7.02 - Veränderungen von Anna-Lena

7.02 - Veränderungen von Anna-Lena

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Das Leery Haus lag still in der Mittagssonne, bis auf Gales Stimme, die zu hören war. Sie stand in der Lichtdurchfluteten Küche und hatte den Telefonhörer in der Hand, in den sie gerade sprach: »Natürlich verstehe ich das Mrs. Ryan. Aber haben Sie es sich wirklich überlegt?«

Am anderen Ende der Leitung erwiderte Evelyn Ryan. »Natürlich habe ich das. Hier kann ich in ein Seniorenheim gehen oder in eine vergleichbare Einrichtung. In Capeside bräuchte ich jemanden, der mich pflegt. So etwas kann ich mir wirklich nicht leisten.«

Zustimmend nickte Gale, dennoch widersprach sie: »Aber was wollen Sie denn ganz allein in der Großstadt? Ich meine, Sie haben doch niemanden, nach dem schrecklichen Verlust von Jen. Hier in Capeside leben wir doch alle und auch Amy ist hier.«

Dennoch hatte Mrs. Ryan ein Argument parat. »Ich lebe inzwischen sehr gerne in der Großstadt. Außerdem habe ich hier meine Ärzte und in Capeside müsste ich meine Therapie wieder abbrechen.«

Es war schon lange kein Geheimnis mehr, dass Mrs. Ryan Brustkrebs hatte, doch nach dem Verlust von Jen schien es ihr nochmals schlechter zu gehen. Auch Gale wusste es, denn sie telefonierte täglich mit ihrer ehemaligen Nachbarin. Heute Mittag, kurz nach dem Lilly zu Alexander rübergegangen war, hatte Mrs. Ryan ihren alltäglichen Anruf gemacht und hatte dann ihre Bitte an Gale geäußert.

»Aber haben Sie sich denn schon erkundigt, ob man Sie nicht auch hier weiterführen kann? Davon abgesehen … wie haben Sie sich vorgestellt, wie ich das mit dem Haus machen soll? Ich bin doch keine richtige Geschäftsfrau, die sich mit so etwas auskennt«, wandte Gale ein.

»Sie sollen mir ja auch nur jemanden Vertrauenswürdigen suchen, der mit dem Haus nichts anstellt. All das mit dem Vertrag würde ich von jemand Professionellem machen lassen.«

Nun nickte Gale. »Auch, wenn es mir schwerfällt. Ich werde auf jeden Fall mein Bestes geben. Leider wird es dieses Wochenende nichts, da Dawson vorbeikommt.«

Mit einem Lächeln meinte Mrs. Ryan: »Das macht ja nichts. Noch ist der Herr ja noch bei mir und gibt mir Unterstützung. Aber wie geht es denn Dawson?«

Mit einem stolzen Lächeln auf dem Gesicht, ließ sich Gale schließlich auf den Themenwechsel ein. »Dawson geht es gut. Er hat vielleicht ein bisschen Stress, aber ansonsten geht es ihm sehr gut. Dieses Wochenende ist er ja auch nur hier um die zweite Staffel seiner Serie 'The Creek' zu promoten. Wenigstens kommt er mal nach Hause.«

»Schade, dass ich nicht nach Capeside kommen kann. Ich würde ihn so gern nochmals wiedersehen. Aber gerade an diesem Wochenende habe ich eine Bestrahlungstherapie und danach bin ich immer ziemlich geschafft«, sagte sie bedauernd.

Etwas unwohl erwiderte Gale: »Tja, da kann man wohl nichts machen. Ich werde mich dann auf jeden Fall um Ihr Anliegen kümmern.«

»Vielen Dank und bis morgen«, verabschiedete sich Mrs. Ryan.

Und nach einem »Bye!« drückte Gale auf die Taste zum Auflegen. Etwas unschlüssig und gedankenverloren stand sie noch einen Moment in der Küche. Also würden sie bald neue Nachbarn haben.

***

Keuchend schleppte Jack einen der letzten Umzugskartons die kleine Treppe zum Dachgeschoss hinauf. Und obwohl er dies am heutigen Tag schon über zehn Mal gemacht hatte, stieß er sich wieder den Kopf an der Decke.

»So ein Mist!«, fluchte er und biss die Zähne zusammen.

Von unten hörte er Doug rufen. »Was ist passiert?«

»Wieder mal die niedrige Decke«, erwiderte Jack und brachte den Karton in sein Schlafzimmer. Schon seit 8.00 Uhr in der Früh waren sie jetzt dabei Dougs Sachen aus der Stadt in das Strandhaus zu schaffen. Trotzdem war es jetzt beinahe 16.00 Uhr und sie waren noch immer nicht fertig.

Während er und Doug die Kartons schleppten, auspackten, einräumten und sauber machten, saß Amy vergnügt im Wohnzimmer und spielte mit ihren Spielsachen.

Doug war gerade dabei das Wohnzimmer wieder auf Vordermann zu bringen und ließ sich schließlich erschöpft neben Amy sinken. Mit einem Lächeln nahm er sie auf den Arm und sagte leise: »Na, dass gefällt dir, was? Einfach hier herumsitzen und nichts tun.«

Vergnügt strampelte Amy mit ihren Beinen und quiekte. Ein Gefühl der Zärtlichkeit übermannte Doug und er lächelte der Kleinen zu.

»Ja. Was ist denn? Mhm? Gefällt dir das?«

Doch Amy schaute nun zu Tür und so guckte auch Doug sich zur Tür um, in der Jack stand und die Beiden beobachtet hatte.

Mit langsamem Schritt kam er auf die Beiden zu. »Na das hat man gern. Man ackert und ackert und ihr beiden sitz hier und vergnügt euch.«

Amy lächelte Jack an und patschte ihm dann mit ihren Händen ins Gesicht. Nun musste auch Jack lachen und nahm Doug die Kleine ab. »Ich glaube draußen steht noch ein Karton. Könntest du den holen? Ich kümmere mich derweil um Amy. Eigentlich müsste sie schon lange Hunger haben.«

Doug nickte nur und machte sich dann auf den Weg nach draußen.

Mit Amy auf dem Arm betrat Jack die Küche und setzte sie nun in den Hochstuhl. »Ja, mein Engel, jetzt gibt es etwas zu Essen.«

Mit schnellen Bewegungen holte er Löffel und ein Glas fertige Babynahrung und setzte sich dann vor sie. »Okay, meine Kleine, einmal den Mund auf.«

Er nahm etwas Nahrung auf den Löffel und schob ihn ihr in den Mund. Wie alle kleinen Kinder schob sie das Essen ein bisschen im Mund herum, doch dann schluckte sie es hinunter. »Ja, so ist es fein.« Mit ihren großen blauen Augen, die dieselben ihrer Mutter waren, schaute sie Jack an und der lächelte ihr zu.

Im selben Moment klingelte das Telefon und da Doug noch nicht wiedergekommen war, legte Jack den Löffel an die Seite und ging zum Telefon.

»Jack McPhee«, meldete er sich, doch niemand antwortete. »Hallo?«

Noch immer war nichts zu hören. Nur ein leises atmen, das erahnen ließ, dass jemand am anderen Ende der Leitung war. »Ist da jemand?«, versuchte es Jack.

Kopfschüttelnd legte er auf und ging in die Küche zurück. Dort saß Amy immer noch und als sie ihn erblickte, gab sie freudige Geräusche von sich. Für solche Momente liebte er Amy. Natürlich liebte er sie auch, wenn sie schrie und nicht zufrieden war, doch solche Momente zeigten ihm, wofür er all das auf sich nahm.

»Ist ja gut meine Kleine. Ich komme ja schon wieder.« Er setzte sich zurück an den Tisch und fuhr fort, die Kleine zu füttern.

Ein paar Minuten später öffnete sich eine Tür und Doug kam herein. »Ich bin wieder da.«

»Ja. Hast du eigentlich schon deine ganzen Sachen abgemeldet? Also Fernsehen und Telefon«, erkundigte sich Jack.

Doug warf einen Blick in die Küche. »Nein, habe ich noch nicht. Das wollte ich gleich noch machen. Wieso?«

»Ach, hier wurde nur gerade angerufen und niemand hat sich gemeldet«, erzählte Jack etwas beiläufig.

»Aber das kommt doch öfters mal vor.«

»Aber ich habe dreimal nachgefragt und habe auch gehört, dass jemand am Ende der Leitung war«, erklärte Jack und sah Doug nun an.

Doch der schüttelte den Kopf. »Was soll schon groß gewesen sein. So etwas passiert schließlich jeden Tag mal. Mach dir keinen Kopf.«

»Vielleicht hast du Recht«, antwortete Jack noch nicht ganz überzeugt. »Hast du heute eigentlich Dienst? Ich wollte nämlich noch zu den Leerys rüberfahren und Dawson besuchen, da er ja heute in der Stadt ist.«

»Nein, ich habe heute keinen Dienst. Ich werde mich dann um Amy kümmern, okay?«

Mit einem Lächeln erwiderte Jack: »Genau das habe ich damit gemeint. Du hast mich mal wieder bestens verstanden, Schatz.«

Ebenfalls lächelnd antwortete Doug: »Was nicht schwer bei uns beiden ist. Ich bringe eben noch schnell den Karton hoch und dann kannst du auch gleich los.«

»Okay«, nickte Jack dankbar und fütterte Amy weiter. Wenige Augenblicke später hörte er einen dumpfen Rumps und das unterdrückte Fluchen von Doug. Vorsichtig, die Kante, dachte er im Stillen und musste ein klein bisschen lächeln.

***

Telefone läuteten, Faxgeräte piepten und warteten auf ihren Betrieb, das Geklapper von Fingern auf Tastaturen war zu hören und inmitten dieses Lärms saß Joey Potter und versuchte sich zu konzentrieren. Normalerweise schaffte sie es trotz des Geräuschpegels, aber anscheinend war heute nichts zu machen. Schon seit einer halben Stunde saß sie vor ihrem Computer und las denselben Absatz immer und immer wieder.

Immer wieder wanderte ihr Blick zwischen Computerbildschirm, dem Nachbartisch und dem Foto von Jen, Pacey, Dawson, Jack und ihr hin und her.

Noch immer beschäftigte sie der Streit mit Pacey. Zwar hatten sie sich mehr oder weniger wieder versöhnt, aber das Problem war dadurch noch immer nicht gelöst.

Bisher hatte sie mit noch niemand darüber sprechen können. Doug und Jack hatten im Moment selbst genug zu tun, da die Beiden den nächsten Schritt wagten und zusammenzogen. Jen … tja Jen konnte sie wirklich nicht um Rat fragen und selbst Dawson wollte sie dieses Mal nicht belästigen. Eigentlich wusste sie nur, dass er im Moment auf Promotiontour war. Außerdem sollte ja bald die Premiere der zweiten Staffel von 'The Creek' laufen und er hatte sicher noch eine Menge zu tun.

Andie ... klar, sie könnte Andie anrufen. Doch ob das so gut war? Schließlich hatten sie sich schon so lange nicht mehr gesehen. Aber was sollte sie machen? In New York hatte sie noch nicht wirklich Freunde gefunden.

Kurz entschlossen wählte sie Andies Nummer und hoffte nur, dass diese schon wach war. Schließlich gab es auch noch die Zeitverschiebung von sechs Stunden. Nach einer Weile ertönte das Freizeichen und ungeduldig wartete Joey, dass Andie abnehmen würde.

»Andrea McPhee«, meldete sich da Andie noch ein bisschen verschlafen.

Ein bisschen verlegen antwortete Joey: »Hallo Andie, hier ist Joey.«

»Oh hallo. Wie komme ich denn zu der frühmorgendlichen Ehre?«, fragte Andie etwas überrascht, aber in ihrer eigenen Art fröhlich.

»Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt?« Als Andie verneinte, fuhr sie fort. »Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich mit jemandem reden muss und da du die erste Person bist, die mir eingefallen ist, habe ich dich angerufen.«

Andie schien sich darüber zu freuen. »Lieb, dass du anrufst. Ist jedenfalls schön, dass der Kontakt nicht wieder abbricht. Also, was liegt dir auf dem Herzen?«

Ein bisschen unwohl drückte sich Joey in ihren Stuhl und antwortete dann: »Ach, weißt du ... es gab da ein paar Probleme und ich habe keine Ahnung was ich tun soll.«

»Was ist denn los? Ist mit Pacey alles okay?«, erkundigte sich Andie sofort besorgt.

»Das ist es ja gerade. Weißt du, wir haben wirklich wunderschöne Wochenenden miteinander verbracht, aber letztes Wochenende haben wir uns wegen den Wohnangelegenheiten gestritten. Ich meine, ich liebe meinen Job und auch New York. Andererseits weiß ich aber auch, dass für ihn in Capeside gerade alles bestens läuft.«

»Mhm, das verstehe ich. Was ist denn passiert?«

Sofort erzählte Joey, was am Wochenende passiert war. »Wir sind ganz normal spazieren gegangen und plötzlich haben wir über ganz banale Sachen gestritten und nicht mal wegen den Jobs oder wegen der Wohnung. Wir haben uns zwar auch wieder versöhnt, aber irgendwie ist dieses Problem immer noch da.«

Eine kleine Pause entstand und gespannt wartete Joey, was Andie erwidern würde.
»Nur eine Frage, Joey. Liebst du ihn?«, fragte Andie schließlich leise.

Darüber musste Joey gar nicht erst nachdenken. »Natürlich.«

»Und wir wissen beide ganz genau, dass er dich ebenso liebt. Wahrscheinlich noch mehr als er zugeben mag. Ihr beiden hängt einfach zu sehr aneinander, um euch wegen so etwas zu trennen.«

Joey war sich nicht ganz sicher. »Meinst du?« Obwohl sie ganz genau wusste, dass sie sich auch nicht von ihm trennen wollte, ganz besonders nicht, weil es gegen ihre Gefühle geschehen würde. Sie hatten doch gerade erst wieder zueinander gefunden.

Mit ihrem typisch hellen Lachen antwortete Andie: »Aber sicher doch, sonst würde ich es nicht sagen.«

»Wahrscheinlich würde ich ja sogar zu ihm nach Capeside ziehen. Ich möchte halt nur gerne meinen Job behalten«, seufzte Joey.

»Das verstehe ich schon. Auf jeden Fall solltet ihr miteinander reden. Denn ohne Aussprache geht überhaupt nichts.«

Das entlockte Joey ein kleines Lachen. »Die Erfahrung haben wir ja auch schon gemacht. Jedenfalls sollte uns das nicht noch mal auseinanderbringen.«

Mit einer etwas traurigen Stimme erwiderte Andie: »Ja, es ist schon wichtig, die Wahrheit zu sagen. Ich meine, ich habe die Erfahrung gemacht wie schmerzhaft die Unwahrheit sein kann. Und ich wünsche dir einfach, dass du sie nicht machen musst.«

»Danke, Andie«, sagte Joey gerührt. Nie hätte sie erwartet, dass Andie ihr so etwas sagen würde.

»Kein Problem. Du, ich muss jetzt Schluss machen. Grüß Pacey, Jack und all die anderen von mir, okay?«, sagte Andie nach einem Blick auf die Uhr.

»Natürlich, Andie. Und nochmals danke für alles.«

Mit einem kleinen Lachen meinte Andie: »Wie gesagt, kein Problem. Ich melde mich bald wieder.«

»Okay, bye.«

»Bye.«

Nachdem das Tuten ertönte, legte Joey den Hörer auf und fühlte sich gleich besser. Es war befreiend gewesen mit jemandem zu reden, dem man vertraute und der auch die ganze Geschichte kannte. Früher hatte sie sich nie so gut mit Andie verstanden, wahrscheinlich war diese ihr zu aufgedreht gewesen, aber sie hatte ihr wirklich geholfen.

Man brauchte einfach Freunde und das erinnerte sie daran, dass sie sich alle mal wieder treffen sollten. Vielleicht zu einem angenehmeren Ereignis wie dem letzten. Auf jeden Fall würde sie heute Abend Pacey anrufen, nahm Joey sich vor, und begann dann zufrieden mit ihrer Arbeit.

***

Vorsichtig balancierte Andie eine Tasse Kaffee in ihr Studio. Seit acht Uhr war sie nun schon hier und sie hatte sich wirklich eine Pause verdient. Ihre Utensilien lagen noch immer auf dem Tisch, aber das machte nichts aus. Wenn sie sie betrachtete, konnte ihr ja möglicherweise noch etwas Gutes einfallen. Wer wusste das schon?

Reichlich erschöpft ließ sie sich aufs Sofa sinken und schaute sich dann in ihrem Studio um. Es war leise – fast schon unheimlich. Was hatte sie es genossen heute Morgen mit Joey zu reden. So etwas kam selten vor. Natürlich hatte sie hier auch schon ihre Freunde gefunden, aber trotzdem war es nicht dasselbe.

Außerdem fehlten ihr die Anderen alle ziemlich. Als sie in Capeside gewesen war, war alles einfach wunderschön, auch wenn es wahrlich kein schöner Anlass gewesen war.

Plötzlich merkte sie, wie einsam sie doch war. Wie jeden Morgen war Sasha schon fort gewesen, als sie aufwachte. Natürlich wusste sie, wie viel er zu tun hatte, aber trotzdem vermisste sie ihn. In den letzten Wochen hatten sie kaum etwas miteinander unternommen und langsam wurde sie wirklich einsam.

Früher hätte ihr das nicht viel ausgemacht. Sie hätte sich in ihre Pflichten gestürzt und für die Schule oder ihre Ausbildung gelernt, anderen Leuten geholfen. Doch nun wollte sie auch mal etwa egoistisch sein. Andere Leute sollten sich auch mal um sie kümmern. Denn auch sie brauchte Liebe, Aufmerksamkeit und Freundschaft. Vielleicht sollte sie mal mit Sasha telefonieren.

Kurz entschlossen nahm sie den Hörer in die Hand und wählte die Telefonnummer seiner Agentur.

Mit flatterndem Herz wartete sie, bis endlich jemand abnehmen würde. »Hallo, Lehmann & Borke, Sie sprechen mit Frau Dierker. Guten Tag«, meldete sich eine freundliche Frauenstimme.

»Hallo, hier ist Andie McPhee. Könnte ich mal bitte Sasha sprechen?«, fragte Andie und versuchte fest zu klingen, obwohl sie eigentlich aufgeregt war.

»Einen Moment bitte. Ich verbinde.«

Bevor Andie sich noch bedanken konnte, war sie auch schon in der Warteschleife und hörte Musik. Langsam aber sicher wurde sie etwas ungeduldig. Mit dem Telefonhörer am Ohr lief sie in ihrem Studio auf und ab. Nach einigen Minuten meldete sich ein ziemlich abgehetzter Sasha: »Hallo?«

»Hallo, Sasha! Hier ist Andie«, meldete sie sich sofort.

»Hallo, Schatz. Warum rufst du an?«, fragte ihr Freund auch sogleich.

Etwas unsicher fing Andie an. »Ach weißt du, ich muss etwas mit dir bereden. Hast du vielleicht ein paar Minuten?«

»Tut mir leid, hier ist gerade ein Shooting. Wie wäre es mit der Mittagspause? Wir könnten etwas essen gehen.«

»Oh ... okay«, meinte Andie etwas überrumpelt, aber auch verständnisvoll. Selbstverständlich konnte Sasha nicht alles stehen und liegen lassen, weil ihr gerade nach einem Gespräch war.

»Super, dann also so um 13.00 Uhr im Café de Marl, okay?«, fragte Sasha auch gleich weiter und es war ihm anzumerken, dass er Stress hatte.

»Okay, bis dann, Schatz«, verabschiedete er sich und einen Moment später hörte Andie nur noch das Tuten in der Leitung.

Völlig verdutzt blieb sie noch einen Moment mit dem Hörer in der Hand stehen. Ihr Blick wanderte ins Leere und sie wusste nicht, ob sie das Richtige gemacht hatte.

***

Mit einem Lächeln auf den Lippen stand Gale an der Küchenanrichte und mischte den Salat nochmals durch, den sie gerade zubereitet hatte. Dann schaute sie zufrieden auf ihr Werk.

Gerade eben hatte sie das Mittagessen fertig zubereitet und nun war eigentlich alles bereit für Dawsons Ankunft.

Ein paar Minuten später hörte sie, wie sich die Haustür öffnete und als sie in den Flur ging, stand Dawson schon mit einer Reisetasche im Haus.

»Dawson!«, rief Gale aus, lief zu ihm hin und umarmte ihn inniglich.

Lächelnd erwiderte er die Umarmung. »Hallo Mom! Schön dich wieder zu sehen!«

»Wie war dein Flug?«, erkundigte sich Gale gleich und führte ihn in die Küche. Rasch stellte sie zwei Teller auf den Tisch und das Besteck dazu.

Dawson machte es sich auf seinem alten Platz bequem und antwortete: »Oh, Danke. ganz gut. Ich bin zwar etwas müde, aber wenn man gleich mit so einem Essen empfangen wird ...«

»Aber, Junge, es muss ja auch etwas auf den Tisch. Schließlich hast du einen stressigen Job«, meinte Gale und stellte den Salat, die Rösties und das Fleisch auf den Tisch.

»Danke, Mom. Sieht aber gut aus«, lobte Dawson sie und nahm sich sogleich etwas von dem Salat.

Auch Gale setzte sich jetzt an den Tisch, gab sich etwas zu Essen auf und erkundigte sich dann: »Wie geht’s dir denn überhaupt? Ist der Job nicht zu anstrengend?«

Doch Dawson lachte nur und meinte dann mit einem Lächeln: »Aber Mom, schließlich habe ich es mir immer gewünscht Produzent zu werden. Und mit ein bisschen Stress muss man umgehen können, wenn man sich seinen Traum erfüllt.«

Zustimmend nickte Gale und beide aßen weiter.

Einige Minuten später erkundigte sich Dawson dann nach seiner kleinen Schwester. »Wo ist denn eigentlich Lilly?«

»Die ist drüben bei Alexander. Die beiden hängen wirklich den ganzen Tag miteinander herum. Fast so wie du und Joey in dem Alter«, sagte Gale mit einem Lächeln in den Augen.

Auch Dawson musste Lächeln und fuhr dann fort: »Wie geht es Joey eigentlich? Ich habe schon länger nichts mehr von ihr gehört.«

»Pacey war letztes Wochenende bei ihr in New York. Die beiden besuchen sich jedes Wochenende. Schon komisch, dass sie nicht einfach zusammenziehen. Aber wahrscheinlich ist es wegen der Arbeit. Schließlich hat Pacey sein Restaurant hier.«

Dawson nahm noch einen Bissen von den Rösties, bevor er antwortete: »Wahrscheinlich sollte ich sie einfach mal anrufen.«

»Apropos anrufen. Evelyn Ryan hat mich heute angerufen und bat mich, ihr Haus zu verkaufen«, rückte Gale mit der Neuigkeit heraus.

Ein bisschen überrascht sah Dawson von seinem Teller auf. »Verkaufen? Wieso denn das?«

»Ach, sie lebt ja jetzt noch in der Großstadt und wenn sie wieder nach Capeside zieht, muss sie ihre Behandlung abbrechen und der ganze Stress würde ihr auch nicht gut tun«, erklärte Gale.

Nachdenklich nickte Dawson. »Also ändert sich schon wieder etwas.«

Gale seufzte hörbar. »Tja, so ist das nun mal. Aber es heißt ja nicht, dass Veränderungen immer schlecht sein müssen. Wir Menschen sind nun mal Gewohnheitstiere.« Nickend stimmte Dawson ihr zu, aber bevor er noch etwas sagen konnte, fuhr Gale auch schon fort. »Auf jeden Fall dachte ich, dass dir vielleicht ein junges Paar oder so einfiele, das gerne im Grünen leben würde.«

»Ich könnte auf jeden Fall mal darüber nachdenken«, erwiderte Dawson und hatte schon eine Idee, wen er anrufen könnte.

Kurze Zeit später legten beide ihr Besteck auf den Teller und lehnten sich satt und zufrieden zurück. »Was hast du denn heute noch so vor, oder auch in den nächsten Tagen?«, erkundigte sich Gale nun und fing an, das Besteck und die Teller zusammen zu räumen.

»Ich werde jetzt erst mal meine Tasche auspacken und dann ein Telefonat machen. Vielleicht klappt es ja schon heute mit dem Haus.«

»Okay, mach das, Schatz!«

Damit stand Dawson auf und ging hoch in sein Zimmer. Gale räumte weiter die Küche auf.

***

Nachdem Dawson seine Reisetasche ausgepackt hatte, tat er das, was er seiner Mutter versprochen hatte. Nachdem er die Nummer von Justin und Ashley herausgesucht hatte, wählte er die Nummer und wartete.

»Hallo.«

»Hallo, Justin. Hier ist Dawson. Dawson Leery«, grüßte Dawson und wartete erneut, dass Justin sich an ihn erinnerte.

»Ach, der Produzent. Was gibt’s?«, fragte der auch sogleich.

Einen kleinen Moment überlegte Dawson, wie er Justin so auf das Haus ansprechen konnte, ohne das es sich so anhörte, als ob er auf den Tratsch und Klatsch seiner Schreiber gehört hatte.

»Weißt du, ich habe letztens gelesen, dass Ashley und du ein Haus im Grünen sucht, um der Großstadt zu entkommen«, erzählte Dawson schließlich.

»Ja, das ist richtig«, bestätigte Justin auch sogleich und wartete was das Telefonat mit sich brachte.

»Und da ich noch nichts davon gehört hatte, dass ihr etwas gefunden habt, wollte ich euch einen Vorschlag machen. In meiner Heimatstadt ist ein Haus zu verkaufen. Ich komme ja aus Capeside, einem kleinen Fischerdorf in Massachusetts, und da sind auch keine Paparazzi und so weiter«, erklärte Dawson.

Sichtlich überrascht erwiderte Justin: »Oh, das sind ja Neuigkeiten. Ähm, das ist wirklich nett von dir. Aber wieso hast du gerade an uns gedacht?«

Mit einem Lächeln meinte Dawson: »Unsere ehemalige Nachbarin möchte ihr Haus nun schlussendlich verkaufen und da seid ihr mir einfach gleich eingefallen. Schließlich hast du schon öfter einige Fotoshootings für die Serie gemacht und da habe ich mich an dich erinnert.«

In New York schaute Justin sich gerade nach der Haustür um, die aufgeschlossen wurde. Kurze Zeit später stand Ashley in der Tür und Justin sagte schnell in den Hörer: »Dawson, warte mal eben einen kurzen Moment.«

Im nächsten Atemzug begrüßte er Ashley: »Hey, Ash! Ich habe eine Neuigkeit. Dawson Leery ist am Telefon und er hat ein Haus im Grünen zu verkaufen. Ob wir es uns ansehen wollen?«

Die schlanke Blondine nickte sofort begeistert. Das war ja eine Überraschung! »Aber klar. Wenn es geht noch heute.«

»Dawson? Ashley und ich wollen uns das Haus ansehen. Wenn es geht noch heute!«

»Sicher. Kommt einfach vorbei und klingelt bei mir zu Hause. Die Adresse hast du noch, oder?«, erkundigte Dawson sich nun.

Justin nickte und meinte dann: »Okay, dann sehen wir uns ja nachher.«

»Ja, Tschüss!«

»Bye!«

Als Justin den Hörer aufgelegt hatte und sich zu Ashley umdrehte, lächelte sie ihn an und legte ihre Arme um seinen Hals: »Endlich wird unser Traum wahr und wir kommen aus New York weg. Lass uns so schnell wie möglich fahren, okay?«

Mit einem Kuss stimmte Justin ihr zu.


***

Mit langen Schritten überquerte Jack die Rasenfläche vor dem Haus der Leerys. Noch immer schien die Sonne ziemlich kräftig und ließ das Weiße Haus der Leerys in der Nachmittagssonne strahlen. Als er das Haus betrat, rief er sofort nach seinem Freund. »Dawson? Bist du da?«

Doch nur Gale erschien im Türrahmen und begrüßte ihn. »Hallo, Jack. Schön dich zu sehen. Du wolltest zu Dawson?« Als Jack nickend lächelte, fuhr Gale fort. »Der ist drüben beim Haus von Mrs. Ryan und zeigt es einem jungen Paar.«

Das kam für Jack ziemlich überraschend, was ihm auch deutlich anzusehen war. »Wieso denn das? Will Grams das Haus verkaufen? Ich dachte, sie würde jetzt wieder nach Capeside kommen.«

Mit dem Geschirrtuch trocknete Gale sich ihre Hände und antwortete dann: »Nein, sie möchte das Haus gerne verkaufen, da sie das alles mit ihrer Behandlung nicht unter einen Hut bekommt.«

Jack nickte wie betäubt. »Okay, das stimmt auch wieder. Vielleicht sollte ich sie öfter besuchen. Aber jetzt wo ich Vater bin und Doug bei uns eingezogen ist, habe ich kaum noch Zeit.«

»Stimmt schon. Wie geht es denn der Kleinen?«, erkundigte sich Gale nun.

»Sie ist ein bisschen quengelig im Moment, aber das legt sich schon wieder. Sie ist einfach unser kleiner Sonnenschein.«

Herzlich lächelnd meinte Gale, da sie wusste wie sehr Jack unter dem Tod von Jen gelitten hatte. »Das ist schön. Kleine Kinder haben einfach diese Angewohnheit. Wenn du zu Dawson willst, dann geh einfach rüber.«

»Okay, dann bis bald«, verabschiedete sich Jack wieder und ging kurz danach aus dem Haus um die Rasenfläche wieder zu überqueren. Da erblickte er auch schon Dawson, der mit einem dunkelhaarigen Mann und einer blonden Frau gerade aus dem Haus kam. Langsam ging er näher und merkte, wie komisch es ihm vorkam, dass das Haus nun verkauft werden sollte. Schließlich hatte er selbst einige Monate darin mit Jen und ihrer Großmutter gelebt. Es war das erste Mal nach dem Verlust seines Bruders gewesen, dass Jack sich irgendwo heimisch und geborgen gefühlt hatte. Und nun sollten Fremde in das Haus ziehen?

Einige Augenblicke später bemerkte Dawson ihn und lächelte ihm entgegen. »Jack, hey. Was machst du denn hier?«

Jack zuckte mit gespielter Gelassenheit die Schultern. »Ich wollte mal schauen, ob der viel beschäftigte Produzent vielleicht gerade ein bisschen Zeit hat und sie mir opfert.«

»Aber sicher doch. Ich zeige Justin und Ashley gerade nur das Haus von Grams. Sie wollen hier wahrscheinlich einziehen.« Nun stellte er die drei einander vor. »Justin, Ashley, das ist einer meiner besten Freunde, Jack Mc Phee. Jack, das sind Justin und Ashley.« Jack nickte ihnen so freundlich zu, wie es ihm in Anbetracht der Umstände möglich war. Dawson sprach jedoch vorbehaltlos weiter. »Er hat hier auch ein paar Monate gewohnt«, erklärte er seinen Bekannten.

»Oh, aber nicht, dass wir dir das Haus wegnehmen«, meinte Ashley da schnell.

Lächelnd verneinte Jack, auch wenn er das Gefühl hatte, sich selbst zu belügen. »Nein, ich wohne mit meinem Freund und meiner Tochter am Strand. Hier habe ich nur meine Highschool-Zeit verbracht.« Innerlich fiel es Jack nicht halb so leicht, wie er sich gab, diesen Fremden das Haus zu überlassen. Niemals würde es dann wieder wie früher werden. Gleichzeitig merkte er auch, dass ihm schon wieder ziemlich komisch im Magen wurde. »Dawson wie wäre es, wenn wir uns nachher in Paceys Restaurant treffen würden, wenn du hier fertig bist? Ihn hast du doch bestimmt auch noch nicht wiedergesehen«, schlug Jack schnell vor und als Dawson nickte, verabschiedete sich Jack auch schnell und floh regelrecht in Richtung Innenstadt.

»Er ist uns doch nicht irgendwie böse oder so?«, fragte Ashley ein bisschen unsicher und rückte näher zu Justin, der gleich seinen Arm um ihre Hüfte legte.

Doch Dawson schüttelte den Kopf. »Und wie sieht es aus? Wie gefällt euch das Haus?«

»Also natürlich würden wir ein bisschen umbauen, aber es liegt wirklich schön hier und die Menschen scheinen uns auch nicht zu erkennen und ziemlich nett zu sein«, meinte Justin.

Ashley schloss sich ihm an. »Die Lage ist wirklich wunderschön und ich kann mir vorstellen, wie schön es gewesen sein muss, hier aufzuwachsen.« Ihr Blick glitt hinüber zum Fluss, der hinter dem Haus vorbeizog.

Dawson nickte mit einem nostalgischen Lächeln. »Ihr könnt es euch ja mal überlegen und mich eventuell dann anrufen. Mrs. Ryan muss es dann ja auch noch mit jemanden besprechen, der davon ein bisschen mehr Ahnung hat und letztlich den Vertrag aufsetzt.«

Die beiden bedankten sich nochmals bei Dawson und stiegen dann in ihr Auto, um irgendwo in der Stadt etwas zu Essen. Auch Dawson wollte zu Paceys Restaurant aufbrechen, gab jedoch vorher seiner Mutter Bescheid.

***

Sichtlich gelangweilt und ein bisschen genervt klopfte Andie mit ihren Fingern auf den Tisch im Café de Marl. Seit inzwischen fünfzehn Minuten wartete sie in dem leicht stickigen Café. Die stickige Luft kam von der Sonne, die sich - oh Wunder -, auch mal in Deutschland blicken ließ.

Obwohl sie nicht wirklich damit gerechnet hatte, dass Sasha pünktlich sein würde, war sie doch ziemlich enttäuscht. Sie liebte ihn ja wirklich und er tat ihr auch gut, aber trotzdem bekam sie langsam Zweifel an ihrer Beziehung zu ihm! In den fünf Monaten, in denen sie nun zusammen waren, hatte er ihr am Anfang wirklich Aufmerksamkeit geschenkt, doch so langsam wurde es immer weniger. Auch wenn sie sich ziemlich egoistisch dabei vorkam, vielleicht musste sie es auch sein.

Selbst ihre Therapeutin, die sich immer mal wieder besuchte, wenn es ihr schlecht ging, sagte ihr immer wieder, dass sie ruhig ein bisschen mehr an sich selbst denken solle.

Plötzlich wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, indem sich Sashas Hände auf ihre Schultern legten und er sie mit seiner dunklen Stimme begrüßte: »Hallo, mein Schatz!«

Etwas weniger überschwänglich erwiderte Andie die Begrüßung. »Hallo, Sasha!«

Im nächsten Moment saß er ihr gegenüber. »Es tut mir wirklich leid, dass du warten musstest, aber ich hatte noch etwas Wichtiges zu tun.«

»Etwas Wichtigeres als das Treffen mit mir? Ach ich vergaß ja, deine Arbeit ist dir nun mal wichtiger als ich«, erwiderte Andie ein bisschen pampig, was eigentlich gar nicht ihre Art war.

Auch Sasha entging ihr ungewöhnlicher Ton nicht. Erstaunt blickte er von der Speisekarte in der Hand auf, ließ sich jedoch nichts anmerken. »Hast du denn schon bestellt, Schatz?«

Mit einem bösen Blick erwiderte Andie knapp: »Ja!«

Schweigend saß Andie da, während Sasha sich etwas aus der Karte aussuchte und dann dem Kellner wissen ließ, was er bestellen wollte. Da Sasha hier fast jeden Tag aß, war es kein Problem für ihn, sofort bestellen zu können.

Nun wandte er sich wieder Andie zu und fragte sogleich: »Was ist denn los, Andie? Warum musstest du mich so dringend sprechen?«

Innerlich fasste sich Andie nochmals, bevor sie zu ihm aufblickte und langsam und verständlich zu erklären begann: »Weißt du, Sasha, ich habe in letzter Zeit einfach das Gefühl, dass dir die Arbeit wichtiger ist als ich. Dauernd kommst du spät nach Hause oder verspätest dich bei Verabredungen mit mir. Wann waren wir denn zum Beispiel zum letzten Mal aus?«

Sichtlich unangenehm berührt, kratzte sich Sasha am Hinterkopf und meinte dann: »Deshalb hast du mich hierher bestellt? Das hätten wir doch auch zu Hause besprechen können.«

»Nein, hätten wir nicht. Wahrscheinlich wärst du erst wiedergekommen, wenn ich schon im Bett gewesen wäre«, erwiderte Andie mit Nachdruck. Es fiel ihr sichtlich schwer, ihm zu widersprechen und auf ihren Standpunkt zu beharren.

Nun schien auch Sasha ein bisschen aus der Bahn geworfen, dennoch merkte Andie wie sich sein Körper anspannte, da er seine Hände so zusammenpresste, dass die Knöchel weiß hervortraten. »Andie, meine Arbeit ist mir wichtig. Du arbeitest doch genau so viel wie ich. Weißt du, wie wichtig mir meine Karriere ist?«

Doch das schienen die falschen Worte für Andie zu sein, denn Tränen traten in ihre Augen und mit erstickter Stimme meinte sie: »Ich weiß, wie wichtig dir deine Karriere ist und du weißt das auch, aber ich weiß im Moment nicht, wie wichtig ich dir bin. Schließlich gibt es auch noch etwas Anderes, als die Karriere.«

Sichtlich nervös schaute Sasha sich um, doch da kam auch schon der Kellner und brachte ihnen das Essen. Mit abgewandtem Gesicht wartete Andie, dass er wieder verschwand und sie endlich Sashas Antwort hören konnte. Der nahm erst mal einen Bissen von seinem bestellten Essen und antwortete erst dann. »Andie, ich liebe dich und das weißt du. Aber im Moment ist mir meine Karriere einfach super wichtig. Die Firma ist gerade dabei die Marktführung zu übernehmen.«

Doch auch mit dieser Antwort war Andie ganz und gar nicht zufrieden. »Hör zu, ich stelle dir eine ganz einfache Frage und du musst mir auch nur eine ganz einfache Antwort geben«, meinte Andie und fuhr fort, nachdem sie nochmals Luft geholt hatte. »Bedeutet der Job dir im Moment mehr als ich?«

Einige Sekunden banges Warten verstrichen, doch dann hörte sie die leise, doch klare Antwort von ihm: »Ja, im Moment schon. Aber ...« Andie wollte ihm gar nicht mehr zuhören und stand abrupt auf. Entsetzt schaute Sasha sie an und hielt sie am Arm fest. »Andie ... Andie, jetzt warte doch.«

Tränen verschleierten ihr die Sicht, dennoch gelang es ihr sich loszureißen und sie zischte: »Lass mich in Ruhe!« Damit stürmte sie unter den Augen von Sasha und den anderen Gästen aus dem Restaurant und lief den Bürgersteig hinunter. Immer wieder rempelte sie einige Passanten an, doch die Tränen verschleierten ihr einfach die Sicht und ein leises Schluchzen kam aus ihrem Mund. Wieso musste ihr so etwas immer passieren?

Immer schneller rannte sie, bis sie schließlich in einen kleinen Park kam und sich dort auf eine Parkbank fallen ließ. Langsam beruhigte sie sich wieder, auch wenn ihr hunderte Fragen durch den Kopf schwirrten. In ein Tempo schnäuzte sie sich ihre Nase und atmete dann erst mal tief durch, um wieder klare Gedanken fassen zu können.

Wieso liebte sie niemand so, wie sie den Menschen liebte?

***

Pacey hatte sich ein bisschen Zeit genommen und saß mit Jack am Tisch, als Dawson das Restaurant betrat. Dawson setzte sich an den Tisch der Beiden und begrüßte Pacey erst mal, da sie sich schon lange nicht mehr gesehen hatten.

»Hallo, Pacey. Schön dich zu sehen. Wie geht's?«, erkundigte sich Dawson und umarmte Pacey.

Dieser erwiderte die Umarmung. »Hey, Dawson. Danke, ganz gut. Wie sieht's bei dir aus?«, fragte er sich auch sofort.

»Danke, auch ganz gut. Bin gerade ein bisschen im Stress, aber ansonsten ganz gut. Hey Jack«, antwortete er und begrüßte auch Jack nochmals.

»Ich habe gehört, dass Grams ihr Haus verkaufen will. Und Jack meinte, dass du die Käufer schon herumgeführt hast«, fuhr Pacey fort und nahm einen Schluck von seinem Bier, dass er und Jack sich jeweils schon bestellt hatten.

Nickend bestätigte Dawson die Tatsache. »Ja, das stimmt. Die Käufer sind Bekannte von mir. Justin ist Fotograf und Ashley ist ein ehemaliges Model. Wie es aussieht, werden die beiden das Haus auf jeden Fall nehmen.«

Alle drei schwiegen einen Moment, denn auch für Pacey und Dawson war es ziemlich komisch, dass Grams Haus nun endgültig verkauft wurde.

In diesem Moment kam auch die Kellnerin und nahm die Bestellung von Dawson und Jack auf. Pacey wollte noch nichts essen, da er noch einen langen Abend vor sich hatte und gleich auch wieder ins Büro musste.

»Wie sieht es denn mit der 2. Staffel von ‚The Creek‘ aus?«, erkundigte sich Jack.

Und Pacey warf ein: »Kannst du uns nicht ein paar Geheimnisse verraten, die wir dann für viel, viel Geld verkaufen können, da wir ja so arm sind.«

Dawson machte ein eher skeptisches Gesicht, doch dann fingen alle drei Freunde an zu lachen und erst nach einiger Zeit antwortete Dawson: »Nein, das kann ich nicht. Aber ich kann euch so viel verraten, dass neue Charaktere eingefügt werden und es eine Menge Trouble wegen ihnen geben wird. Auch zwischen dem frisch verliebten Pärchen.«

Beeindruckt sahen sich Pacey und Jack an. »Nicht schlecht, Mann«, meinte Jack anerkennend.

Und Pacey scherzte: »Also du damals ‚Das Monster aus der Tiefe‘ gedreht hast, hätte ich nicht gedacht, dass du so erfolgreich werden wirst.«

Jack und Pacey grinsten und Dawson bemühte sich dem Thema eine andere Wendung zu geben: »Apropos, wie geht es denn dem damaligen Co-Star Joey?«

Diese Frage war eindeutig an Pacey gerichtet und der antwortete nach kurzem Überlegen, da er nicht wusste, ob er es Dawson erzählen sollte. »Also, eigentlich geht es ihr ganz gut, aber wir hatten vorletztes Wochenende einen kleinen Streit. Schließlich wohnen wir weit auseinander und haben auch unsere Jobs.«

Erwartungsvoll wartete Pacey, was die andern beiden sagen würden. »Ihr habt euch aber wieder versöhnt? Dann müsste doch eigentlich wieder alles okay sein«, meinte Jack nach einer kleinen Weile, wusste aber selbst, dass es bei den beiden immer etwas gab, was schwierig war, obwohl sich beide wünschten, dass sie eine einfache Beziehung führen könnten.

Doch Dawson widersprach ihm: »Also das hört sich ja doch nach einem Problem an. Ich denke ihr beiden müsst euch einfach auf ein Kompromiss einlassen. Wahrscheinlich will sie ihren Job auch nicht aufgeben. Aber Fernbeziehungen haben nun mal keine so große Chance, auch wenn ich weiß, dass es bei euch beiden anders sein könnte.«

Erstaunt und gleichzeitig mit einem Lächeln schaute Pacey Dawson an. Der alte Dawson hätte irgendwas von Romantik in einer Fernbeziehung erzählt, aber wäre nie so realitätsnah gewesen.

»Das habe ich mir auch schon gedacht. Auf jeden Fall müssen wir darüber reden.«

Zustimmend nickten Jack und Dawson und letzterer hakte weiter nach. »Meinst du, dass ich sie heute Abend mal anrufen kann?«

»Aber klar - sie wird sich freuen. So, ihr beiden, ich muss mich dann auch wieder um's Geschäft kümmern«, erklärte er, als die Kellnerin mit dem Essen für Dawson und Jack kam. »Vielleicht schaut ihr nachher noch mal im Büro vorbei, oder so. Ansonsten sehen wir uns ja auch bald noch. Tschüss!«

»War schön dich zu sehen, Pacey«, sagte Dawson und auch Jack verabschiedete sich.

***

Der kleine Lichtkegel der Schreibtischlampe fiel auf Paceys Schreibtisch in seinem Büro, ansonsten war der Raum dunkel. Die Rollläden waren heruntergelassen und die Deckenlampe war ausgeschaltet. Pacey saß an seinem Schreibtisch und hatte die Zahlen des vergangenen Monats vor sich liegen. Eifrig rechnete er mit dem Taschenrechner nochmals alles nach, trank zwischendurch etwas und war mit dem Endergebnis zufrieden. Im letzten Monat hatte sich das Restaurant noch mehr etabliert. Der Umsatz war gestiegen und den Kunden schien es auch immer mehr zu gefallen. Zufrieden lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und sah versonnen in die Dunkelheit.

Wieder kamen ihm die Gedanken an Joey. Natürlich liebte er sie, aber beide hatten ihre Träume und es war schwer, diese aufzugeben. Gerade jetzt, wo sein Restaurant immer besser lief, konnte er es einfach nicht aufgeben. Er hatte das Gefühl, endlich etwas richtig gemacht zu haben, erfolgreich zu sein. Trotzdem wurde die Sehnsucht nach Joey immer größer. Genau wie jeden Abend, vermisste er sie schrecklich und wünschte sich, dass sie bei ihm wäre.

Nach kurzem Überlegen wählte er ihre New Yorker Nummer und wartete mit dem Hörer in der Hand auf das Freizeichen.

»Josephine Potter«, meldete sich da auch schon die vertraute Stimme.

Sofort erschien ein Lächeln auf Pacey Gesicht, denn er liebte die Sanftheit ihrer Stimme. »Guten Abend, Miss Potter«, erwiderte Pacey neckisch.

»Pace! Schön, dass du anrufst. Du weißt gar nicht, wie sehr ich mich freue.«

»Wenn es nur halb so viel ist, wie deine Stimme gerade laut war, dann eine ganze Menge«, lachte Pacey und er konnte sich Joeys Gesicht in diesem Moment genau vorstellen.

Wie erwartet schnaubte sie nur in den Hörer, doch sofort wurde Pacey wieder ernst. »Wie war dein Tag?«, wollte er dann mit ehrlichem Interesse von ihr wissen.

»Ganz in Ordnung. Ich habe heute mit Andie gesprochen und soll dich von ihr grüßen. Ansonsten habe ich eigentlich nur wieder viel zu viel gearbeitet und bin gerade nach Hause gekommen«, erzählte Joey.

»Arme, arme Joey. Aber danke für die Grüße von Andie. Wie kommt's denn, dass ihr miteinander telefoniert habt?«

Bevor sie antwortete, druckste Joey ein bisschen herum, doch dann sagte sie: »Ich brauchte einfach jemanden, mit dem ich reden konnte. Aber wie war denn dein Tag?«

Obwohl Pacey wusste, dass sie nur ablenken wollte, erwiderte er: »Gut. Dawson und Jack haben mich vorhin besucht und wir haben mal wieder ein bisschen gequatscht. Es könnte sein, dass er dich nachher auch noch anruft. Und noch was; Grams will ihr Haus verkaufen!«

»Was?«, erklang Joeys erschrockene Stimme vom anderen Ende der Leitung und daraus schloss Pacey, dass sie genauso überrascht, wie er es gewesen war. »Aber warum?«, fragte sie dann auch sofort weiter.

Seufzend erzählte Pacey es ihr. »Wahrscheinlich wegen ihrer Krankheit. Und hierher zurückkommen kann sie ja auch nicht mehr.«

Beide schwiegen eine Weile und hörten den Atem des anderen durch den Telefonhörer. Sie waren gleichermaßen überrascht, doch sie genossen es auch, so gut wie beieinander zu sein.

Plötzlich flüsterte Joey beinahe: »Ich vermisse dich.«

Ein kleines Lächeln erschien auf Paceys Gesicht und er erwiderte genauso sanft: »Ich vermisse dich auch, Jo.«

»Weißt du, so langsam halte ich es nicht mehr aus, so allein hier zu sein und zu wissen, dass es dir wahrscheinlich genauso geht. Ich vermisse dich einfach wahnsinnig. Aber andererseits möchte ich auch meine Arbeit machen können und unabhängig sein«, erklärte sie ihm ihre Gefühle.

»Ich vermisse dich auch schrecklich, Jo, aber ich kann das Restaurant hier nicht einfach alleine lassen. Irgendwie müssen wir eine Lösung finden, denn ich will dich nicht wieder verlieren.«

Gerührt von seinen Worten erwiderte sie langsam: »Irgendwie werden wir schon eine Lösung finden. Wie wäre es, wenn ich dich nächstes Wochenende in Capeside besuche?«

»Aber klar. Du wirst dich freuen endlich Alexander und Lillian wieder zu sehen. Die beiden sind fast genauso wie Dawson und du in dem Alter gewesen seid«, meinte Pacey und setzte den letzten Satz scherzhaft hinzu, auch wenn er stimmte.

»Tja, ob das so gut ist, wird sich sicher noch zeigen«, stellte Joey trocken fest und lachte ein bisschen. »Ich freue mich aber schon auf's Wochenende. New York ist zwar schön, aber manchmal fehlt einem einfach die Natur wie in Capeside. Und natürlich freue ich mich auf dich«, fuhr sie fort.

»Ich freue mich auch auf dich. Kommst du mit dem Flieger?«, erkundigte Pacey sich.

»Ich denke schon. Aber auf jeden Fall werde ich mich vorher nochmals melden.«

Nickend antwortete Pacey: »Okay, dann hätten wir das ja schon mal geklärt. Vielleicht lernst du sogar schon die neuen Bewohner von Grams Haus kennen. Dawson hat sie vermittelt und wie es aussieht, werden sie den Vertrag unterschreiben.«

Ein Seufzen kam über Joeys Lippen. »Ich kann es mir immer noch nicht vorstellen, dass das Haus nun endgültig verkauft wird. Schließlich bestand noch immer die Chance, dass Grams zurückkommt. Auch wenn ich sie früher unheimlich fand, so habe ich sie im Lauf der Jahre doch auch von einer anderen, sehr angenehmen Seite kennengelernt. Der Gedanken gefällt mir nicht, dass sie nicht wiederkommt. Ich hasse Veränderungen wie diese.«

»Tja, aber manchmal muss es einfach sein. Obwohl ich den Eindruck habe, dass sich alles genau dann verändert, wenn man gerade anfängt, sich an etwas zu gewöhnen und die Sachen gut zu finden.«

»Mhm«, meinte Joey und bevor sie fortfahren konnte, ertönte ein Tuten in der Leitung, das anzeigte, dass noch jemand in der Leitung war.

»Okay, Schatz, wahrscheinlich ist das der Weinhändler«, erklärte Pacey und verabschiedete sich: »Wir telefonieren noch, ja? Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch, Pace. Bis dann«, erwiderte Joey und legte schließlich auf.

***

Vorsichtig steuerte Doug den Kinderwagen, in dem Amy saß, durch die schmalen Gänge des kleinen Supermarktes. Immer wieder musste er anhalten und den Wagen richten, da er noch nicht besonders geübt darin war, mit dem Kinderwagen umzugehen.

Als er bei der Kindernahrung angekommen war, klingelte die Türglocke und ein anderer Kunde trat ein. Doug mit seiner Körpergröße von knapp 1,85 m konnte die Regale gut übersehen und war überrascht, jemanden Fremden zu sehen.

Die Touristen kauften hier eigentlich nicht ein, denn es gab hier nur das Nötigste. Aber den Mann mit den blonden Haaren und den blauen Augen kannte er nun wirklich nicht. Kopfschüttelnd wandte er sich wieder Amy zu und packte zwei Gläser Babynahrung in die Einkaufstüte.

Langsam fing Amy an zu quengeln und Doug sprach beruhigend auf sie ein: »Komm Süße, nur noch ein paar Minuten, dann sind wir wieder draußen.« Er gab ihr ihre Rassel in die Hand und strich ihr über die Wange. »Aber du willst doch bestimmt ein leckeres Essen haben, oder?«

Schließlich schob er weiter und war schon fast an der Kasse angekommen, als er mitbekam, wie der Fremde die Kassiererin ein paar Fragen stellte.

»Hallo. Ich suche jemanden. Können Sie mir vielleicht weiterhelfen?«, erkundigte er sich freundlich und Doug fiel sofort seine dunkle Stimme auf.

»Aber natürlich, wen suchen Sie denn?«, fragte die Verkäufern ebenso freundlich und sah den Fremden interessiert an.

Nochmals räusperte sich der Blonde und erwiderte dann: »Ich suche einen gewissen Jack Mc Phee.«

Bereitwillig antwortete die Verkäuferin, dem Charme des Fremden vollkommen ausgeliefert. »Ach, der wohnt am Strand. Dort steht nur ein kleines Strandhäuschen. Können Sie gar nicht verfehlen.«

Völlig erstarrt stand Doug an einem Regal und war unfähig sich zu rühren. Was wollte der Fremde von Jack? Total erstaunt wollte er sich zu dem Fremden umdrehen, doch der hatte sich schon bei der Verkäuferin bedankt und ging zur Tür.

Bevor Doug etwas sagen konnte, war er schon aus dem Geschäft. Schnell packte Doug noch ein paar Sachen in die Einkaufstüte und ging dann eilig zur Kasse.

Irgendwas war da faul. Soweit er wusste, hatte Jack weder irgendwelche Bekannten in der Nähe von Capeside, noch erwartete er Besuch.

Auf jeden Fall musste er sich beeilen, damit er nach Hause kam.

***

Schon vor einer Weile war Dawson nach Hause gekommen, hatte dann mit Lilly und seiner Mutter zu Abend gegessen und wollte nun Joey anrufen.

Nachdem er ihre Nummer herausgesucht hatte, wählte er und wartete, dass Joey sich meldete.

»Josephine Potter«, ertönte da schon die ihm wohlbekannte Stimme.

»Hallo Joey, hier ist Dawson«, sagte Dawson und vom anderen Ende der Leitung kam ein freudiger Ausruf.

»Dawson! Schön von dir zu hören. Wie geht’s dir?«

»Danke, gut«, erwiderte er lachend.

»Pacey meinte zwar, dass du vielleicht anrufen könntest, aber ich war mir nicht sicher, ob du wegen deiner Promotour genug Zeit hast«, berichtete Joey und fuhr in einem Atemzug fort: »Aber finde ich super, dass du mich anrufst. Wie läuft es mit 'The Creek'?«

»Wir haben zwar ein bisschen Stress und ich denke die Promotour wird auch ziemlich anstrengend, aber ansonsten bin ich wirklich froh, dass wir eine 2. Staffel machen«, erklärte Dawson und in seiner Stimme schwang Begeisterung mit.

Auch Joey war begeistert: »Ach komm Dawson, schließlich ist die Serie wirklich gut und du hast es verdient so weit zu kommen.«

All das quittierte Dawson mit einem Lächeln. Er war froh, dass die Freundschaft mit Joey so gut war und sie sich immer noch so gut verstanden.

»Dankeschön. Auf jeden Fall musst du einmal mitkommen, wenn wir wieder ein Autorentreff haben. Die Serie ist ja ein bisschen autobiographisch und schließlich spielst du auch eine große Rolle«, meinte Dawson.

Darauf erwiderte Joey sarkastisch: »Ja, wahrscheinlich muss ich denen erklären, warum manche Menschen so handeln wie du die Figuren handeln lässt.«

Auch Dawson musste lachen. »Wahrscheinlich musst du ihnen eher erklären, wie du etwas für mich übrighaben konntest.«

Joey musste grinsen und es gefiel ihr, dass Dawson reifer geworden war. Sie merkte ihm an, dass er mit seiner Vergangenheit zufrieden war, oder jedenfalls versuchte seine Handlungen zu verstehen.

»Ich habe gehört, ein paar von deinen Hollywood-Freunden wollen in Grams Haus einziehen?«, fragte Joey mit besonderer Betonung auf Hollywood-Freunde.

»Ja, ich habe mit ihnen das Haus besichtigt, aber die beiden sind wirklich schwer in Ordnung«, verteidigte er Ashley und Justin.

»Das habe ich auch nicht in Frage gestellt, aber es ist komisch zu beobachten, wie viele Leute umziehen. Du bist in L.A., ich bin in New York, Andie in Deutschland und die anderen in Capeside«, erwiderte sie ein wenig wehmütig.

»Was ich mittlerweile gelernt habe, ist, dass die Menschen in deinem Leben kommen und gehen. Manchen trauert man hinterher, manche vergisst man, aber bei uns war es bislang immer so, dass wir uns nie aus den Augen verloren haben.«

Zustimmend nickte Joey, auch wenn Dawson es nicht sehen konnte. »Da hast du Recht. Wie du schon nach der Beerdigung von Jen gesagt hast, wahrscheinlich werden wir immer Dawson und Joey bleiben.«

Ein sanftes Lächeln legte sich über Dawsons Züge. »Wahrscheinlich. Aber wann kommst du denn mal wieder nach Capeside? Vielleicht sehen wir uns dann ja.«

»Pacey und ich haben ausgemacht, dass ich nächstes Wochenende mal wieder vorbeischaue. Bist du dann auch noch da oder schon weitergezogen?«

Seufzend und ein bisschen enttäuscht sagte Dawson: »Leider bin ich dann schon weg. Wir fahren freitagmorgens schon zeitig weiter.«

Auch Joey war enttäuscht. Schließlich wäre es schön gewesen, Dawson mal wieder zu sehen. »Tja, da kann man wohl nichts machen. Aber wenn die Staffel läuft, wirst du ja sicher mal wieder ein paar Tage frei haben, oder?«

»Genau«, stimmte Dawson ihr zu. »Du, ich muss dann auch wieder. Lilly und ich wollten noch einen Film schauen.«

»Dann grüß Lilly und Gale, ja?«

»Klar. Bis dann, Joey.«

»Bye«, verabschiedete sich Joey und legte den Hörer auf.

***

Mit einem Glas Wasser saß Jack vor dem Fernseher und schaute sich die Sportsendung an. Da er ja schon seit geraumer Zeit von dem Essen mit Dawson zurück war, saß er nur mit einem Glas Wasser da und wartete auf Doug und Amy.

Plötzlich klingelte es und verwundert ging Jack zur Tür. Eigentlich erwartete er keinen Besuch und Doug hatte ja einen Schlüssel. Als er die Tür öffnete, stand ihm ein blonder Mann gegenüber.

»Ja?«, fragte Jack, denn er konnte sich nicht vorstellen, was der Fremde wollte.

»Sind Sie Jack McPhee?«, erkundigte sich dieser sofort und als Jack bejahte, brachte er gleich sein Anliegen vor: »Ich muss dringend mit Ihnen reden.«

»Kommen Sie doch rein«, bot Jack noch etwas verwirrt an und zeigte ihm den Weg ins Wohnzimmer. »Möchten Sie etwas trinken«, fragte Jack den Gast, doch der schüttelten den Kopf. Also setzte sich auch Jack aufs Sofa, wenn auch auf das Gegenüberliegende. »Was führt Sie zu mir«, fragte Jack, jetzt doch etwas neugierig.

Der Fremde räusperte sich und sah Jack dann fest an: »Ich muss mit Ihnen wegen Amy sprechen ...«

»Sie kennen Amy?«, unterbrach Jack den Fremden.

Dieser musste einmal schlucken, bevor er weitersprach. »Ja, ich kenne Amy. Sie ist meine Tochter.« Noch immer völlig erstaunt hörte Jack ihm zu und sein Erstaunen wuchs noch mehr. »Ich war mit Jen zusammen, doch als sie erfahren hatte, dass sie mit Amy schwanger war, hat sie sich von mir getrennt. Wahrscheinlich bin ich auch dran schuld, doch das tut nichts zur Sache. Als ich hörte, dass Jen gestorben ist, musste ich die Kleine wiedersehen. Schließlich zahle ich für sie Unterhalt und natürlich liebe ich mein Kind.«


Jack schluckte erst mal hart und erwiderte dann langsam: »Das ist eine Neuigkeit für mich. Jen hat nie über Sie gesprochen. Aber Amy ist nicht hier, außerdem wollte Jen, dass ich mich um sie kümmere.«

Doch der Fremde beachtete den letzten Kommentar gar nicht, sondern fragte sofort weiter: »Wo ist die Kleine denn? Ist sie mit Ihrer Frau unterwegs?«

Obwohl Jack nicht genau wusste, warum er es dem blonden Mann überhaupt erzählte, fuhr er doch fort: »Nein, sie ist mit meinem Freund unterwegs. Die beiden sind noch einkaufen.«

Ein verblüffter Ausdruck kam auf das Gesicht von Amys Erzeuger. »Freund? Sie sind schwul?« Die Abscheu stand ihm übers ganze Gesicht geschrieben.

»Ja, ich bin homosexuell. Ich wüsste aber nicht, was das mit irgendwas zu tun haben soll.«

Doch der Ausdruck in den Augen von dem Fremden wurde hart und sein Gesicht verfärbte sich leicht rot. Mit einer etwas lauteren Stimme sagte er: »Ich kann Ihnen sagen, womit das zu tun hat! Meine Kleine soll doch nicht von zwei Schwuchteln erzogen werden!«

Obwohl Jack sich innerlich schon wieder aufregte, blieb er trotzdem leise und sachlich. »Wir sind sicher keine Schwuchteln und außerdem hat Jen es so gewollt. Ich war vom ersten Tag ihrer Geburt an Amys Pate. Jen hat mir ihre Tochter auf dem Sterbebett anvertraut. Von Ihnen hat sie kein Wort gesagt. Sie wird schon ihre Gründe dafür gehabt haben.« Innerlich begann Jack zu kochen. Er spürte wie das Adrenalin durch seinen Körper rauschte.

Doch dies ließ den Vater von Amy nur noch wütender werden. Seine Stimme wurde noch ein bisschen lauter und auch bedrohlicher. »Ich bin der Vater. ICH! Nicht Sie. Meine Tochter hat ein Recht auf eine vernünftige Erziehung. Männer, die in Frauenkleidern herumlaufen, und wer weiß was treiben, sind sicher kein Umgang für ein kleines Mädchen.«

Noch immer konnte Jack es nicht fassen, dass es Leute gab, die so dachten. Er musste sich nun wirklich zusammenreißen, dass er nicht handgreiflich wurde. So ballte er seine Hände zu Fäusten und sah den Fremden ohne zu blinzeln an. »Wir sind ganz normale Menschen. Amy weiß, dass sie geliebt wird und dass sie es bei uns gut hat. Wir sind eine Familie. Sie werden sie nie bekommen.«

Der Fremde kniff seine Augen böse zusammen, doch diesmal wurde seine Stimme nicht lauter, sondern leise und das wirkte auf Jack noch gefährlicher. »Ach, das glauben Sie. Aber was glauben Sie, wem die Richter das Sorgerecht zusprechen? Zwei Schwuchteln oder dem leiblichen Vater, der bereits seit einem Jahr Unterhalt bezahlt?«

Erschrocken zuckte Jack zusammen, versuchte jedoch stark zu bleiben und sich nichts anmerken zu lassen. »Sie wollen vor Gericht gehen? Tun Sie das. Die Richter werden schon entscheiden, wer besser für das Kind sorgen kann. Liebevolle Menschen, die ein intaktes Umfeld haben, oder solche Leute wie Sie, die gleich schreien und drohen!«

Doch der Blonde ließ sich nicht abschrecken, sondern stand wütend auf und brüllte Jack an. »Das werden sie! Wir sehen uns vor Gericht wieder!«

Damit verließ er das Wohnzimmer und Jack hörte die Haustür zuknallen. Wie betäubt sank er in die Kissen der Couch gesunken da und konnte es nicht fassen. Ihm kam das Ganze wie ein böser Film vor, doch das war er nicht. Es war die Realität und die bedeutete, dass er bald vor Gericht stand und um Amy kämpfen musste.

Einige Momente später hörte er, wie die Haustür aufgeschlossen wurde und einige Minuten danach stand Doug mit dem Kinderwagen im Wohnzimmer. Nach einer kurzen Begrüßung erzählte er von der Beobachtung, die er heute im Supermarkt gemacht hatte. »War hier schon so ein blonder junger Mann? Er hat sich vorhin im Laden nach dir erkundigt.«

Doch Jack sah ihn nur mit verzweifeltem Ausdruck an und konnte ihm nicht darauf antworten. Vielleicht würde er Amy für immer verlieren.


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