Commilitones 1 - Waffenbrüder von Severin Sesachar

Commilitones 1 - Waffenbrüder von Severin Sesachar

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„Wer das Leben nicht schätzt,
der hat es nicht verdient.“
Leonardo da Vinci (1452 – 1519)


KAPITEL 1
MALER UND MEISTER

„Na, haben sie dich wieder aus dem Loch gelassen?“
Das höhnische Lachen, das der Frage folgte, erregte Leonardos Zorn. Sein Weg durch die Via Ghibellina glich an diesem Abend einem Spießrutenlauf. In jeder Gruppe, an der er vorbeikam, steckten die Leute die Köpfe zusammen, tuschelten hinter vorgehaltenen Händen und gestikulierten in seine Richtung. Als wäre dies schon nicht demütigend genug, hoben manche ihre Stimme, um ihm Worte der Schmach nachzurufen.
„Das will ein guter Maler sein, wo er doch offenbar nicht mal einen Mann von einer Frau unterscheiden kann?“
„Immerhin kann er einen Mann noch von einer Ziege unterscheiden!“
Das Gelächter schwoll an. Leonardo zog seine Schultern hoch, ließ zugleich den Kopf hängen und wünschte sich, unsichtbar zu sein. Er lief schneller, bestrebt, sich endlich in seine Schlafkammer zu verkriechen und die Welt auszusperren, die sich ihm heute in all ihrer Hässlichkeit zeigte.
Wenige Meter vor der Bottega von Andrea del Verrocchio, die zu den angesehensten Werkstätten von Florenz zählte, traten Leonardo zwei Männer entgegen. Sie waren älter als er, der eine ein kräftiger Blondschopf mit langem Kinn, der andere ein Hänfling mit abstehenden Ohren.
„Du traust dich also wieder nach Hause“, sagte der Blondschopf gedehnt. „Wie war sie denn so, die Kerkerluft?“
„Lass mich vorbei, Sandro.“ Leonardo wollte einen Bogen um die beiden schlagen, doch der Angesprochene stellte sich ihm erneut in den Weg.
„Ich hab gehört, die im Stinche haben eine spezielle Art, mit Sodomiten umzugehen …“
„Ich wurde freigesprochen“, sagte Leonardo.
„Ach ja?“ Sandro blinzelte. „Und mit welcher Begründung?“
„Was geht dich das an?“
Leonardos trotziges Aufbegehren schien Sandro zu reizen. „Was es mich angeht, dass du die Bottega meines Lehrmeisters in Verruf bringst? Eine Menge! Die Anklage gegen dich ist eine Schande für uns alle!“
„Ich bin unschuldig!“, rief Leonardo. „Die Anklage wurde fallengelassen!“
„Auf Drängen der Medici, wie man hört.“ Es war der Hänfling, der sich nun zu Wort meldete. Wichtigtuerisch verschränkte er die Hände hinter seinem Rücken und reckte das Kinn. „Äußerst kurios, dass diese Familie sich ausgerechnet für jemanden wie dich einsetzt, findest du nicht? Sag an, wie das zugegangen ist, Leonardo. Hältst du etwa auch für die feinen Herren Brüder deinen Arsch hin, wenn sie die Langeweile überkommt?“
Leonardo ballte die linke Hand zur Faust und schlug sie dem Hänfling ins Gesicht. Der stolperte zurück, ruderte mit den Armen und fiel in den Dreck. Leonardo wollte sich auf ihn stürzen, doch bevor er Gelegenheit dazu bekam, fasste ihn Sandro am Kragen und riss ihn herum. Geistesgegenwärtig fing Leonardo seinen Hieb mit vor dem Gesicht gekreuzten Armen ab. Er holte zum Gegenschlag aus und traf Sandro am Kinn. Der keuchte, dachte aber nicht daran, von Leonardo abzulassen. Die beiden Männer rangen miteinander, bis sie das Gleichgewicht verloren und zu Boden gingen. Wütend wälzten sie sich im Staub. Sofort strömten Schaulustige herbei, die sich um die Kämpfenden scharten und sie mit lauten Zurufen und Klatschen anfeuerten. Doch nicht jeder war von dem Geschehen begeistert.
„Holt die Stadtwache!“, hörte man eine Töpferin hinter der Auslage ihres Ladens schreien. „Sie beschädigen noch unsere guten Waren! Los, Beeilung!“
Bevor die Wache aufmarschieren konnte, beendete jemand anderes die Prügelei. Sandro wurde am Kragen gepackt und in die Höhe gezogen – ganz so wie ein störrischer Hund, der nicht von seiner Beute ablassen wollte. Zornig wandte er sich dem Mann zu, der sich einzumischen wagte, und erstarrte.
Missbilligende Züge um einen schmalen Mund waren alles, was zu erkennen war. Der Rest des Gesichtes lag im Schatten einer Kapuze verborgen, die sich der Mann über den Kopf gezogen hatte. Dazu trug er einen beigegrauen Waffenrock mit roten Streifen und einen breiten Gürtel, unter dem ein ebenfalls rotes Band hervorlugte. Ein Armschutz aus Leder und ein Umhang aus demselben Material unterstrichen seine kriegerische Erscheinung.
„Assassino!“, keuchte Sandro.
„Verschwinde“, sagte der Mann. „Was sollen nur die Leute von einem Sandro Botticelli denken, der sich aufführt wie ein Rohling, wenn er doch Altarbilder für die Medici malen soll?“
Er ließ Sandro los, der einige Schritte zurücktaumelte und sich hilfesuchend umsah. Auch sein Begleiter hatte sich wieder aufgerappelt und starrte auf den Assassinen. Das Gejohle der Menge war betretenem Schweigen gewichen.
„Steht hier herum und gafft, so als hätte niemand von euch Dreck vor seiner eigenen Tür zu kehren! Wo ist er denn, euer Sinn für Sitte und Anstand? Ein Haufen von Dorftrotteln seid ihr, keine Künstler, wenn ihr der Schmähung mehr Begeisterung entgegenbringt als eurer Schaffenskraft! Los, geht arbeiten!“ Der Assassine drehte sich um und streckte Leonardo die Hand entgegen. „Steh auf, mein Freund.“
Leonardo zögerte. Reue lag in seinem Blick. Sein Retter lächelte und wackelte mit den Fingern. Es war eine einladende Geste, und schließlich griff Leonardo zu.
„Lass uns ein Stück gehen“, sagte der Assassine, als Leonardo wieder auf den Beinen stand und sich mehr schlecht als recht den Dreck aus seiner Kleidung klopfte. „Wir sollten reden.“
Leonardo nickte stumm, woraufhin ihn der Assassine in eine Seitenstraße dirigierte, die zu den Obstgärten hinter der Klosteranlage von Santa Croce führte. Die Menschenmenge löste sich auf. Auch Sandro und der Hänfling suchten das Weite, wohl um sich irgendwo abseits unliebsamer Zeugen die Wunden zu lecken.
„Danke“, flüsterte Leonardo.
„Nicht dafür.“
„Ich meine auch nicht den Streit gerade. Ohne dein Eingreifen hätten sich die Medici bestimmt nicht für meine Freilassung eingesetzt.“
Die schmalen Lippen unter der Kapuze verzogen sich zu einem Lächeln. „Lorenzo schuldete mir noch einen Gefallen. Davon abgesehen war allen klar, dass du nur ein Mittel zum Zweck warst, um die Medici in eine Schmutzkampagne hineinzuziehen. Schließlich hat man neben dir auch Lucrezias Neffen des Umgangs mit Jacopo Saltarelli bezichtigt. Eine Anklage wirkt schwerer, wenn sie sich gegen mehrere zugleich richtet.“
„Ich habe aber mit Politik gar nichts am Hut.“
„Sagt der, dessen Vater als Notar für die Signoria arbeitet. Wenn ich ehrlich sein soll, Leonardo, drängt sich mir der Verdacht auf, dass die Denunziation vor allem auf die Schädigung seines Rufes abgezielt hat. Warum sonst solltest du der Einzige auf der Liste der Angeklagten sein, dessen Familienzugehörigkeit so nachdrücklich betont wurde?“
„Ich werde gewiss nicht mit ihm darüber sprechen!“
„Warum nicht?“
„Seit vier Monaten hat er, wonach er jahrelang getrachtet hat: einen legitimen Sohn. Ich bin raus aus dem Spiel. Nur noch ein Bastard, der nicht mehr als Lückenfüller herhält, solange es seinem alten Herrn nicht gelingt, einen Erben für seine Kanzlei zu zeugen.“
„Du bist trotzdem sein Sohn.“
„Ich war stets der Enkel meines Großvaters, Giovanni. Aber nie der Sohn Ser Piero da Vincis. In seinen Augen besitze ich keine Talente. Nur Absonderlichkeiten.“
Verdrossenheit sprach aus Leonardos Stimme, und der Assassine, den er soeben vertraulich beim Namen genannt hatte, fasste ihn an der Schulter. Sie hatten das Ende der Straße erreicht und standen vor einer Mauer, über die die Zweige von Pfirsichbäumen ragten. Es war Juni und die Früchte fast reif. Ihr Duft erfüllte das Viertel und ließ Leonardo für einen Moment vergessen, dass sie sich inmitten einer Metropole befanden, in der tagein, tagaus gehämmert, geschreinert und geschmiedet wurde.
„Du bist nicht absonderlich, Leonardo. Nur außergewöhnlich.“
„Ich sehe den Unterschied nicht.“
„Dein Vater fürchtet sich vor Künsten, die er nicht selbst beherrscht und deshalb auch nicht versteht. Was deine Augen zu sehen vermögen, ist ihm fremd. Fremdes wird immer auf Abstand gehalten. Das ist eine traurige Eigenschaft der Menschen.“
„Manchmal wünschte ich, ich wäre einfach so wie jeder andere.“
„Ich bin froh, dass du es nicht bist.“ Giovanni lachte. Dann deutete er auf die Mauer. „Los, rüber mit dir.“
„Was –“
„Nachdem du dich ohnehin schon im Dreck gewälzt hast, können wir auch ein paar Übungen wiederholen. Bewegung wird dir nach den letzten Tagen guttun.“
‚Den Tagen im Kerker‘, dachte Leonardo bitter, wagte jedoch keinen Protest. Er sah an sich herunter – auf die fleckigen Hosen und das ebenfalls verschmutzte Hemd, das einen ausgefransten Schlitz zwischen Kragen und Schulter zeigte, wo ihn Sandro gepackt und herumgerissen hatte. Seufzend streckte Leonardo die Hände nach der Mauerkante aus, schob den Fuß in eine Fuge zwischen den Steinquadern und schwang sich in den Garten. Giovanni folgte und landete neben ihm im Gras. Mit einem aufmerksamen Blick versicherte er sich, dass sie alleine waren, dann zog er sein Schwert aus dem Gürtel und reichte es Leonardo.
„Warum tust du das überhaupt noch?“, fragte Leonardo leise.
„Weil ich an dich glaube.“ Giovanni nahm einen Dolch zur Hand, mit dem er sich gegen seinen Schüler zu verteidigen gedachte, und ging in Aufstellung. „Kämpfe, Leonardo“, forderte er. „Mit deinem Verstand und deiner Klinge.“

***


Die Glocken von Santa Croce läuteten bereits zur zweiten Stunde, als Leonardo durch die Hintertür in die Bottega schlüpfte. Der Geruch von Holz und Lösungsmitteln begrüßte ihn, gemeinsam mit dem anklagenden Blick Andrea del Verrocchios.
„Ich dachte schon, sie hätten dich erneut ins Verlies gesteckt.“
Die Scham, die unter den sich kreuzenden Klingen im Pfirsichgarten von Leonardo abgefallen war, fraß sich bei diesen Worten erneut durch seine Adern. Er senkte den Kopf und drückte die Tür ins Schloss.
„Schieb den Riegel vor“, sagte Verrocchio. „Die anderen sind längst im Bett. Dort, wo sie zu dieser Nachtzeit auch hingehören.“
„Ich habe frische Luft gebraucht.“
„Mir scheint, du brauchst noch etwas ganz anderes.“ Die Flammen der Öllampen zitterten, als der Meister sein Auftragsbuch zuschlug. Andrea del Verrocchio war ein hochgewachsener Mann mit dunklen Locken, die er kaum zu bändigen vermochte. So unbeherrscht wie sein Haar war auch seine Stimme. „Sandro hat sich bei mir über dich beschwert.“
„Hat er das?“
„Ich bin nicht erfreut darüber, dass sich ausgerechnet meine beiden besten Schüler auf offener Straße mit Hass begegnen.“
Leonardo verschränkte die Arme vor der Brust. „Er hat mich provoziert!“
„Und wer bist du, dass du dich provozieren lässt?“ Verrocchio stand auf. Er umrundete den Tisch und trat vor Leonardo, der noch immer an der Hintertür ausharrte wie ein tänzelnder Destrier, unschlüssig, ob er davonlaufen oder sich dem Dominanzverhalten seines Herrn unterwerfen sollte. Verrocchio nahm ihm die Entscheidung ab, indem er den Arm ausstreckte und Leonardo an der Schulter fasste.
„Du magst vielleicht der fähigste Maler sein, den ich je ausbilden durfte, aber ich kann dir deine Verfehlungen nicht nachsehen.“
„Welche Verfehlungen? Saltarelli stand mir Modell, für eine Terrakottafigur des Christusknaben. Dafür habe ich ihn bezahlt, und für nichts anderes.“
„Einige Augenzeugen würden dir da widersprechen.“
Endlich hob Leonardo den Blick. Wut und Enttäuschung lagen darin.
„Und denen wollt Ihr mehr Glauben schenken als mir?“
Verrocchio feixte. „Nun, ragazzo, es ist nicht so, als ob du von derlei … Praktiken nichts verstündest.“
„Wie wahr“, erwiderte Leonardo bitter. „Ihr wart mir schließlich in vielen Dingen ein überaus eifriger Lehrer.“
Die Hand, die wie eine Raubtierpranke auf seiner Schulter ruhte, zuckte. Dann zog Verrocchio sie zurück. „Deine Undankbarkeit wird dir irgendwann noch zum Verhängnis werden!“, zischte er. Er wandte sich ab, kehrte zu seinem Tisch zurück und begann, die dort verstreut liegenden Blätter mit Planskizzen einzusammeln. „Damit wir uns richtig verstehen, Leonardo: Für die Ausführung unseres Auftrags in Pistoia bist du noch vertraglich verpflichtet. Erledigst du deine Arbeit zu meiner Zufriedenheit, winke ich deine Meisterprüfung durch. Vernachlässigst du jedoch deine Pflichten, verlässt du meine Werkstatt ohne Titel und Empfehlungsschreiben, comprende?“
Leonardo schluckte. „Sì, maestro.“
„Bene. Dann geh jetzt zu Bett. Und wasch dich gefälligst. Du stinkst wie ein Hund!“

***


Einige Monate vergingen, in denen sich Leonardo wie von seinem Meister befohlen in die Arbeit stürzte. Die Bottega del Verrocchio sollte ein Grabmal zum Gedenken an einen Kardinal mit Namen Fortagierri in der Kathedrale von Pistoia errichten, und so verbrachte Leonardo den Großteil des Sommers in der kleinen, aber beschaulichen Stadt nordwestlich von Florenz. Hier musste er nicht fürchten, auf der Straße verhöhnt zu werden, da er sich angeblich die Liebesdienste eines jungen Mannes erkauft hatte. An seiner bedrückten Stimmung änderte das jedoch wenig. Lob und Zuspruch, wie er sie zuvor von seinem Meister gewohnt gewesen war, blieben aus. Ganz gleich, wie sehr Leonardo sich auch bemühte, wie durchdacht seine Entwürfe für das Grabmal ausfielen oder wie gewissenhaft er den Faltenwurf der Kleidung auf dem Gemälde ausarbeitete, das sein Meisterstück werden sollte, Verrocchio begnügte sich mit einem kurzen Nicken und widmete sich dann anderen Dingen. Aus einer Arbeit, die Leonardo erfüllt hatte, wurde eine Last, und seine Leidenschaft wich Resignation. Unfähig, sich zwanglos zu geben, begann er, den geselligen Abenden seiner Kollegen fernzubleiben, und je mehr er vereinsamte, desto öfter griff er zum Weinkrug.
„Du lässt dich gehen“, sagte Giovanni, als sie sich an einem Oktobermorgen im Pfirsichgarten duellierten. Die Früchte waren abgeerntet, ihr süßer Duft verschwunden. Stattdessen lag das herbe Aroma von Petrichor über der Stadt, das ein Regenschauer hinterlassen hatte.
Leonardo schwieg und blockte mechanisch den Schlag, den Giovanni anbrachte. Heute führte er den Dolch, während ihm der Assassine mit dem Schwert zusetzte. Sie tauschten regelmäßig die Waffen. Wenn es nach Giovanni ging, hatte Leonardo den Umgang mit jeder einzelnen zu lernen und zu perfektionieren.
„Konzentrier dich“, mahnte Giovanni. „Du läufst sonst Gefahr, dich zu verletzen. Ohne Hand wirst du kaum dein Meisterstück vollenden.“
„Ich frage mich ohnehin, wofür ich es jetzt noch brauche.“
Leonardo hatte kaum ausgesprochen, als Giovannis Schwert seine Deckung durchbrach. Die Spitze der Klinge stieß gegen seine Brust, und Leonardo erstarrte.
„Nur, wenn du den Meistertitel erwirbst, ist es dir auch erlaubt, Lehrjungen auszubilden“, sagte Giovanni mit Nachdruck. „Du brauchst Einnahmequellen. Möglichst regelmäßige und nicht bloß Zahlungen für ein paar willkürlich erteilte Aufträge.“
„Wer erteilt schon Aufträge an einen Maler, der mal im Gefängnis gesessen hat?“, erwiderte Leonardo. „Oder schickt ihm seine Söhne?“
„Wir wissen beide, dass die Anklage gegen dich haltlos war.“
„Wir beide und wer noch? Nicht mal mein Meister glaubt mir!“
Leonardo warf den Dolch ins Gras, und in seiner Wut fuhr die Klinge bis zum Heft in die Erde. Giovanni sah zuerst auf die Waffe, dann auf Leonardo, der sich gegen einen Baumstamm lehnte und daran hinabrutschte. Müde fuhr er sich mit den Fingern in das vom Kämpfen verschwitzte Haar.
„Ja, ich habe Jacopo getroffen“, gestand er. „Mehrmals sogar. Aber das war immer nur privat …“
„Ich weiß.“
„Wenn man einem Freund einen Gefallen tut, erwartet man dafür keinen Lohn. Doch wenn mir besagter Freund eine Dienstleistung erbringt, dann sollte es doch selbstverständlich sein, dass ich ihn angemessen dafür bezahle. Alles andere wäre unrecht.“
Giovanni steckte sein Schwert zu dem Dolch ins Gras, ließ sich neben Leonardo sinken und zog sich die Kapuze vom Kopf. Kastanienbraunes Haar kam zum Vorschein. Das Gesicht, das es umrahmte, gehörte einem Mann mittleren Alters, dessen aufgeweckter Blick nicht zu den Falten passen wollte, die sich um seinen Mund zogen.
„Hättest du Jacopo Saltarelli einfach ausgenutzt, hättest du wohl nie Ärger bekommen“, bemerkte er.
„Die Welt ist doch krank.“
Sie lehnten sich zurück, bis ihre Köpfe am Stamm des Pfirsichbaumes ruhten, und starrten in den Himmel. Vor Wolkenbergen, die sich im Westen auftürmten und ein neues Herbstgewitter ankündigten, zog ein Rotmilan seine Kreise.
„Ich möchte sie gern verändern“, sagte Leonardo nach einer Weile. „Die Welt.“
„Darum sind wir hier. Menschen wie du und ich.“
„Wir sind wenige.“
„Auch ein Einzelner vermag es, Bedeutsames zu bewirken, amico mio.“
Leonardo verzog das Gesicht. „Mit der Klinge?“
„Die Klinge ist ein Werkzeug und weder gut noch böse. Was entscheidet, ist der Mann, der sie führt. Achtet er das Leben und die Freiheit des Menschen, oder will er über beides herrschen? Erweist er dem Tod seinen Respekt, oder verhöhnt er ihn mit seinen Taten?“
„Ich fürchte, die meisten töten aus Gier.“
„Vero. Und wir dürfen das niemals tun.“
Wieder schweifte Leonardos Blick zum Himmel und suchte den Rotmilan, der seinen durchdringenden Schrei über die Stadt schickte.
„Warum hast du mich ausgesucht, Giovanni?“, fragte er.
„Du weißt es nicht?“
„Die Gabe zu besitzen, scheint mir kein valides Argument zu sein.“
„Sie allein hat mich auch nicht zu meiner Entscheidung bewogen.“ Giovanni schmunzelte. „Ich wage zu behaupten, dass ich in dein Herz sehen kann, Leonardo. Du sehnst dich nach Anerkennung und Ruhm, aber beides willst du dir ehrlich verdienen. Verrat und Tücke sind dir fremd. Darin gleichst du Ezio. Ihr werdet euch gut verstehen.“
„Du hast also deine Wahl getroffen?“
„Das habe ich. Auch wenn Federico mein ältester Sohn ist, täte ich ihm keinen Gefallen, ihn zu meinem Nachfolger auszubilden. Er hat sein Herz am rechten Fleck, doch mit der Verantwortung tut er sich schwer. Er versäumt Termine, häuft Schulden an und hat mehr Streiche im Kopf als ein kleiner Junge. Ezio dagegen …“ Giovanni lächelte. „Er wäre dir ein guter Freund. Du könntest Frieden bei ihm finden.“
„Mein Glaube an die Freundschaft ist erschüttert, Giovanni.“
„Bin ich dir etwa keiner? Ein Freund?“
Betreten senkte Leonardo den Blick und schwieg. Dann spürte er Giovannis Arm, der sich über seine Schultern legte.
„Es wird Zeit, dass du deine eigene Werkstatt beziehst. All die Ausrüstung, die du brauchst, kannst du nicht in dieser kleinen Schlafkammer bei Verrocchio verstecken.“
„Es gibt aber kein Haus in Sant’Ambrogio, das ich mir leisten könnte“, erwiderte Leonardo. „Ich habe mich schon umgehört.“
„Nun, ich weiß von einem Sattler, der seine Bottega an der Piazza Brunelleschi verkaufen möchte. Ich könnte ein gutes Wort für dich einlegen.“
„Und von welchem Geld soll ich sie bezahlen?“
„Auftragsgemälde.“
„Witzbold“, knurrte Leonardo.
„Mitnichten, mein zukünftiger Maestro da Vinci, denn meine Frau hat es sich in den Kopf gesetzt, den Korridor zum Atrium mit Gemälden auszuschmücken. Drei auf jeder Seite sollen es sein. Wenn ich ihr ein paar Arbeiten von dir zur Ansicht zeige, wird sie sich vor Begeisterung kaum halten können. Ich sehe mich schon Bankrott anmelden, weil sie Unsummen bei dir lassen wollen wird.“
Er gluckste, und seine Heiterkeit vermochte es, auch Leonardo ein Lächeln abzuringen.
„Ich stehe tief in eurer Schuld, Giovanni.“
„No, amico. Dinge, die man der Freundschaft zuliebe tut, verlangen keinen Lohn, schon vergessen? Nur Dienstleistungen werden vergolten. Ich ersuche deine Dienste, und ich werde dich nach Vertrag dafür bezahlen. Ganz so, wie es sich gehört.“
„Und wahrscheinlich möchtest du, dass ich mir die Bottega ansehe, von der du eben gesprochen hast?“
„Gewiss. Wir treffen uns morgen zur sechzehnten Stunde auf der Piazza Santa Croce.“
„Giovanni, ich –“
„Sag deinem Meister, dass dich ein Kunde zum Gespräch erwartet. Es wäre nicht gelogen.“
„Va bene. Ich werde da sein.“


***

Glossar:
Signoria – höchste Behörde italienischer Stadtstaaten im Mittelalter
ragazzo. – Junge, Bursche
Comprende?. – Verstanden?
amico mio. – mein Freund
Vero. – Wahr.
sechzehnte Stunde – im Monat Oktober ca. 9:15 Uhr (vgl. Italienische Stunden: der neue Tag begann stets zu Sonnenuntergang, wenn die mechanischen Uhren zurück auf null gestellt wurden)
Va bene. – Na gut.


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