Die Wiedergeburt des Drachenhelms von Aniron

Die Wiedergeburt des Drachenhelms von Aniron

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Kapitel Bemerkung: Alle vorkommenden Personen und Schauplätze gehören Tolkien und seinen Erben und ich selbst verdiene nichts dabei.
„Bruder, Bruder.“
Das Lachen und Rufen eines Kindes wehte über die saftig grünen Wiesen, welche sich durch Dor-lómin zogen, dem Reich Húrin Thalions, dem Herrn über das Haus Hador.
Ein Mädchen, gekleidet in ein rötliches Gewand und mit goldblondem Haar, lief über das weiche Gras.
Sie rannte auf einen Jungen zu, der nicht weit entfernt unter einem großen Baum lag, der ihm vor der Mittagssonne Schatten spendete. Der Knabe war nur wenig älter als das Mädchen und im Gegensatz zu ihm dunkelhaarig. Er schlug die Augen auf und setzte sich aufrecht hin, als sie sich neben ihm fallen ließ.
„Was hast du denn, kleine Lalaith?“, fragte er nur und strich mit einer zärtlichen Geste über die goldenen Haare seiner Schwester.
Lalaith lächelte und öffnete ihre Hand. Vier oder fünf der leuchtend gelben Lilien, die auf diesen Wiesen im Überfluss wuchsen, lagen in ihr. Túrin wusste, wie sehr Lalaith diese Blumen liebte, welche die Farbe ihres Haares besaßen. Langsam nahm er eine der Blüten aus ihrer Hand und steckte sie seiner Schwester ins Haar.
Sie strahlte ihn an und Túrin schoss durch den Kopf, wie hübsch seine kleine Schwester doch war. Ein inneres Leuchten ging von ihr aus, welches jedem, der sie ansah, ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Deswegen nannte sie auch jeder Lalaith, das Lachen, obwohl Urwen ihr richtiger Name war.
Túrins Hand strich von neuem über Lalaiths Haarschopf, während ihm die Worte seines Vaters wieder in den Sinn kamen.
„Lalaith ist so schön wie ein Elbenkind“, hatte Húrin vor noch nicht allzu langer Zeit zu ihm gesagt, „doch ist sie vergänglicher und mag daher schöner wirken als die Kinder der Eldar.“
Túrin jedoch hatte die Worte seines Vaters nicht verstanden, was mochte er wohl damit meinen?
Er schüttelte den Kopf, um die verwirrenden Gedanken zu vertreiben, und wandte sich wieder dem kleinen Mädchen neben sich zu. Stumm sah er sie eine Zeit lang nur an, bevor er ihr einen sanften Kuss auf die Stirn gab.
Dann erhob sich der Junge und bot seiner Schwester helfend eine Hand, welche sie mit einem Lachen ergriff.
Ein letztes Mal blickte er nach Süden. In der Ferne konnte er undeutlich die hohen Gipfel der Schattenberge sehen, einer langen Gebirgskette, welche Dor-Lómin eingrenzte.
„Komm Lalaith, gehen wir heim“, gab Túrin leise von sich und nahm das Mädchen an der Hand. Zusammen rannten sie über die weiten, grünen Wiesen. Doch noch ehe sie ihr Haus erreichten, verschwand alles in pechschwarzer Stille.
~
Ein leises Röcheln und Husten durchbrach die herrschende Stille in einem abgedunkelten Zimmer. Es roch nach Schweiß, Kräutern und Krankheit.
Eine einzelne Kerze beleuchtete schwach die kleine Gestalt, welche bis zum Kinn zugedeckt in einem Bett lag.
Túrin schwitzte, ihm war fürchterlich heiß, und doch zitterte er vor Kälte, die unaufhaltsam durch seine Glieder kroch. Er war gefangen zwischen dunklen Träumen und den kurzen, wachen Momenten, in denen ihm heilende Tränke und stärkende Brühen eingeflößt wurden. Túrin wusste nicht, wie lange er bereits krank war, doch noch immer kämpfte er gegen das tückische Fieber, welches ihn ans Bett fesselte.
Dann endlich wich die Krankheit aus seinen Gliedern und Túrin durfte das Bett wieder verlassen. Sein erster Gedanke galt seiner Schwester und er wollte sie unbedingt sehen.
„Wo ist Lalaith? Ich möchte zu ihr“, fragte er die Kinderfrau, doch sie schüttelte nur den Kopf. Sie sah traurig aus und Túrin spürte ihre Hand auf seiner Schulter, als sie sich vor ihm niederkniete: „Túrin, sprich nicht von Lalaith. Doch wegen Urwen solltest du deine Mutter fragen.“ Der Junge verstand nicht, was das sollte, also rannte er zu Morwen, seiner Mutter, und sah sie fragend an.
„Ich möchte Urwen sehen, doch warum darf ich nicht mehr nach Lalaith fragen?“
„Urwen ist tot“, antwortete Morwen und der Schmerz sprach aus ihren Augen, „und ihr Lachen ist für immer verstummt…“
Túrin stand da wie angewurzelt. Trauer vermischte sich mit Verzweiflung, doch er würde nicht weinen. Nicht vor seiner Mutter.
Ein dunkler Schmerz hatte Besitz von ihm ergriffen und der Junge biss sich auf die Lippen, um nicht laut aufzuschreien.
Er ballte die Hände zu Fäusten. Lalaith, seine geliebte Schwester, war nun von ihm gegangen. Túrin blickte hoch zur der steinernen Decke. Das war es also gewesen, was sein Vater damals gemeint hatte.


„Túrin“, rief eine Stimme wie durch einen dichten Nebel, „Túrin wach auf!“
Túrin schlug verwirrt die Augen auf. Zuerst wusste er nicht, wo oder wer er war. Für einen kurzen Moment wähnte er sich sogar zurück in Dor-lómin, als Knabe von fünf Jahren und mit Lalaith an seiner Seite. Doch als er sich umsah, wusste er, dass er nur geträumt hatte. Die blühenden Wiesen seiner Heimat waren dem Amon Rûdh, dem kahlen Berg, gewichen und er selbst war ein erwachsener Mann geworden.
Mit einem leisen Ächzen setzte er sich auf und sah geradewegs in das besorgte Gesicht von Beleg Cúthalion, seinem Freund und Mentor aus Doriath. Der Elb kniete vor ihm und hatte seine Hand auf Túrins Arm gelegt.
„Was bedrückt dich, mein Freund? Dein Schlaf war unruhig“, fragte er leise, damit nur Túrin ihn verstehen konnte. Doch dieser antwortete nicht sofort und blickte stattdessen nach Osten. Weit entfernt am Horizont konnte er bereits den ersten Schimmer der Dämmerung erkennen. Vereinzelte Stimmen drangen an sein Ohr. Ein Teil seiner Männer schien bereits wach zu sein, um sich für den neuen Tag bereit zu machen.
„Ich habe von meiner Kindheit in Dor-Lómin geträumt“, antwortete Túrin schließlich auf Belegs Frage hin. Sein Gesicht verdüsterte sich, während er sprach: „Ich träumte von Lalaith, meiner Schwester. Sie rannte auf den grünen Wiesen meiner Heimat, ihr goldenes Haar wehte im Wind. Sie liebte die gelben Blumen, die zuhauf zwischen den Gräsern wuchsen. Sie war alles für mich...“
Túrin verstummte kurz und kratzte sich wie beiläufig am Arm.
„Was geschah mit ihr?“
„Sie starb durch eine Krankheit, die uns in unserer Kindheit heimsuchte. Ich glaube, sie wurde ‚Der verfluchte Wind‘ genannt. Mein Vater sagte, Morgoth habe ihn uns geschickt.“ Túrin verstummte abermals, sah zu Boden und ballte die rechte Hand zur Faust. Für ihn war das Gespräch beendet. Das war das erste Mal, dass er seit Lalaiths Tod wieder von ihr gesprochen hatte. Und es würde das letzte Mal sein, das schwor er sich. Das Gespräch und die Erinnerung in seinem Traum hatten alte Wunden aufgerissen, von denen er geglaubt hatte, dass er sie während der Zeit als Hauptmann der Geächteten vergessen hatte. Er biss sich auf die Lippen, als Lalaiths glockenhelles Lachen, wie durch einen Nebel hindurch durch seinen Kopf geisterte. Nein, die Vergangenheit sollte man ruhen lassen, sie lenkte ihn nur von seiner Aufgabe ab, dem Feind das Leben so schwer wie möglich zu machen. Die Stimme in seinem Kopf wurde leiser und verstummte schließlich ganz.
Der Elb neben ihm nickte nur verständnisvoll und reichte ihm stumm ein wenig von dem Lembas, welches er aus Doriath mitgebracht hatte. Dankbar ergriff Túrin das Brot und füllte damit seinen knurrenden Magen, als sich eine weitere Gestalt zu ihm hinunter kniete. Es war Andróg, einer seiner Bogenschützen und Späher. Der Mann warf Beleg kurz einen misstrauischen Blick zu, ehe er sich wieder an seinen Hauptmann wandte: „Wir haben einen Trupp Orks gesichtet, nicht weit von hier, höchstens noch ein paar Wegstunden. Sie marschieren über die alte Südstraße und haben bereits die Teiglinstege hinter sich gelassen. Die Männer rüsten sich zum Angriff und du sollst uns anführen, Hauptmann.“ Mit diesen Worten erhob sich Andróg wieder, nickte Túrin zu und gesellte sich wieder zu den anderen Männern, um sich auch für den Kampf bereit zu machen.

Mit einem grimmigen Gesichtsausdruck stand Túrin ebenfalls auf. Er gürtete sein Schwert und prüfte noch zur Sicherheit die Schärfe der blanken Klinge, auch wenn er diese erst gestern geschliffen hatte. Der Anflug eines Lächelns erschien auf seinen Lippen. Die Diener des Feindes würden seiner Waffe nichts entgegenzusetzen haben. Eine Flamme, welche lange erloschen war, hatte wieder in seinem Inneren zu brennen begonnen. Er konnte zwar nicht Morgoth selbst vernichten, doch seine Orkheere würden dieses Glück nicht haben. Sollten sie nur kommen, er und seine Männer waren bereit.
„Túrin, warte!“
Beleg hatte sich auch erhoben. Ernst sprach aus seinem Gesicht und wieder hielt er seinem Schützling etwas entgegen. Dieses Mal war es kein elbisches Wegbrot, sondern…
Túrin stockte der Atem. Es war der Drachenhelm, der berühmte Helm von Hador, seinem Urgroßvater. Mit zitternden Fingern nahm er den wertvollen Gegenstand an sich und blickte einen Moment lang unsicher zu dem Elben, der jedoch nur nickte.
„Erwecke den Drachenhelm zu neuem Leben, Túrin! Lehre dem Feind das Fürchten vor deinem Anblick. Zeige ihm, wie stark die Edain noch sind und sie werden sich noch lange mit Schrecken an den Helm Hadors erinnern“, sprach Beleg mit feierlicher Stimme und zückte kampfbereit seinen langen Bogen.
Túrin nickte langsam. Er spürte eine Verbundenheit mit dem berühmten Helm in seinen Händen und setzte ihn sich schließlich auf. Es war, als würde eine Kraft ihn durchströmen, die nicht die seine war, und doch fühlte es richtig an, dass er das Erbstück seiner Familie trug.
Er lächelte grimmig, zog sein Schwert aus der Scheide und streckte es gen Norden, dort wo der Feind im Dunkel seiner Festung lauerte. „Knechte des Feindes“, rief er, „nehmt euch in Acht vor dem Drachenhelm und dem tödlichen Bogen, seinem treuen Gefährten.“ Dann griff Túrin zu seinem Signalhorn und blies hinein. Ein durchdringender Ton erschallte über den Amon Rûdh, für seine Männer das Zeichen, dass sie aufbrechen würden. Er lief zusammen mit Beleg an der Spitze seines Heeres, und noch bevor der Drachenhelm wie ein Sturm über die vorrückenden Orks niederfuhr, ging im Osten strahlend hell die Sonne auf.


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