7.12 - Wenn die Seele brennt von Mona

7.12 - Wenn die Seele brennt von Mona

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Story Bemerkung:

Co-Autor war Anna
Langanhaltendes Klatschen erklang, als Thomas seine Geschichte zu Ende erzählt hatte und sich nun etwas verlegen, aber gleichzeitig stolz umsah. Die Gesichter der anderen Teilnehmer brachten ihm Respekt entgegen, denn nicht viele schafften es sofort von ihrer Geschichte zu berichten. Auch Ashley klatschte und sah ihn lächelnd an.

Sie saß in einem Kreis von acht Stühlen, in einem der vielen Säle des Rathauses. Das Licht schien durch die Fenster und ließ die Runde in einer gemütlichen Atmosphäre erscheinen. Nur, dass diese Runde alles andere als gemütlich war. Hier berichtete jeder Mensch von seinen schlimmsten Eigenschaften und kotzte sich so zu sagen vor den anderen, meist fremden Menschen, aus.

Dennoch tat es einem gut. Das Klatschen erstarb langsam und die Leiterin der Gruppe sagte leise aber herzlich: „Sehr gut, Thomas. Das bringt uns alle ein Stück weiter. Vielen Dank, dass du uns an deinen Erfahrungen mit teilnehmen lässt.“

Thomas nickte allen zu und lächelte wieder.

„Wir sehen uns dann nächste Woche wieder. Vielleicht wird Sabrina uns dann etwas erzählen“, fuhr die Leiterin fort.

Alle schauten die schüchterne Rothaarige an. Diese sah auch sogleich zu Boden, schaute doch kurz wieder auf, um ein schüchternes Lächeln abzugeben.

Sogleich veränderte sich die Miene der Leiterin wieder und auch sie schien mit Sabrina zufrieden. „Okay, dann bis zum nächsten Mal!“

Ein Schwall von „Auf Wiedersehen“ und „Tschüß“ ertönten und Stühlerücken erklang. Auch Ashley machte sich auf den Weg zur Tür. Kurz vor der Tür fing sie die Leiterin der Gruppe jedoch ab: „Ich wollte mich nur noch für alles bedanken. Die Gespräche in der Gruppe helfen mir wirklich sehr.“

Lächelnd erwiderte die Blonde, schon etwas ältere Frau: „Ich freue mich, dass wir Ihnen helfen können, aber Sie helfen den anderen sicher auch, von daher ist es ja ein Geben und Nehmen.“

Auch Ashley musste lächeln: „Jedenfalls freue ich mich schon auf die nächsten Male.“

„Dann bis zum nächsten Mal“, verabschiedete sich die Leiterin.

Mit einem Winken verabschiedete sich Ashley und stieg dann die Treppe des Rathauses hinunter – hinein in eine Welt voll Sonnenschein.

Gut gelaunt summte die Blondine einen Song von Justin Timberlake mit, den sie morgens im Radio gehört hatte. Sie stieg in ihr Auto, stellte das Radio an, setzte ihre Sonnebrille auf und fuhr langsam vom Parkplatz wobei sie auf die Fußgänger achtete, welche die Straße gerade überquerten.

Schon lange war sie nicht mehr so gut gelaunt gewesen. Andie war ihr einfach eine große Hilfe und sie hatte das Gefühl, ihr Leben viel besser unter Kontrolle zu haben. Zwar würde Andie noch heute wieder nach Deutschland fliegen, aber dennoch fühlte sich Ashley ziemlich sicher. Die Gruppe hatte ihr einfach Halt gegeben. In jedem Gespräch mit den anderen identifizierte sie sich mit ihnen. Und wenn es nur das nervöse durch die Haare streichen war, das sie gemeinsam hatten. Jeder aus ihrer Gruppe hatte in etwa das gleiche Problem wie sie und jeder lernte von jedem. Nie hätte sie gedacht, dass sie je etwas von Thomas lernen könnte, doch er hatte sich heute vor die Gruppe gestellt und sein Innerstes gezeigt. Das hatte sie sich noch nicht getraut.

Wieder summte Ashley die Melodie des Songs mit, der im Radio lief. Wenn Justin jetzt noch hier wäre und ihre Entwicklung mitbekommen könnte, wäre ihr Leben fast perfekt.

Ashley bremste scharf, als sie bemerkte, dass sie fast an ihrem Haus vorbeigefahren wäre. Mit einem Lachen blinkte sie schnell und fuhr dann den Schotterweg zum Haus hoch. Sie nahm ihre Sonnenbrille ab, stieg aus dem Auto und schloss es ab.

Erstmal würde sie sich jetzt ein schönes Eis gönnen. Gedankenverloren stieg sie die Treppe hinauf und schloss die Haustür auf. Ihr Schlüssel wäre ihr fast wieder aus der Hand gefallen, als sie zwei Koffer im Flur stehen sah. Das waren nicht Andies Koffer und diese standen auch noch bei ihr im Zimmer. Also konnten diese Koffer nur ... „Justin?“, rief Ashley ins Innere des Hauses und lief in das Wohnzimmer.

~*~

Leidenschaftlich küssten sich Ashley und Justin, wobei sie immer noch im Wohnzimmer des Hauses standen. „Ich bin so froh, dass du wieder da bist“, gestand Ashley ihrem Mann und auch der lächelte.

„Ich bin auch froh, dass ich wieder da bin. Zwar werde ich diese vielen hübschen Models vermissen, aber ...“ Doch da konnte er vor erstaunen nicht mehr weiterreden, denn seine Frau hatte ihm einen Stoß in die Rippen gegeben. Mit offenem Mund sah er sie an. Früher hätte sie so etwas nie gemacht, sondern hätte wieder Selbstzweifel bekommen. „Wo ist meine Frau geblieben und was hast du mit ihr gemacht?“, fragte er deshalb ganz verwundert.

„Ich bin einfach froh, dass du wieder da bist. Es ist hier so viel passiert in den letzten Wochen. Du glaubst es nie.“

Noch immer schaute der dunkelhaarige Mann etwas leicht verwirrt. Seitdem er Capeside verlassen hatte, hatte sie sich ganz schön verändert. Sie lächelte ihn an und zog ihn mit sich aufs Sofa. „Also“, fing sie an und setzte sich so hin, dass sie ihn beim Reden ansehen konnte. „Erst einmal die größte Neuigkeit. Ich gehe jetzt in eine Gruppe mit Leuten, die dieselben Probleme wie ich haben. Es hilft mir wirklich und ich fühle mich jetzt schon viel besser, wie du sicherlich gemerkt hast. Andie hat mir geholfen und mich mehr oder weniger dazu überredet, da ich dich nicht anrufen wollte. Und nun geht es mir wieder besser.“ Wie aus einem Wasserfall waren diese Worte aus Ashley hinausgesprudelt und jetzt konnte sie nur noch auf Justins Reaktion warten.

Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht und er nahm das Gesicht seiner Frau in seine Hände: „Ich bin stolz auf dich, Ash. Es ist bestimmt nicht leicht.“

„Darauf kannst du wetten“, erwiderte sie mit einem Glitzern in den Augen und küsste ihren Mann. „Und Andie hat dir bei all dem geholfen?“

Nachdenklich nickte die Blondine. „Nachdem sie hier eingezogen ist, haben wir uns richtig gut verstanden. Sie kannte mein Problem auch schon von sich. Irgendwie schien ich ihr auch zu helfen und so sind wir richtig gute Freundinnen geworden.“

Justin nahm seine Frau in den Arm und zog sie an sich. „Wie lange bleibt sie denn noch hier?“

„Leider nicht mehr lange. Sie wollte heute nach Hause fliegen. Es ist schon komisch, wenn sie nicht mehr da sein wird. Ich glaube, diese Zeit war die erste Zeit, in der ich mich richtig wohlgefühlt habe.“

Auch Justin sah sie nachdenklich an. „Aber du kannst sie ja trotzdem noch besuchen, oder? Außerdem wird sie Jack und Doug ja auch noch mal besuchen.“

Nickend stimmte Ashley ihm zu. „Ich denke auch, dass wir uns nicht aus den Augen verlieren werden. Dazu hat sie mir zu sehr geholfen. Aber vielleicht muss ich einfach mehr aus mir rausgehen und auch mal etwas mit den anderen hier aus Capeside machen.“

Justin lächelte sie an: „Hey, ich glaube diese Therapiegruppe bringt doch was.“

Doch Ashley konnte über diesen Witz nicht lachen. „Ich glaube Jack bräuchte so etwas auch mal“, murmelte sie vor sich her.

„Was sagtest du?“, fragte Justin dann auch sogleich, denn er hatte wohl etwas verstanden.

Langsam richtete sich Ashley auf, sodass sie ihrem Mann ins Gesicht sehen konnte. Unsicher sah sie ihn an, sprach dann aber doch: „Ich glaube Jack hat ein ziemlich großes Problem. Als wir hier eine Party gefeiert haben, habe ich ihn dabei erwischt, wie er im Badezimmer mit jemandem gesprochen hat. Ich glaube es war Jen.“

„Welche Jen?“

Vorsichtig sah sie ihren Ehemann an. „Jennifer Lindley. Die Enkelin von der Frau, der das Haus hier gehörte. Sie war seine beste Freundin.“

Bestürzt sah Justin sie an. „Hast du das auch richtig verstanden? Vielleicht hat er auch mit sich selbst geredet. Hast du Andie darauf angesprochen?“

„Das ist es ja eben. Andie hat alles sofort abgeblockt, aber ich denke, ich weiß, dass ich Recht habe. Jack sollte auf jeden Fall geholfen werden.“

Beide sahen sich für einen Moment an und es herrschte totale Stille im Haus. „Dürfen wir uns eigentlich in diese Sache einmischen?“, brachte Justin dann seine Zweifel an.

„Ich glaube, wir müssen es sogar. Schließlich würde ich ansonsten auch nicht zu dieser Gruppe gehen. Andie hat sich auch eingemischt. Und im Nachhinein bin ich sogar froh darüber.“

Langsam nickte der braunhaarige Mann. „Wahrscheinlich hast du wirklich Recht. Manchmal muss man Leute zu ihrem Glück zwingen.“

„Am besten reden wir mit Doug. Vielleicht ist es ihm ja auch schon aufgefallen“, gab Ashley zu bedenken.

„Okay, dann machen wir das.“ Ashley schlang ihre Arme um seinen Hals und kuschelte sich an ihren Mann. „Aber zuerst, haben wir noch etwas Anderes zu erledigen“, flüsterte Justin ihr ins Ohr.

Überraschend hob er sie hoch und trug dann eine lachende und kreischende Ashley ins gemeinsame Schlafzimmer.

~*~

Joey stand vor dem Spiegel und bürstete sich sorgfältig die dunklen Haare. Sie hatte die letzte Nacht im ‚Bed & Breakfast‘ verbracht, war unausgeschlafen, stand total neben sich und spürte ein fieses Kratzen im Hals. Oder kurz gesagt: Sie fühlte sich schrecklich.

Mechanisch steckte sie ihre Haare zusammen und griff nach ihrem Lidschatten-Set. Während sie bronzefarbenen Lidschatten auflegte, dachte sie an Pacey. Sie dachte ununterbrochen an Pacey. Sie konnte gar nicht mehr damit aufhören und kam doch nie zu einem Ergebnis.

Eigentlich hatten Joey und Pacey sich seit der Party bei Ashley und Andie wieder versöhnt, doch die Beziehung war steif und Joey hasste sich dafür. Schließlich war das Ganze ihre Schuld.

Sie gab sich selbst die Schuld daran, weil sie diejenige ja war, die sich mit dem Baby nicht auseinandersetzen wollte. Bis vor ein paar Tagen hatte sie noch gedacht, genau zu wissen, was sie für ihre Zukunft wollte, aber jetzt stand alles Kopf. Warum hatte sie nur immer Pech in der Liebe und im Leben? Warum lief alles anders als geplant? Warum stand sie sich nur selbst im Weg?

Als sie sich die Wimpern getuscht hatte, blieb sie eine Zeit lang vor dem Spiegel stehen. Vorsichtig strich sie sich über denn Bauch, drehte und wendete sich nach allen Seiten. Man konnte ihre Schwangerschaft nicht sehen. Aber sie wusste, dass sich dies in wenigen Wochen ändern würde und dass sie in ein paar Monaten, wenn sie nicht bald zu einer finalen Entscheidung gelangte, ein Kind zur Welt bringen würde.

Ihr Baby.

Plötzlich entdeckte Joey auf ihrem eigenen Mund ein Lächeln.

„Oh Gott“, verlegen drehte sie sich vom Spiegel weg und begann automatisch das Bett zu machen. Es war albern, sich vor sich selbst zu schämen, aber Joey tat es. Wenn sie das Kind wirklich abtreiben ließ, wäre das praktisch das Ende der Beziehung zwischen ihr und Pacey, auch wenn das keiner der beiden laut ausgesprochen hatte. Pacey lag so viel an einer Familie wie keinem anderen und eine Abtreibung würde ihm das Herz brechen. Als sie fertig war, strich sie sich ihre Bluse glatt und griff nach ihrer Jacke.

Joey öffnete ihre Zimmertür und ging nach unten, dabei zog sie ihre Jacke an. Sie wollte sich bei ihrer Schwester abmelden und dann ein bisschen spazieren gehen. Vielleicht Gretchen im Restaurant der Leerys besuchen oder so. Die Heimat genießen. Zufällig an Paceys Icehouse vorbeigehen und einfach nur sehen, ob er da war.

Als sie ins Wohnzimmer trat, auf der Suche nach Bessie, saß dort Pacey.

„Hey, was machst du denn hier?“, fragte Joey erstaunt und musterte ihn. Er sah genauso übernächtigt aus wie sie selbst. Seine Haare waren verwuschelt und er trug ein altes blaues Hawaiihemd.

„Ich wollte dich nur sehen“, sagte Pacey und schenkte ihr dabei seinen traurigsten Blick.

Joey nickte und setzte sich zu ihm auf das Sofa.

„Du siehst nicht gerade ausgeruht aus“, stellte Pacey fest, um keine peinliche Stille aufkommen zu lassen.

„Ja. Ich hab schon lange nicht mehr alleine geschlafen.“ Joey sah Pacey an.

Pacey nickte: „Geht mir genauso. Ich vermisse dich so.“

Zärtlich strich er ihr eine Strähne ihrer braunen Haare aus dem Gesicht: „Komm doch zurück zu mir!“

„Ich bin doch nicht aus der Welt, Pace, ich brauche nur Abstand!“ Joey wehrte sich gegen seine Berührung nicht, wollte aber ihre Abwehr nicht aufgeben. So leicht konnte Pacey das Ganze nicht entschärfen. Auch wenn sie wollte, dass er es entschärfte. Auch wenn sie den Abstand ganz leicht auflösen konnte – wenn sie wollte. Ganz leicht.

„Wir sollten zu erst einmal entscheiden, was aus dem Baby werden soll“, fügte Joey hinzu.

Die beiden sprachen, stritten, immer und immer wieder darüber und jedes Mal machte es Joey noch fertiger. Sie wollte das Thema beenden, doch dafür müsste sie sich entscheiden, was verdammt schwierig war.

„Wir sollten bald zu einem Ergebnis kommen, Pacey. Ich liebe dich, aber ...“ Joey brach ab.

Pacey seufzte: „Joey, du kennst meinen Standpunkt, aber ich verstehe deinen nicht so genau. Das Baby würde unsere Beziehung nicht ruinieren und es wäre außerdem eine wichtige Erfahrung.“

„Ja, aber eine Erfahrung, die uns bis zum Ende begleiten wird! Und eine Erfahrung, die mich beruflich niedermachen würde“, flüsterte Joey. Sie starrte auf den Boden, nur um Paceys Reaktion nicht mit anzusehen zu müssen.

„Ach so ist das also.“ Je leiser Joey wurde, desto lauter und eindringlicher wurde Pacey, „Und was ist, wenn ich dir sage ...“ Joey sah zu ihm auf und Pacey sprach langsam weiter, jedes Wort einzeln betonend, „... dass ich für unser gemeinsames Baby alles tun würde? Sogar das Restaurant aufgeben?“

Joey erschrak sichtlich. „Pace, das kannst du nicht ehrlich meinen! Das Restaurant ist doch so was wie dein Lebenstraum.“

„Nein, Jo, mein größter Lebenstraum ist eine glückliche Familie und zwar mit dir und drei, vier Kindern – obwohl ein einziges schon reichen würde.“ Pacey lächelte Joey liebevoll an.

„Du würdest das wirklich tun? Dafür, dass ich das Kind bekomme?“, fragte Joey gerührt nach.

Pacey nickte: „Außerdem, Joey, bist du so gut in deinem Job, dass du nach dem Schwangerschaftsurlaub doppelt so erfolgreich sein wirst …“

Joey lächelte geschmeichelt: „Ich weiß nicht. Willst du mich irgendwie erpressen?“

„Ich will eine Entscheidung. Und denk nicht dabei an mich, das Restaurant oder unsere finanzielle Zukunft. Denk an dich und dein – unser – Baby.“ Pacey stand auf und wollte gehen.

Einen Moment lang blieb Joey regungslos sitzen und ließ sich noch mal alle Fakten durch den Kopf gehen und ging die letzten Wochen durch. Dann geschah es. Sie hörte auf ihre eigenen Gefühle, ohne auch nur einmal an ihren Beruf zu denken. Schließlich stand sie auf und holte Pacey ein.

„Was hältst du von Jen?“, fragte sie und grinste dabei breit.

„Was?“ Pacey sah die junge Frau irritiert an.

Joey zuckte mit den Schultern: „Na ja, wenn es ein Mädchen wird, wäre Jen doch echt süß und so können wir den Lindleys ehrenvoll gedenken. Ok, nur einer Lindley, wir könnten sie ja schlecht nach Grams benennen. Und wenn’s ein Junge wird, fände ich Alec ganz nett. Oder Pacey junior, kommt drauf an, wie du darüber denkst.“

Erstaunt und mit offenem Mund sah Pacey Joey an.

„Hey, Pace, ich habe aufgehört zu reden! Du kannst jetzt antworten!“ Joey kicherte glücklich.

Auch Pacey begann jetzt zu realisieren, was Joey gerade gesagt hatte. Und, dass Joey es ehrlich meinte, doch statt zu antworten, umarmte er sie stumm in seiner Überwältigung.

~*~

Hand in Hand gingen Ashley und Justin Harper den Bürgersteig zur Polizeiwache hinauf. Sie wollten endlich mit Doug reden. Vor der Tür blieb Ashley nochmals stehen. „Ist das hier, was wir machen, auch wirklich richtig?“ Fragend sah sie ihren Ehemann an.

Doch dieser sah sie mit einem Lächeln an. „Hey, natürlich ist es richtig. Ich würde dich ja jetzt gerne an deinen genauen Wortlaut erinnern, aber das bekomme ich nicht hin. Es war so etwas Ähnliches wie: Manchmal muss man zu seinem Glück gezwungen werden.“

Etwas untypisch für sie, verdrehte Ashley ihre Augen. „Ist ja schon gut. Wir gehen!“

Zusammen betraten sie die kleine Polizeistation von Capeside. An so etwas wie einer Rezeption saß ein einzelner Polizist und schaute sich gerade ein Baseballspiel an. Langsam gingen die Harpers auf ihn zu und warteten, doch als er sie nicht beachtete, flüsterte Ashley ihrem Mann zu: „Siehst du, schon wieder etwas Typisches für eine Kleinstadt. In L.A. wäre nie jemand auf die Idee gekommen während der Arbeit Baseball zu schauen.“

„Und das findest du gut an einer Kleinstadt?“

„Wieso nicht? In L.A. macht jeder seine Arbeit und wenn er dann zu Hause ist und eigentlich irgendetwas reparieren sollte, schaut er lieber Baseball. Jede Hausfrau aus L.A. würde es lieben hier zu wohnen.“

Kopfschüttelnd sah Justin seine Ehefrau an. „Also irgendwas ist mit dir passiert während ich nicht hier war.“

Doch Ashley lächelte nur und lehnte sich zu ihm hinüber. „Ich bin einfach nur froh, dass du wieder da bist.“

„Ach ja?“

„Ja“, bestätigte sie und küsste ihn endlich. Beide versanken ineinander.

„Hähähäm“, räusperte sich da plötzlich der Polizist, der jetzt direkt vor ihnen stand. „Möchten Sie irgendetwas melden oder möchten Sie nur wegen öffentlichen Ärgernisses in eine Zelle kommen?“

Erschrocken fuhren die beiden Verliebten auseinander und sahen den Hüter des Gesetzes verblüfft an. Schnell fing sich Justin wieder und meinte: „Eigentlich wollten wir zu Sheriff Doug Witter.“

„Den Flur hinunter und dann die letzte Tür“, erklärte der Polizist und war schon wieder dabei sich das Spiel im Fernseher anzuschauen.

Mit einem letzten Blick bedachten die Harpers ihn kopfschüttelnd und gingen dann den Flur hinunter. An der genannten Tür blieben sie stehen und klopften.

„Herein.“

Zusammen betraten sie den Raum, indem Doug sein Büro hatte. „Hallo Doug“, grüßten sie ihn beide.

„Justin. Ashley. Schön euch zu sehen. Was bringt euch denn hierher?“ Gleichzeitig bot er ihnen an, sich zu setzten.

„Wir wollten mit dir reden“, sagte Ashley und sah nochmals zu ihrem Ehemann hinüber, der ihr mit einem aufmunternden Lächeln zunickte.

„Weißt du, vor einigen Tagen hatten wir so zu sagen eine Party bei uns. Jack war auch dort. Ich habe ihn im Badezimmer gesehen. Er hat dort vor dem Spiegel gestanden und mit jemanden gesprochen. Es war aber niemand außer ihm selbst im Raum. Es hat sich nicht wie ein Selbstgespräch angehört, Doug, sondern eher so als würde er mit einem Freund sprechen.“

Vorsichtig sahen die Harpers Doug an. Dieser saß wie erstarrt an seinem Schreibtisch und stierte auf ein Stück Papier.

„Wir dachten nur, ... dass du es vielleicht wissen solltest“, ergänzte Justin vorsichtig und versuchte so einfühlsam wie möglich zu sein.

Mit einem kleinen, fast unwirklichen Lächeln sah Doug die beiden an. „Das bestätigt im Grunde nur meine eigene Vermutung. Jack ist in letzter Zeit so seltsam. Er zieht sich immer weiter von mir zurück.“

Ashley und Justin sahen sich kurz an. Nachdenklich beugte sich Ashley ein bisschen zu Doug vor und schlug vor: „Hast du denn schon mal mit ihm darüber geredet?“

„Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll. Es ist so eine verzwickte Sache. Wie soll ich ihn auf so etwas ansprechen? Ich möchte nicht, dass ich ihn für schizophren halte …“

Doch Justin und seine Frau konnten nur schweigen. Was sollten sie dazu sagen?

Schließlich ergriff Justin wieder das Wort: „Wir wollten dir nur bescheid sagen. Nicht, dass du dich sorgst oder ähnliches. Wir dachten, vielleicht kannst du ihm ja helfen. Der Ball ist jetzt in deinem Spielfeld. Du bist sein Lebensgefährte.“

Doug lächelte sie schwach an. „Vielen Dank. Ich werde schauen, was ich mache. Auf jeden Fall hilft es mir zu wissen, dass nicht nur mir sein merkwürdiges Verhalten aufgefallen ist.“

Die Harpers standen auf. „Wenn du irgendetwas brauchst, dann sag bescheid“, bot die Blondine ihm an.

Mit einem schwachen Lächeln entgegnete der Sheriff: „Das werden ich. Danke.“

Ashley und Justin ließen den grübelnden Doug allein in seinem Büro sitzen.

Als sie wieder im Flur standen, ergriff Ashley das Wort: „Er sah ganz schön betrübt aus. Irgendetwas schien er schon geahnt zu haben.“

Nickend bestätigte Justin dies. „Aber zum Glück haben wir es ihm gesagt und er kann jetzt handeln.“ Justin schlang seine Arme um die Hüften seiner Frau und sah sie an. „Ich bin stolz auf dich.“

Mit einem fragenden Lächeln sah sie ihn an. „Warum das?“

Ein bisschen wortlos zuckte Justin mit den Schultern, doch dann sagte er: „Seit dieser Therapie geht es dir viel besser und du bist viel offener und mutiger geworden.“

„Geh einfach zu einer Therapie und du bekommst eine neue Persönlichkeit“, grinste sie ihn an und beugte sich zu ihm hinüber.

„Ach ja?“

„Ja.“ Mit einem Lachen küssten die beiden sich und vergaßen die Welt um sich herum.

Justin genoss es, seine Frau mal wieder richtig unbeschwert zu sehen. Endlich war sie wieder ein froher Mensch.

Plötzlich riss sie die Stimme des anderen Polizisten aus ihrer eigenen Welt: „Jaaaaaaa! Ihr seid die Besten! Ihr seid die Besten.“

Verdutzt sahen die Harpers sich an, dann mussten sie loslachen und gingen Arm in Arm den Flur hinunter.

~*~

„Nicht zu glauben! Das alles wolltest du für das Kind aufgeben?“, fragte Joey fassungslos. Wie immer war für sie das Restaurant der reine Wahnsinn. Gutes Essen, eine liebevolle Einrichtung und das alles war nur Paceys Verdienst.

„Es ist nicht irgendein Kind, Joey Potter, es ist unser Kind.“

Joey lächelte glücklich nach dieser Antwort. Sie saß Pacey gegenüber an einem Tisch in der hintersten Ecke von Paceys Restaurant.

Obwohl es draußen recht hell war, hatte der Kellner die Kerze in der Mitte des Tisches angezündet, um sich bei seinem Chef einzuschmeicheln. Es war Mittag und der Laden war gut gefüllt. Verliebte Pärchen saßen an den Tischen und aßen ihr Mittagessen, während sie miteinander turtelten.

Das Essen schmeckte hervorragend und Joey fühlte sich richtig wohl. Der Stress der letzten Tage war verschwunden. Die Entscheidung war wirklich simpel gewesen. Man musste einfach nur in sich hinein hören und fühlen.

„Aber, wenn das Baby kommt, wirst du nicht mehr viel Zeit für das alles hier haben“, gab Joey zu bedenken. Zwar zerstörte dieser Einwand einen Teil der romantischen Atmosphäre, aber irgendjemand musste es ja aussprechen.

Pacey nickte selbstbewusst. „Ich weiß. Aber das ist es mir wert, das solltest du langsam gemerkt haben.“

Für ihn war das Thema Arbeit nebensächlich und er wollte sich in diesem Moment nicht darum kümmern, das spürte Joey. Für ihn zählten nur die Beziehung und das Kind. Sie nahm einen Schluck aus ihrem Wasserglas und führte das Gespräch in eine andere Richtung: „Mir geht’s jetzt echt besser. Und das Beste ist, wir haben die Entscheidung getroffen, ohne zu streiten!“

„Das ist ein guter Weg, schade, dass wir ihn nicht öfter wählen“, grinste Pacey und nahm einen Bissen seines Essens.

Schweigend aßen die beiden weiter. Sie mussten nichts sagen, denn sie verstanden sich wieder ohne Worte und das Schweigen war weder peinlich noch schmerzhaft. Es war harmonisch.

Warum hatte sie sich nur so lange dagegen gewehrt, das Kind zu bekommen? Joey wusste es selbst nicht mehr. Alle ihre Zweifel der letzten Wochen waren mit einem Mal wie weggeblasen. Allerdings wollte sie Pacey nicht ganz unglücklich machen mit der Restaurantsache, auch wenn es ihm anscheinend egal war, denn die Entscheidung war getroffen und mehr wollte er ja nicht.

„Was hältst du von einem Geschäftsführer?“, schlug sie vor.

Verständnislos sah Pacey von seinem Teller auf und ihr ins Gesicht.

„Okay, dann eben Geschäftsführerin. Pass mal auf: Wenn Pacey junior oder Jen da sind, wirst du nicht mehr viel Zeit für das alles haben, weil du ja Windeln wechseln musst und wahrscheinlich den Hausmann spielen wirst, weil ich nicht annähern so kochen kann wie du“, erklärte Joey.

„Und deswegen soll ich einen Geschäftsführer suchen? Glaub mir, das schaffe ich locker alleine“, meinte Pacey optimistisch und klang dabei genauso überheblich wie früher, als er davon sprach, eine Lehrerin flachlegen zu können. Zugegeben, es war ihm gelungen!

Joey schüttelte den Kopf: „Tust du nicht. Kleine Kinder sind nervig.“

Pacey sah Joey immer noch verständnislos an.

„Ja, das hättest du dir vorher überlegen sollen anstatt Daddy zu spielen.“ Joey grinste.

„Wenn du möchtest, werde ich einen Geschäftsführer oder vielleicht sogar einen Teilhaber suchen. Aber ich denke, dass du übertreibst. Man kann durchaus ein Kleinkind haben und ein Geschäft führen. Mitch und Gale sind dafür der beste Beweis“, sagte Pacey. „Wir werden auch keine Chaosfamilie, die nur existiert, weil du zu faul zum heiraten bist und wir deshalb in wilder Ehe zusammenleben. Wir werden glücklich sein, du nimmst Schwangerschaftsurlaub und ich suche mir einen Geschäftsführer, einverstanden?“

Joey nickte: „Einverstanden.“ Anschließend pustete sie die Kerze aus, beugte sich dann zu ihm rüber und küsste ihn. Sie würden in wenigen Monaten Eltern werden!

~*~

Jack saß auf dem Wohnzimmersofa und las Amy aus einem Buch über die kleine Meerjungfrau vor. Die Kleine lag auf ihrer Spieldecke und lauschte gebannt seiner Erzählung, während sie mit einem Stoffball spielte. Die Idylle von Vater und Tochter wurde durch das Klingeln der Haustür gestört und Jack erhob sich widerwillig.

„Bin gleich wieder zurück, Engelchen“, erklärte er Amy und verließ das Zimmer. Das Mädchen rollte den Ball weg von sich, fischte sich ihren Teddy und wandte sich der Tür zu, um nicht zu übersehen, wenn ihr Daddy wieder kam.

Als Jack die Tür öffnete, erblickte er Andie. Ihre Wangen waren rosig vom Wind, der ihr auf dem Weg zum Strandhaus entgegengeweht war und sie trug eine bunte Wollmütze.

„Hi, Bruderherz!“, begrüßte Andie ihren Bruder. „Kann ich reinkommen?“

„Aber sicher, hi!“ Jack trat zur Seite und ließ Andie herein. „Gehen wir ins Wohnzimmer. Ich habe Amy gerade vorgelesen.“

„Gut.“ Andie zog ihre Jacke, ihren Schal und ihre Mütze aus und ging zusammen mit Jack in das gemütliche Wohnzimmer. Jack setzte sich auf das Sofa und Andie setzte sich neben ihn, während sie Amy winkte: „Hey, Süße!“

Lachend winkte Amy mit dem Teddy in der Hand ihrer Tante zu.

„Also, was führt dich zu mir?“, fragte Jack und sah die gut gelaunte Andie aufmerksam an.

Andie wandte sich ihrem Bruder zu: „Ich fliege zurück nach Deutschland. Ich wollte mich nur verabschieden.“

„Ach ja?“ Jacks Gesichtausdruck war erstaunt, schließlich gefiel es Andie doch so gut in Capeside. Er hatte insgeheim gehofft, dass sie länger bleiben würde.

„Es ist besser so, Jack.“ Andie fiel ihm spontan um den Hals. „Nicht traurig sein! Es ist kein Abschied für immer.“

„Eigentlich denke ich ja, dass du etwas traurig sein wirst“, meinte Jack, denn er konnte sich noch gut an das erinnern, was Andie ihm von ihrem letzten Aufenthalt in Hamburg erzählt hatte.

Sie seufzte und meinte dann etwas wehmütig: „Ja, ich werde Capeside wahnsinnig vermissen, aber ...“

„... Andie, das meine ich nicht!“ Jack sah sie mitfühlend an.

„Du denkst, dass ich Sasha wiedersehen werde, nicht wahr?“, besann Andie sich. Sie unterdrückte die gute Laune, um an das zu denken, was sie seit Tagen erfolgreich verdrängt hatte. Erst einmal waren da ihre schwachen Gefühle für Pacey und die immer noch starken Gefühle für Sasha.

„Das wirst du wohl kaum vermeiden können“, meinte Jack und nahm Amy auf den Schoß. Die Kleine spielte mit ihrem Bären und blendete die Krisensitzung der beiden aus.

„Vielleicht doch“, sagte Andie, obwohl sie wusste, dass sie sich selbst falsche Hoffnungen machte.

„Wir wissen beide, dass das absolut nicht stimmt.“

Andie nickte und murmelte dann: „Ich weiß nicht, wie ich mich ihm gegenüber verhalten soll! Er ist süß und lieb und alles, aber ich habe mich von ihm getrennt! Es ist doch eigentlich aus!“

„Wenn es aus wäre, würden wir wohl kaum darüber reden.“

Jack sah sie fest an und Andie sprach weiter: „Du hast ja Recht, schätze ich. Allerdings kann er mich auch schon längst wieder vergessen haben! Wahrscheinlich bin ich ihm egal!“

„Sicher nicht.“ Jack musste einfach lächeln.

Aus Andie blubberten die Worte nur so raus, während andere Menschen, die er kannte, nicht mit der Sprache rausrückten. Wie Doug. Und Andies Art schnell und fröhlich zu reden erinnerte ihn an Jen. „Meinst du?“ Andie hielt inne und sah ihn mit ihren großen Augen fragend an.

Jack nahm Andies Hand: „Das ist mein voller Ernst! Wenn du noch was empfindest, wird er bestimmt auch noch ein paar Gefühle für dich haben!“ Seine Worte überzeugten Andie nur halb, also fügte er hinzu: „Und selbst wenn nicht, könnt ihr immer noch Freunde bleiben!“

„Whoa, super Aussichten!“, meinte Andie ironisch.

Jack lachte.

Andie beobachtete Amy und dachte über seine Worte nach. Sie konnte ja mal versuchen Sasha unverfänglich „Hallo“ zu sagen. Und „Liebst du mich noch?“ zu fragen, war ja leicht. Das erste war es wirklich, doch der jungen Frau war klar, dass das zweite schwieriger werden würde. Ihr Blick schweifte durch den Raum, während sie Jacks Hand hielt und über Sasha nachdachte.

Amy verhielt sich ganz still, als wäre ihr bewusst, wie ernst das Gespräch war.

Die Wände des Zimmers waren voll behängt mit Bildern von Jen und Jack, von Jack, Doug und Amy und auch ein paar Fotos der Capeside Clique waren dabei. Jack starrte auf ein großes Foto von Jen, das neben dem Fenster hing. Er erinnerte sich daran, was Jen ihm in einer solchen Situation geraten hätte.

Stille war eingetreten.

Als die Stille bedrückend wurde, ergriff Jack wieder das Wort: „Ich weiß, das klingt jetzt echt kitschig und so, aber ...“ Andie sah auf und in ihrem Blick lag Hoffnung. „... hör auf dein Herz.“ Er schenkte ihr ein zuversichtliches Lächeln.

Es war wirklich kitschig, aber es war etwas Wahres dran. „Leichter gesagt als getan.“ Andie lächelte ebenfalls.

Vom Flur her waren Schritte zu hören und die beiden sahen zur Tür. Doug tauchte im Türrahmen auf und als er Andie bemerkte, begrüßte er sie mit einen warmen: „Hallo, Andie!“

„Doug! Hi! Ich wollte mich von euch verabschieden, weil ich doch zurück nach Deutschland fliege!“, erklärte Andie fröhlich, um Doug zum Abschied zu umarmen.

Er nickte verständnisvoll und meinte dann vorsichtig: „Kommst du mal mit in die Küche, Andie?“
„Klar, was auch immer. Bis gleich, Jack!“

Sie folgte Doug in die Küche, vollkommen ahnungslos hinsichtlich dessen, was er auf dem Herzen hatte und ihr unter vier Augen anvertrauen wollte.

Erwartungsvoll sah Andie also Doug an, sobald sie allein in der Küche standen. Doch dieser war auf einmal ziemlich leise und unschlüssig. Aufmerksam betrachtete Andie ihn und versuchte anhand seiner Körperhaltung und Mimik zu deuten, was ihn ganz offensichtlich belastete. Stimmte irgendetwas zwischen ihm und Jack nicht?

„Was ist denn los, Doug? Du bist ja ganz abwesend“, fragte sie deshalb. Kurz schaute er sie an. Doch sie konnte nichts Anderes als Verwirrtheit von seinem Gesicht lesen. Schließlich öffnete er seinen Mund, schloss ihn jedoch sogleich wieder. Zögernd legte Andie ihren Arm um seine Schulter. „Ist irgendetwas mit Jack und dir? Kann ich dir irgendwie helfen?“

Der letzte Satz klang schon bittend. Andie konnte es einfach nicht mit ansehen, wie Doug scheinbar litt. Dieser räusperte sich und sah sie schließlich an: „Es ist nicht wegen Jack und mir ..., sondern wegen Jack.“

Überrascht sah Andrea den dunkelhaarigen Mann an. „Was ist denn mit Jack los?“

„Ich weiß einfach nicht, wie ich es dir erklären soll, aber ... Jack hat Jens Tod noch immer nicht verarbeitet.“

Erwartungsvoll sah Doug die Blondine an, doch diese schaute nur auf den Boden. Tausend ungeordnete Gedanken strömten durch ihren Kopf. Was hatte das alles zu bedeuten?

„Wieso glaubst du, dass er es noch nicht verarbeitet hat? Es geht ihm doch total gut. Er beschäftigt sich die ganze Zeit mit Amy und seiner Arbeit.“ Fassungslos sah sie ihn an. „Er scheint endlich mal wieder richtig glücklich zu sein und jetzt möchtest du ihm, obwohl er immer total ruhig und besonnen ist, unterstellen, dass er noch nicht über Jens Tod hinweg ist.“

Langsam atmete Doug durch, bevor er sagte: „Andie, er spricht mit jemandem. Ashley hat es beobachtet. Im Badezimmer hat er mit jemandem geredet, doch es war niemand bei ihm. Und ich habe vor nicht allzu langer Zeit eine ähnliche Beobachtung gemacht.“

Total überrumpelt ließ die blonde junge Frau sich auf einen der Küchenstühle fallen. Konnte es etwa wirklich sein? Aber Jack war überhaupt nicht verrückt. Sie selbst erinnerte sich noch sehr lebhaft daran, wie sie selbst ihren verstorbenen Bruder Tim nach seinem Tod immer wieder gesehen hatte.

Dougs Stimme holte sie aus ihren Gedanken: „Nun sag doch etwas, Andie.“

Doch diese sah ihn für einen Moment nur stumm an. „Jack macht so etwas nicht. Er ist die stärkste Person aus unserer Familie. Selbst als ich krank war, nach dem Tod unseres Bruders Tim, oder während unsere Mutter so krank wurde, war er immer für uns da und hat sich gekümmert. Er kann mit diesen Dingen umgehen.“

Skeptisch fragte Doug zurück: „Meinst du wirklich? Vielleicht kann er einfach nicht mehr stark sein und möchte sich mal fallenlassen. Auch mir gegenüber war er so komisch.“

Bestimmt schüttelte Andie ihren Kopf: „Nein, Doug, er hat lange genug getrauert und jetzt geht es ihm besser. Sieh doch wie er lacht und wie er sich um Amy kümmert.“

Doug verdrehte seine Augen innerlich. Wollte oder konnte sie es einfach nicht einsehen? „Andie, er braucht Hilfe. Schau ihn dir genau an – wo ist die Lebensfreude in seinen Augen? Sie scheint ihn verlassen zu haben. Sein Lächeln erreicht seine Augen nicht mehr.“

Widerwillig schaute Andie in die Richtung des Wohnzimmers. Doch dann schweifte ihr Blick zur Uhr. Sie musste langsam los, wenn sie den Flug erwischen wollte. „Doug, ich denke, dass du aus einer Mücke einen Elefanten machst. Außerdem muss ich jetzt auch los, sonst verpasse ich mein Flugzeug. Wenn irgendetwas Wichtiges ist, kannst du mich jederzeit anrufen. Obwohl ich es noch immer nicht glaube. Schließlich bin ich die Verrückte in unserer Familie“, meinte Andie und zog dabei eine kleine Grimasse, die den Ernst der Situation auflockern sollte.

Völlig überrumpelt schaute Doug sie an. Wie in Trance registrierte er, wie sie ihren Mantel anzog, ihre Handtasche nahm und dann ins Wohnzimmer ging. Wie konnte sie diese Probleme nicht ernst nehmen? Jack musste doch geholfen werden. Er verstand sie einfach nicht. Eigentlich müsste sie doch am besten Bescheid wissen. Kopfschüttelnd öffnete er die Tür zum Wohnzimmer und sah gerade noch wie Andie sich von Jack verabschiedete. Dieser drehte sich nun zu seinem Lebensgefährten um und fragte: „Was musstest du denn so Dringendes mit ihr bereden?“

Doch Doug wollte ihm nicht die Wahrheit sagen und konnte es auch nicht. „Nur etwas wegen der Harpers. Nicht so wichtig …“ Er hasste nicht den Mut aufzubringen, Jack direkt zu sagen, was er befürchtete.

Mit der Antwort gab Jack sich zum Glück zufrieden und kümmerte sich wieder um Amy. Schweigend beobachtete Doug die beiden und versank dabei in seinen Gedanken.

~*~

Barfuss tapste Joey Potter in die Küche. Diese lag still und verlassen im Dunkeln der Nacht. Nur von draußen hörte man ab und zu den Wind pfeifen. Schon seit längerer Zeit hatte sie in ihrem Bett gelegen und konnte nicht einschlafen. Mit einem müden Gähnen öffnete sie die Kühlschranktür und schaute hinein. Vielleicht würde etwas warme Milch mit Honig ja helfen. Hoffnungsvoll goss sie die Milch in eine große Tasse und stellte diese in die Mikrowelle. Ruhelos begann sie wieder in der Küche auf und ab zu gehen. Da blitzte der Mond zwischen den Wolken hervor und tauchte die Küche in silbrigen Schein. Tatsächlich. Es war Vollmond. Kein Wunder, dass sie so schlecht schlief. Mit einem erneuten Seufzen ging sie wieder zur Mikrowelle und holte die warme Tasse heraus. Nachdem sie einen Teelöffel Honig in die Tasse gegeben hatte, rührte sie diese um und schlürfte vorsichtig einen Schluck.

Als sie nun so dasaß und vorsichtig die Milch genoss, schweiften ihre Gedanken ab. Die letzten Tage waren für sie einfach wunderschön gewesen. Nicht nur, dass Pacey und sie sich endlich geeinigt hatten, nein, irgendwie war sie mit sich jetzt auch im Reinen. Da kam ihr plötzlich eine Idee. Sie hatte Dawson ja noch gar nichts von den Neuigkeiten erzählt. Sofort griff sie zum Telefon und wählte seine Nummer in L.A.

Nach einigem Klingeln meldete sich schließlich eine verschlafene Stimme am anderen Ende der Leitung. „Leery.“

„Dawson? Ich bin’s? Habe ich dich geweckt?“

Ein etwas heiseres Lachen ertönte und dann erwiderte ihr bester Freund: „Nein, ich war sowieso schon wach, um diese Uhrzeit. Ist bei dir alles in Ordnung?“

Einen Moment suchte die Brünette nach Worten, doch dann beschloss sie, es einfach gerade heraus zu sagen: „Du wirst bald Onkel sein.“

Völlig verblüfft sagte Dawson erstmal gar nichts, doch nach ein paar Sekunden erwiderte er freudig: „Oh wow, Joey, ich freue mich für euch! Ist ja wirklich super! Ich hatte jedenfalls gehofft, dass ihr das Kind behaltet.“

Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht der Schwangeren aus und sie errötete leicht. „Danke, Dawson“, antwortete sie leise.

„Das ist ja nun wirklich ein Grund, für den du mich anrufen kannst. Sogar mitten in der Nacht. Wie ist es denn dazu gekommen?“

„Wir haben uns einfach entschieden. Pacey wird sich einen Geschäftsführer für das Icehouse suchen und so muss ich meine Arbeitsstelle auch nicht aufgeben.“

Doch Dawson konnte gar nicht aufhören, sich für sie zu freuen. „Pacey ist bestimmt total glücklich. Ich kann mir bildlich vorstellen wie er anfängt in seiner Vaterrolle aufzugehen. So ein kleiner Pacey Junior wird euch sicher auf Trab halten.“

„Hey“, beschwerte sich Joey lachend, „vielleicht wird es ja auch ein Mädchen. Wieso denken immer alle, es wird ein Junge?“

„Na ja, wenn es ein Mädchen wird, dann wird sie sicher genauso schön wie ihre Mutter.“

Noch immer lachend, aber auch ein bisschen geschmeichelt meinte Joey: „Das werden wir ja noch sehen. Hauptsache das Kind ist gesund.“

„Das denke ich auch.“

Gähnend schaute Joey auf die Uhr, deren Ziffern sich von dem Dunkel des Backofens abhoben. Es war schon fast halb zwei.

„Dann will ich dich auch nicht weiter aufhalten. Ich wünsch dir was“, verabschiedete sich Joey schon.

„Dir noch eine gute Nacht. Und ich werde dich bestimmt noch mal anrufen.“

„Jederzeit! Ich freue mich.“

Mit einem Lächeln legte Joey auf. Vorsichtig setzte sie sich die noch immer warme Tasse an die Lippen und trank einen weiteren Schluck. Nachdenklich schaute sie in die Dunkelheit. Dawson hatte sich auch total für sie gefreut. Langsam wurde ihr klarer, warum Pacey sich so gefreut hatte. Die beiden würden ein Kind bekommen. Pacey Witter und Josephine Potter. Es war der erste Schritt zu einem langen gemeinsamen Leben. Endlich hatten sie alle scheinbaren Hürden überwunden.

Mit einem strahlenden Lächeln stellte sie die Tasse schließlich in die Spülmaschine und schlich leise zurück ins Schlafzimmer. Dort kuschelte sie sich zu Pacey unter die Decke, der nur einmal kurz murrte, da sie so kalt war. Im nächsten Moment war sie auch schon eingeschlafen.

~*~

„Miss, würden Sie sich bitte anschnallen?“

Andie wurde unsanft aus ihrem Tagtraum gerissen und sah die brünette Flugbegleiterin neben ihr einen Moment lang verwirrt an. Dann verstand sie erst die Aufforderung und sagte schnell: „Klar, sicher, kein Problem!“

Sie griff nach ihrem Gurt und schnallte sich an.

Die junge Frau trollte sich wieder nach vorne und die letzten Vorbereitungen wurden getroffen.

Andie lehnte sich in ihren Sitz zurück und atmete tief durch. Das Flugzeug der British Airlines würde sie sicher zurück nach Deutschland bringen.

Neben Andie saß ein Ehepaar. Der Mann las Zeitung und seine Frau starrte missmutig aus dem Fenster. Vielleicht hatte sie ja Flugangst.

Interessiert sah Andie sich um. Immer wieder staunte sie über die Anzahl von Menschen, die alle in diesem Flugzeug saßen, um ihrem Ziel näher zu kommen. Aber hatte Andie selbst ein Ziel?

Sie war überstürzt aufgebrochen und hatte sich kaum Gedanken über ihre derzeitige Situation gemacht. Sie wäre gerne noch in Capeside bei ihren Freunden geblieben. Aber diese hatten ihre eigenen Probleme – Joey und Pacey hatten das Baby, dessen Zukunft ungewiss war, Justin war wieder zurück bei Ashley und Jack hatte Wahnvorstellungen – was Andie zwar nicht gegenüber Doug zugegeben hatte, aber was sie durchaus für möglich hielt und was ihr vor allem Angst machte. Es erinnerte sie an ihre eigenen Dämonen …

Außerdem war sie schon lange nicht mehr in Deutschland gewesen, wo sie eigentlich glücklich war oder zumindest gewesen ist. Da war ja noch die Sache mit Sasha, die sie einfach nur verdrängen wollte, weil sie ihr Kopfschmerzen bereitete.

Sie hatte seit ihrem Besuch bei Jack viel Zeit damit verbracht, über alles nachzugrübeln. Stimmte das alles, was Doug gesagt hatte? War sie nicht länger die Durchgeknallte in der Familie McPhee?

Sie zweifelte daran, dass Doug sich alles bloß ausgedacht hatte. Erstens machte Doug das nicht einfach, schließlich ging es hier um Jack. Und Zweitens hatte Jack seine beste Freundin, seine Seelenverwandte, verloren. Kein Wunder, dass er sie wieder zurückhaben wollte und sie sich deshalb einbildete. Jacks Verhalten war nicht merkwürdig gewesen, als Andie bei ihm war. Es schien kein Dauerzustand bei ihm zu sein.

Andie konnte aber immer noch nicht aus dem schlau werden, was Doug ihr gesagt hatte. Konnte Jack das alles nicht mehr kontrollieren oder wollte er es nicht mehr? Bevor sie den Gedanken weiterspinnen konnte, startete das Flugzeug und sie wurde in ihren Sitz gedrückt. Ein Kleinkind kreischte vor Freude auf, als der Flieger losrollte. Andie sah zur Decke und genoss das Gefühl, als die Maschine vom Boden abhob. Es war, als wäre sie endlich frei.

In Deutschland erwartete sie etwas völlig anderes. Zwischen Hamburg und Capeside lagen ganze Welten! Und Andie freute sich auf diese Welt.

Als das Flugzeug über die Wolken flog – und die Frau neben Andie fasst einen Nervenzusammenbruch bekommen hätte – spürte Andie wachsenden Optimismus in sich.

Sie würde das mit Sasha schon regeln. Jack würde es wieder bessergehen. Ashley würde erfolgreich therapiert werden. Ihre Sorgen lösten sich auf. Sie schnallte sich ab und atmete tief durch.

„Deutschland, du hast mich wieder!“


Fade to black…


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