haus hingen. Und es hat mich nicht umgebracht.«

»Ja, damals war die Umwelt auch noch nicht so verpestet wie heute. Ich will nur nicht, dass sie krank wird.«

»Das wird sie schon nicht, Jack. Du darfst ihr ruhig etwas mehr zutrauen.« Joey streckte ihren Rücken durch, der ihr durch das lange bücken allmählich anfing wehzutun. »Wie wäre es, wenn du mir hilfst?«

Jack lächelte, formte einen Schneeball und gab ihn Amy, damit sie was hatte, mit dem sie sich beschäftigen konnte. Dann ging er zu Joey hinüber und rollte mit ihr gemeinsam eine riesen Kugel, bis fast kein Schnee mehr da lag.

»Wo sind Pace und Doug?«

»Dougie wollte mit Pace reden. Keine Ahnung was die aushecken.« Er zuckte mit den Schultern. »Hilf mir mal«, bat er dann und deutete auf die Kugel, die Joey und Amy gerollt hatten. »Die setzen wir auf unsere drauf. Dann brauchen wir nur noch einen Kopf.«

Joey nickte und half ihm dabei, die kleinere Kugel auf die ganz große zu setzen.

~*~

Sie waren gerade dabei die Küche gemeinsam sauber zu machen, nachdem sie das Geschirr aufgeräumt und die Essensreste verstaut hatten, als Doug sich zu seinem kleinen Bruder umwandte, der gerade die letzten Teller zurück in den Schrank räumte.

»Pace?«

Er drehte sich um: »Hm?«

Doug wusste nicht recht, wie er anfangen sollte. Schon viel zu lange hatte er dieses Gespräch hinausgezögert. »Es tut mir leid«, sagte er schließlich.

»Was?« Pacey verstand nicht, auf was sich Doug bezog.

»Die ganzen Jahre, in denen ich dich so schlecht behandelt habe. Ich ...«

»Doug, du wirst doch nicht etwa sentimental auf deine alten Tage?«, scherzte Pacey und grinste.

»Es ist mir ernst«, raunte Doug und legte das Geschirrtuch beiseite. »Ich war dir kein guter großer Bruder.«

»Früher nicht, das stimmt.« Etwas anderes zu sagen, wäre gelogen gewesen. Sie beide wussten das. »Jetzt allerdings, bist du mir dafür ein umso besserer Bruder. Du hast mir Mut gemacht, das Restaurant zu eröffnen und mich finanziell unterstützt. Du hast an mich geglaubt, als niemand sonst es mehr getan.«

»Und du hast mich letztlich vor unserem Vater in Schutz genommen«, sagte Doug. »Der kleine sollte nicht den großen Bruder in Schutz nehmen müssen. Es sollte umgekehrt sein.«

»Nein, das ist nur ein dummes Klischee«, lächelte Pacey und legte Doug eine Hand auf die Schulter. »Ich bin stolz auf dich, Doug. Stolz darauf, dass du letztlich doch noch zu deiner sexuellen Neigung stehst und genießt, was immer es mit sich bringt. Ich kann das alles zwar nicht nachvollziehen, aber das heißt nicht, dass ich es nicht voll und ganz respektiere und akzeptiere. Ich weiß, dass du dir gewünscht hast, dass Dad ebenso damit klargekommen wäre.« Seine Stimme war leise, einfühlsam und trieb Doug langsam aber sicher Tränen in die Augen. »Doch Dad hat schon immer wenig von uns gehalten. Er hatte seine guten Momente, aber sie waren viel zu rar. Umso wichtiger ist es, dass wir Geschwister zueinander halten und uns gegenseitig Mut machen. Gretchen und ich hatten schon seit jeher ein gutes Verhältnis zueinander, obgleich ich ihr nicht minder wenig oft Streiche gespielt habe, wie dir.«

»Sie war einfach mit sich selbst zufrieden und wusste, dass dies nur die Sprüche und Neckereien eines kleinen Jungen waren, der verzweifelt die Aufmerksamkeit versuchte von ihr zu erlangen, die er von seinen Eltern nicht bekam. Mom ist auch keine vorbildliche Mutter.«

Pacey nickte. »Ja, mag sein. Und doch liebe ich sie.«

»Das tue ich auch«, erwiderte Doug. »Dennoch war es mein sehnlichster Wunsch dieses Jahr mit dir Weihnachten zu verbringen, anstatt mit ihr.«

»Sie ist doch eh weggefahren. Zu Tante Ashton, wenn mich nicht alles täuscht.«

»Ich habe sie dazu überredet«, grinste Doug schelmisch.

Pacey erwiderte das Grinsen. »Das war eine super Idee.« Im Haus war es plötzlich seltsam still geworden und die beiden bemerkten, dass sie schon viel zu lange auf sich warten ließen. »Wir sollten mal unsere Lieben aufsuchen gehen.«

»Einverstanden«, nickte Doug. »Was hältst du davon, wenn wir noch zu Gale fahren?«

»Hört sich gut an. Dawson ist auch dort und Joey erwähnte etwas, das Bessie und Co. ebenfalls dort sein würden.«

»Na prima, dann ist die ganze Familie vereint, so wie es sich zu Weihnachten gehört.«

Pacey nickte nur und ehe er es sich versah, nahm ihn Doug plötzlich in die Arme und drückte ihn einige gedehnte Sekunden. Perplex ob der ungewöhnlich herzlichen Geste, erwiderte Pacey die brüderliche Umarmung. Es bedurfte keiner weiteren Worte. Er verstand auch so, was dies bedeutete. Sie hatten ein für alle Mal das Kriegsbeil begraben.

~*~

Jason hatte vor einer Weile seine Gitarre aus dem Schlafzimmer geholt und nun untermalte er die Stimmen aller, die nun im Einklang 'Silent Night' sangen. Einzig die Kerzen am Tannenbaum, die Lichterketten am Fenster und das Feuer im Kamin spendete ihnen Licht und zauberte eine ausgesprochen gemütliche Atmosphäre im Haus.

Lilly saß bei ihrem großen Bruder Dawson auf dem Schoß, Ashley im Sessel auf Justins, Bessie, Alexander und Bodie teilten sich die kleine Zweisitzercouch, während Gale hinter Jason stand, ihre Hände auf seine Schultern gelegt und Jason hatte es sich auf einem altmodischen Schaukelstuhl bequem gemacht.

Bis auf Gale vernahm niemand das Klopfen an der Haustür und so ging sie, um zu öffnen, während die anderen weitersangen.

»Wie schön«, sagte sie und empfing das Paar und ihre Tochter herzlich. »Was für eine nette Überraschung!«

»Joey und Pacey kommen auch gleich. Wir haben sie an der letzten Ampel abgehängt«, erklärte Doug und gab Gale einen Kuss auf die Wange. »Fröhliche Weihnachten.«

»Fröhliche Weihnachten«, erwiderte sie und gab auch Jack und Amy ein kleines Küsschen. Dann nahm sie Jack Amy ab, um sie auszuziehen, während sich die Männer ihrer Mäntel entledigten.

Sie lächelten einander an, als sie aus dem Wohnzimmer die Stimmen der anderen vernahmen.

»Ihr kommt gerade recht, zum Weihnachtssingen«, sagte Gale und hob Amy hoch. »Du wirst ja immer schwerer ...« Ohne weiter auf die Männer zu warten, ging sie zurück ins Wohnzimmer zu ihren anderen Gästen und der Familie. Dawson und Lilly sahen als erste auf, als sie das Zimmer betrat.

»Amy!«, rief Lilly freudig, sprang ihrem Bruder vom Schoß und eilte auf das kleinere Mädchen zu.

Ohne das Singen zu unterbrechen, bedeutete Dawson Jack und Doug an, sich zu ihm zu gesellen, als die Beiden das Wohnzimmer betraten. Sie kamen der Aufforderung nach, fielen in den Gesang mit ein und grüßten alle mit einem einfachen Händeschütteln.

Schließlich kamen auch Joey und Pacey und dann war es mit der weihnachtlichen Ruhe geschehen. Es folgte ein heilloses Durcheinander von Begrüßungen. Alexander suchte Joey nach seinem Geschenk ab, während diese Ashley und Justin begrüßte. Jason verteilte Eierpunsch an jeden, der nicht fahren musste und die Kinder bettelten zunehmend danach, wenigstens eines der Geschenke noch am Heiligabend öffnen zu dürfen.

Nach einiger Zeit kehrte Ruhe ein und es wurde ein besinnliches Beieinandersitzen. Die Kinder hatten ihren Willen durchgesetzt und saßen unterm Weihnachtsbaum, um dort mit ihren neuen Sachen zu spielen, während die Erwachsenen über allerlei wichtige und unwichtige Themen sprachen. Als jeder von seinem bisherigen Lieblingsweihnachten erzählte, herrschte jedoch absolute Stille und alle lauschten dem, der gerade seine Geschichte zum Besten gab. Es wurde viel gegessen, getrunken, gesungen und keinem wurde es auch nur eine Minute langweilig.

Die Kinder lagen schon längst im Bett, Alexander neben Lilly und Amy im Schlafzimmer von Dawson, als sie sich alle nach und nach der späten Stunde bewusst wurden. Ashley und Justin verabschiedeten sich als erste, danach machten sich Doug und Jack mit Amy auf den Heimweg und schließlich auch die anderen. Wiederwillig ließ Bessie Alexander zurück, denn sie brachte es nicht über sich, ihn zu wecken.

Bodie hatte versprochen ihn schon ganz früh am nächsten Morgen abzuholen, damit er Zuhause seine Geschenke öffnen konnte.

Und so legte sich allmählich Stille über das Haus, nur das sanfte Pfeifen des Windes vor den Fenstern war zu hören.

~*~

Als Doug Amy ins Bett gebracht hatte und zurück ins Wohnzimmer kam, fand er dort Jack lässig auf der Couch sitzend vor. Er hielt ein Kissen festumschlungen und starrte auf einen Punkt an der Wand gegenüber, den offenbar nur er sehen konnte. Doug schüttelte den Kopf und ging hinüber zu Jack.

»Der Abend war sehr schön«, sagte er und setzte sich neben Jack.

Dieser lehnte seinen Kopf an Dougs Schulter und nickte schwach, ehe er sagte: »Ja, es war besser, als ich erwartet hatte.« Jack machte eine kleine Pause. »Denkst du, dass es falsch ist, dass ich mich heute ein wenig amüsiert habe? Ich meine Jen und Grams gegenüber?«

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte Doug und lehnte nun seinerseits seinen Kopf gegen Jacks.

»Ich habe den Beiden gegenüber einfach ein schlechtes Gewissen.« Jack seufzte.

»Hast du deshalb getrunken?«, erkundigte sich Doug vorsichtig. »Seit wir zusammen sind, habe ich dich nur einmal etwas trinken sehen und das war am Silvesterabend an dem jeder was getrunken hat.«

Jack lächelte mild. »Ja, da warst du von allen der Betrunkenste.« Er hielt kurz inne und ein kleines Lachen entrang sich seiner Kehle. »Du hast mich am nächsten Morgen total geschockt angesehen.«

»Und du hast mich nur süß angelächelt und mir gesagt, dass die Nacht super war.« Doug grinste nun ebenfalls. »Mann, das war was ...« Er schüttelte innerlich den Kopf.

»Hast du es jemals bereut?« Jack setzte sich so gerade hin, wie es ihm möglich war und sah seinen Lebensgefährten an.

»Dass wir in dieser Nacht miteinander geschlafen haben?«

Jack nickte. »Ja, und dass ich dein erster Mann war.«

»Nein«, sagte Doug mit einem warmen Lächeln. »Nicht eine Sekunde.« Als wolle er seinen Worten Nachdruck verleihen, lehnte er sich ein Stück weit vor, so dass er Jack einen Kuss geben konnte. Danach schmiegten sie sich wieder aneinander und schwiegen einige Minuten.

»Jack?« Seine Atmung hatte sich verändert und deshalb dachte Doug, dass Jack eingeschlafen sei. »Jack, bist du noch wach?«

»Hm ...«, raunte dieser und drehte seinen Kopf gerade soweit, dass er Doug mühsam ansehen konnte. »Ich bin mir nicht sicher.«

»Wir sollten schlafen gehen.«

»Kann ich nicht einfach hier schlafen?«

»Nein, keine Chance. Ich weiß, wer sich sonst morgenfrüh Vorwürfe anhören darf. Die Couch ist zu klein, um eine ganze Nacht darauf zu schlafen. Dir würde morgen alles wehtun.« Doug stand als erster auf, nahm Jacks Hände in seine und zog ihn auf die Beine.

»Wenn du meinst«, kam es mit ein wenig schwerer Zunge von Jack. Dann grinste er breit. »Ich liebe diesen Blick.«

»Welchen Blick?« Doug sah ihn verwundert an.

»Na den, den du eben gemacht hast. Deinen in-Sorge-um-Jack Blick.«

»Ich bin nicht wirklich besorgt. Ich will dich einfach nur ins Bett schaffen.« Damit nahm er Jack bei der Hand und führte ihn hinauf ins Schlafzimmer.

Dort angekommen, half er Jack dabei sich bis auf die Boxershorts auszuziehen, die mit niedlichen kleinen Weihnachtsmännern bedruckt war.

»Wo du wieder hinsiehst ...«, kam es gespielt tadelnd von Jack, doch ein freches Lächeln zupfte an seinen Mundwinkeln.

»Deine Unterwäsche war schon immer ein wahrer Hingucker«, verteidigte sich Doug und zog sich ebenfalls aus.

»Als ob es dir um die Unterwäsche ginge ...« Noch immer sah Jack ihn frech an, als er sich rücklings aufs Bett fallen ließ.

Doug lächelte und kletterte zu ihm auf das Bett. Er legte sich halb neben, halb auf Jack und begann dessen Brust und Bauchbereich zu streicheln. »Ich steh eben auf eine schöne Verpackung«, gab er schließlich zu und verschloss Jacks Mund mit einem leidenschaftlichen Kuss, noch ehe dieser mehr Unsinn von sich geben konnte. Es war ein langer, inniger Kuss und wie immer gab Jack dabei ein kleines Brummen von sich, das in Dougs Mund erstickte.

Jack drehte Doug nach einer Weile auf den Rücken und begann dessen Hals und Schlüsselbeinregion mit hauchfeinen Küssen zu versehen. »Ich liebe dich«, murmelte Jack zwischen zwei Küssen und Doug schloss darauf hin die Augen. Ließ sich fallen und genoss, wozu Jack seit Jens Tod das erste Mal wieder bereit war.

Es war Doug wie eine Ewigkeit vorgekommen, die letzten fünfeinhalb Monate, in denen es zwischen ihnen nie zu mehr als ein paar Küssen und Streicheleinheiten gekommen war.

~*~

Doug hatte jegliches Zeitgefühl verloren und genoss es, wie jedes Mal, Jack danach in den Armen zu halten. Er küsste Jack auf den leicht verschwitzten Haaransatz und streichelte ihm nebenbei über den Rücken.

Jacks Worte gingen ihm nicht aus dem Kopf. Dass er ein schlechtes Gewissen hatte, weil er sich an diesem Abend amüsiert hatte. Weil er gelacht und mit den anderen gesungen hatte, als wäre es ein Weihnachten wie jedes andere. Und das, obwohl sich dieses Jahr für ihn vom letzten doch sehr stark unterschied.

»Schläfst du schon?«, flüsterte Doug.

»Nein, noch nicht. Warum?« Jack stützte sich auf sein Handgelenk und sah Doug an.

»Ich möchte dir noch dein Geschenk geben, bevor wir schlafen gehen.« Er lächelte, löste sich von Jack und griff in die Schublade des kleinen Schränkchens auf seiner Bettseite.

Jack sah den Umschlag verwundert an, den Doug ihm mit einem Lächeln hinhielt und nahm ihn nach kurzem Zögern entgegen. Er fragte sich, welches Geschenk in einen Umschlag passte und öffnete diesen unter Dougs zärtlichem Blick, um es herauszufinden.

»Das ist ja eine Reise ...«, stellte er ein wenig ungläubig fest. »Eine Reise für sechs Tage auf Jamaika!« Er strahlte übers ganze Gesicht. »Über Silvester ...«

»Ich dachte, dass es dir und auch mir gut täte, wenn wir ein bisschen Zeit nur für uns haben, an einem Ort, wo jeden Tag die Sonne scheint.« Doug lächelte und war froh, dass Jack das Geschenk so gut gefiel. In letzter Zeit war Jack ein bisschen schwer einzuschätzen gewesen und so hatte er ein wenig befürchtet, dass Jack ihm die Reise irgendwie vorwerfen würde. Dass er einen Tapetenwechsel nötig hatte. Jack hatte es nötig, ja, aber Doug wollte ihn das nicht in diesem Maß deutlich wissen lassen.

»Es gefällt dir?«, wollte sich Doug vergewissern und Jack nickte eifrig.

»Das ist genial, Liebling!« Er beugte sich zu Doug vor und küsste ihn lange und tief. Dann schnappte er nach Luft. »Was ist mit Amy?«

»Sie wird solange bei Gale und Jason sein. Lilly kann es kaum erwarten, ihr Zimmer mit Amy zu teilen.«

»Wann hast du das alles arrangiert?«, fragte Jack weiter und nahm das eben gesagte mit einem kleinen Nicken zur Kenntnis.

»Das verrate ich dir doch nicht.« Doug zwinkerte und streckte den Arm nach hinten aus, sodass er die Nachtischlampe erreichte und den Schalter betätigen konnte. Dunkelheit füllte plötzlich das Schlafzimmer aus.

Während Jack noch einige Sekunden lang verdutzt im Dunkel auf dem Bett saß, kuschelte Doug sich wieder in die Kissen. »Wird Zeit, dass wir jetzt schlafen. Für einen von uns ist die Nacht in etwas mehr als fünf Stunden um, wenn Amy wach wird.«

Jack nickte nur, sagte jedoch nichts. Wieder legte er sich in Dougs Arm, den Kopf an dessen Brust gelehnt.

»Danke«, hörte Doug noch Jacks Stimme sagen, dann sank er erschöpft in einen tiefen Schlaf.

Jack schloss die Augen und öffnete sie wieder. Denn sobald er sie schloss, sah er Jen vor sich und Grams, wie sie im vergangenen Jahr ihm gegenüber auf der Couch gesessen und gesungen hatten. Jens Bauch hatte damals ausgesehen, als würde er jeden Augenblick platzen und bestimmt hatte es sich für Jen auch genauso angefühlt.

Seufzend legte er seinen Kopf auf Dougs Brust und schloss die Augen wieder. Diesmal wurde das Bild nur langsam deutlich, das sich aus seinen Erinnerungen formte.

Jen saß ihm gegenüber vor dem Weihnachtsbaum. Sie trug einen blassrosa Pyjama, das lange blonde Haar zu einem einfachen Zopf zusammengebunden und sah noch ganz verschlafen aus. Er reichte ihr sein Geschenk, ein Fotoalbum für Babybilder. Darin konnte sie eintragen, was das Baby nach der Entbindung wog, wie groß es war und so weiter. Und dann gab es extra Felder, in die sie später die Lieblingsspielsachen hineinschreiben konnte, das erste Wort ihres Babys und vieles mehr. Sie hatte mit Tränen in den Augen von dem Geschenk aufgesehen, ein 'Ich liebe dich' mit den Lippen geformt und war ihm in die Arme gesunken.

Automatisch schmiegte er sich bei dieser Erinnerung näher an Doug, auch wenn es in diesem Moment nicht Doug für ihn war, sondern Jen. 'Ich vermisse dich so sehr', flüsterte er ihr in Gedanken zu. 'Ich vermisse dich so sehr, dass ich glaube es zerreißt mich bald'.

Ohne, dass Jack es hätte aufhalten können, wurden seinen Gedanken von einer Lawine aus Erinnerungen überschwemmt und er begann leise zu weinen. Er weinte so lange, bis die Erinnerungen verdunkelten und ihn langsam tiefer Schlaf überkam.


Fade to black ...
End Notes:
Wir wünschen Euch allen ein besinnliches und schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2004!

Das The Creek Team
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