7.13 - Frühlingserwachen von Anna-Lena

7.13 - Frühlingserwachen von Anna-Lena

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Story Bemerkung:

Co-Autor war Mona
Langsam schlenderten Pacey und Joey einen Kiesweg entlang, der inmitten von grünen Wiesen lag. Die Bäume bekamen langsam grüne Blätter und auch einige Vögel waren aus dem Süden wiedergekommen und zwitscherten jetzt munter vor sich hin. Auch Schmetterlinge gab es und die schwirrten zwischen den ersten Knospen der Blumen. Es war, als ob die Natur stehen geblieben war und nur auf das erlösende Klicken eines Fotoapparats wartete, damit sie sich wieder erholen konnte. Auch die Sonne ließ ihre Strahlen leuchten und es sah so aus, als ob allmählich alles auftauen würde. Arm in Arm schlenderten Pacey und Joey den Weg entlang. Auch die beiden genossen die Natur und atmeten tief ein.

„Ist es hier nicht wunderschön?“, fragte Joey bedächtig und sah Pacey von der Seite an. Dieser nickte und schließlich fuhr sie fort: „Früher als Kind habe ich Capeside gehasst, aber wenn ich mir jetzt den Frühling anschaue ... es ist alles einfach so friedlich.“

„Ja“, stimmte Pacey ihr zu, „es ist alles schön ruhig und man kann die Landschaft genießen.“ Beide schlenderten schweigend weiter und blieben an einer Bank stehen.

Sie setzten sich und wieder ergriff Joey das Wort: „Weißt du, ich habe viel über die letzten Tage und Wochen nachgedacht. Über unsere Auseinandersetzungen, über die Sachen, die wir gemacht haben.“

Pacey sah sie abwartend und etwas neugierig an, sodass seine Stirn von Furchen durchfahren war.

„Und?“, fragte er dann und konnte es beinahe nicht mehr abwarten.

Seine Freundin lächelte ihn an und meinte schließlich: „Ich denke, du wirst bald Vater werden.“ Ein Glitzern trat in Paceys Augen und er saß mit offenem Mund neben ihr. „Macht den Mund wieder zu, Pacey“, lachte Joey und auch sie schien glücklich zu sein.

Nun erwachte der gerade zum Vater ernannte Pacey und umarmte seine Freundin. „Joey, dass ist wunderbar.“

Er nahm sie auf den Arm und wirbelte sie kurz durch die Luft.

Lachend sagte Joey: „Pacey, pass auf. Wir wollen unser Glück doch nicht gleich zerstören.“

Vorsichtig setzte der dunkelhaarige Mann die Brünette wieder ab und sah ihr in die Augen. „Du wirst die Entscheidung nie bereuen. Es wird einfach wunderbar werden.“ Auch Joey lächelte immer noch und beide waren zu diesem Zeitpunkt einfach glücklich.

„Ich denke auch nicht, dass ich diese Entscheidung bereuen werde. Auf jeden Fall haben wir endlich alles geklärt und es wird dem Kind einfach gut gehen.“

Wieder sahen sich beide tief in die Augen und küssten sich schließlich. Ihre Augen schlossen sich automatisch und beide versanken, sodass sie nichts um sich herum mehr wahrnahmen. Als sie sich einige Minuten später wieder von einander lösten, setzten sie den Spaziergang fort.

„Ich werde dann heute erstmal ein paar Plakate aufhängen und eine Zeitungsannonce aufgeben damit ich das mit dem Geschäftsführer so schnell wie möglich hinbekomme“, informierte Pacey sie.

„Und ich werde dann wohl meiner Chefin bescheid sagen, dass ich nun an ausschließlich zu Hause arbeiten werde.“

Beide sahen sich wieder lächelnd an und Pacey strich Joey eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Noch vor einer Woche hätte ich nie gedacht, dass sich alles wieder so regelt und wir beide jemals wieder glücklich werden“, meinte er dann.

Nickend stimmte Joey ihm zu und legte dann ihre Hand auf ihren Bauch. „Aber es hat sich ja gelohnt. Ich möchte gar nicht mehr daran denken, dass ich ... dass ich unser Kind zuerst nicht haben wollte.“

Pacey küsste sie sanft auf die Haare und beide schlenderten weiter.

Doch Joey beschäftigte sich weiter mit dem letzten Gedanken. Im Moment konnte sie sich wirklich nicht vorstellen, dass sie das Kind hatte abtreiben lassen wollen. Hätte sie wirklich jemanden umbringen können? – So etwas Ähnliches wäre es ja gewesen. Mit einem Mal schüttelte sie den Kopf. Jetzt brauchte sie sich wirklich keine Gedanken mehr darüber zu machen. Schließlich würden Pacey und sie das Kind bekommen und sie schienen eine kleine, glückliche Familie zu werden.

Sie schaute zu Pacey und sah, wie auch er immer noch lächelte. Er würde wirklich einen wunderbaren Vater abgeben. Beide lächelten noch immer weiter, als sie sich auf den Weg nach „Hause“ machten.

Auch die Sonne schien immer noch und es versprach ein wunderbarer Tag zu werden.

~*~

Doug starrte nachdenklich auf sein Sandwich. Um ihn herum tummelten sich viele verschiedene Menschen, die alle irgendetwas zu tun hatten. Nur er hatte nichts zu tun. Sonst nutzte er die Mittagspause für einen kurzen Anruf bei Jack oder er aß wenigstens sein Sandwich, doch heute saß er nur bewegungslos auf einer Bank im Aufenthaltsraum. Ein Polizist, der sich einen Kaffee holte, grüßte Doug freundlich, doch dieser reagierte überhaupt nicht. Er nahm den anderen Mann im Raum gar nicht wahr.

Er konnte nicht mehr aufhören, an Jack zu denken. Er machte sich ernsthaft Sorgen um seinen Freund, doch er konnte Jack nicht helfen. Das konnte nur Jack selbst, dennoch versuchte Doug verzweifelt eine Lösung für das Problem zu finden.

„Hi, Doug!“ Venus Stiller tauchte neben Doug auf. „Darf ich mich zu dir setzen?“

Venus war groß und schlank. Dunkelbraune Haare fielen ihr kunstvoll über ihre Schultern und sie trug ein weißes, hochgeschlossenes Kostüm.

„Venus, hi.“ Dougs Stimme war ausdruckslos und sein Gesicht ebenfalls. Mit glasigem Blick betrachtete er den Salat auf seinem Sandwich.

„Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“ Venus nahm eine braune Tüte aus ihrem schwarzen Lederkoffer und packte ihren Nudelsalat aus. Dougs Kollegin konnte essen was sie wollte und behielt ihre ausgezeichnete Figur trotzdem.

Doug hatte oft mit Venus zu tun, schließlich war die Braunhaarige die Psychologin der Capesider Polizei.

Hoffnungsvoll sah Doug auf: „Es ist keine Laus, es ist mein Freund. Er hat ein ziemliches Problem und ich weiß nicht, wie ich ihm helfen kann.“

Vielleicht hatte wenigstens Venus einen Rat. Immerhin war sie ja Psychologin.

„Klingt spannend, erzähl“, forderte Venus ihn auf und begann nebenbei zu essen.

Doug schwieg einen Moment. Konnte er sich Venus überhaupt anvertrauen? Sie kannte ihn nicht so gut wie Gretchen, Pacey oder Andie, aber sie alle hatten ihre eigenen Probleme und Jack brauchte dringend Hilfe. Doug musste einfach herausfinden, wie er Jack die nötige Hilfe besorgen und ihn zurück in die Realität holen konnte.

„Vor einiger Zeit ist seine beste Freundin gestorben. Ihr Name war Jen.“ Doug setzte sich, so dass er Venus direkt ansehen konnte. Das Sandwich legte er zurück in seine Box. Er hatte einfach keinen Appetit. „Die beiden kannten sich seit der High-School, haben sehr viel gemeinsam durchgemacht und gingen sogar zusammen aufs College. Sie waren unzertrennlich. Jack entschloss nach dem Studium eine Stelle als Lehrer an der Capeside High anzunehmen, während Jen in New York bei ihrer Familie blieb. Sie wurde schwanger. Während der Schwangerschaft entdeckten die Ärzte, dass sie einen Herzfehler hatte, der bis dahin unauffällig war.“ Doug machte eine kleine Pause, als die Gefühle ihn für einen Moment drohten zu überwältigen. Venus legte ihm flüchtig eine Hand auf die uniformierte Schulter und schließlich gelang es ihm fortzufahren. „Letztes Jahr starb Jen an diesem Herzfehler und kurz danach noch Jens Großmutter, die im Grunde auch eine Großmutter für Jack gewesen war. Die beiden waren seit seinem siebzehnten Lebensjahr quasi seine Familie. Er adoptierte Jens Tochter Amy, da er ihr Pate war. Allerdings ist Amy ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten, was für Jack eine tägliche Erinnerung an Jen ist. Ich habe den Eindruck, Jack verliert sich in seiner Trauer um sie und kommt nicht über den Verlust hinweg.“ Die Worte sprudelten nur so aus Doug heraus. Es war leichter mit Venus zu reden, als mit einem seiner Freunde. Sie kannten Jen zu gut und wenn sie darüber sprachen, wurde es für alle Beteiligten schwer, sich weiter mit dem Thema zu befassen. Venus hingegen konnte objektiv bleiben und dem Thema mit professioneller Distanz begegnen.

Venus hörte interessiert zu, während sie ihren Nudelsalat aß.

„Er spricht mit Jen“, fügte Doug schließlich leise hinzu und sah die Psychologin hilfesuchend an.

Venus nickte verständnisvoll. „Also, Doug, das ist eigentlich normal. Mein Großvater starb vor neun Jahren und ich gehe jeden Monat an sein Grab und erzähle ihm, was ich so erlebe. Manchmal sitze ich eine Stunde an seinem Grab.“

Doug schüttelte langsam den Kopf. „Das ist es ja. Jack spricht nicht auf dem Friedhof mit ihr. Er redet manchmal in unserem Haus mit ihr, als wäre sie anwesend, wenn er glaubt niemand bemerkt es. Für ihn ist sie immer an seiner Seite, aber nicht auf diese normale du-bleibst-in-meinem-Herzen-Art. Er sieht sie. Es sind keine Träume für Jack. Es ist Wirklichkeit für ihn!“ Unruhig stand Doug auf und ging im Aufenthaltsraum auf und ab.

Da sich außer ihnen beiden niemand sonst im Aufenthaltsraum aufhielt, konnte Doug frei sprechen.

„Klingt nicht gut. Wie sieht er sie? Wann?“ Venus hatte die Ruhe weg, dennoch spürte Doug, dass sie mit ihm fühlte.

„Ständig. Meistens, wenn er mit Amy zusammen ist oder sich einsam fühlt.“

„Klar, dass sind die Momente, in denen sie eigentlich bei ihm sein sollte.“ Venus runzelte die Stirn. Sie überlegte kurz. „Hör zu, Doug, vielleicht will Jack nicht, dass man ihm hilft.“

„Er will es bestimmt, er sagt es nur nicht, weil er sich nicht eingesteht, dass er Hilfe braucht!“, meinte Doug verzweifelt und setzte sich wieder Venus gegenüber.

„Selbst, wenn du ihn zur Therapie schickst, wird es nur klappen, wenn er von sich aus sagt, dass er diese Therapie braucht.“ Venus schmiss ihre leere Plastikschüssel weg und leckte ihre Gabel ab.

Doug seufzte: „Das passiert aber leider nicht.“

„Lass ihm Zeit“, sagte Venus und packte ihre Gabel in ihren Aktenkoffer.

„Venus, das würde ihm bestimmt nur schaden. Er ist in seiner eigenen Vorstellung gefangen.“ Doug zupfte unruhig an seinem Ärmel herum.

„Eben. Irgendwann wird er merken, dass er sein Leben und seine Aufgaben, auch seine Freunde, völlig vernachlässigt. Und irgendwann verselbstständigt sich seine Fantasie und er kann es nicht mehr kontrollieren. Dann erst wird ihm klarwerden, dass er dringend Hilfe braucht.“ Venus stand auf. „Hilf ihm, sich selbst zu helfen. Lass ihm Zeit und pass gut auf ihn auf. Denn wenn er sich selbst darüber klar wird, wird er als erstes zu dir kommen. Schließlich vertraut er dir, nicht wahr?“

Doug nickte zögerlich. „Das denke ich jedenfalls.“

„Gut. Viel Glück. Halt mich auf dem Laufenden!“ Venus lächelte und verließ den Aufenthaltsraum.

Doug stand ebenfalls auf. Seine Mittagspause war zu Ende und er packte die Box mit dem unangerührten Sandwich einfach weg. Dann verließ er den Raum und hoffte, dass Venus‘ Aussagen zutreffen würden. Dass Jack bald wieder zu sich kam. Dass Jack ihm vertraute.

~*~

Konzentriert fuhr Joey mit dem Finger an der Reihe von Dosen entlang, die in dem Supermarktregal standen. Sie wollte zum Mittag etwas Besonderes kochen und dafür musste sie noch einige Kleinigkeiten besorgen. Noch immer stand ihr ein Lächeln im Gesicht und hin und wieder ertappte sie sich dabei, ihre Hand auf ihren Bauch zu legen, als ob sie ihn beschützen wollte. Natürlich war es Quatsch, denn sie konnte ja noch gar nichts von dem Kind spüren, aber trotzdem hatte sie einfach ein gutes Gefühl dabei.

„Hallo, Joey“, holte eine Stimme sie aus ihren Gedanken.

Überrascht drehte sich diese um und stand Ashley gegenüber. „Oh, hallo, Ashley!“

„Habe ich dich irgendwie erschreckt? Du siehst ein bisschen ... na ja überrascht aus.“

Die Brünette schüttelte den Kopf und erwiderte lachend: „Nein, ich wollte nur eben noch ein paar Besorgungen für das Mittagessen machen.“

Freundlich lächelte das ehemalige Model Joey an. „Heißt das etwa, dass du dich wieder mit Pacey vertragen hast und alles zwischen euch geklärt ist?“

Etwas peinlich berührt sah Joey auf den Boden, blickte aber wieder hoch und lächelte. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass wirklich alle Leute etwas davon mitbekommen hatten und irgendwie war es seltsam darauf angesprochen zu werden. Trotzdem freute sie sich. „Ja, wir haben die Sache geklärt. Wir werden in ein paar Monaten Eltern werden.“

Auch auf Ashleys hübschem Gesicht erschien jetzt ein Lächeln und sie umarmte die etwas kleinere Brünette. „Herzlichen Glückwunsch.“

„Dankeschön“, freute sich Joey über die positive Reaktion und fuhr dann fort: „Natürlich ist es noch etwas komisch und alles, aber trotzdem freue ich mich inzwischen riesig.“

„Das glaube ich dir. Wann ist denn der ungefähre Geburtstermin?“

Einen Moment war es still, doch dann erwiderte Joey: „Ende August ist es soweit.“

„Im Sommer Geburtstag haben. Das ist doch auch mal etwas Schönes. Ich fand es immer langweilig im Winter Geburtstag zu haben, da konnte man nie nach draußen gehen und einfach herumrennen, weil man sich dann irgendwas eingefroren hätte.“

Lachend sahen sich die beiden Frauen an.

„Wo wir gerade mehr oder weniger von Häusern sprechen; wie läuft es denn mit der Haussuche?“

„Es läuft ganz gut. Pacey hat ein wunderschönes Haus für uns ausgesucht. Jetzt müssen wir es nur noch ein wenig umbauen. Der Vorbesitzer war so nett und hat uns das Haus sozusagen fast umsonst überlassen. Wir müssen nur noch alles renovieren.“

„Das hört sich ja wirklich gut an“, freute sich Ashley für Joey mit. „Meinst du denn, dass es für dich nicht irgendwann zu anstrengend wird?“

Einen Moment überlegte Joey. Natürlich hatte sie Recht. Darüber hatte sie sich noch gar keine Gedanken gemacht. „Na ja, in den letzten Monaten vielleicht. Aber meine Mom hat auch lange gearbeitet, als sie mit mir schwanger war. Und wie es aussieht, habe ich auch keine bleibenden Schäden erhalten“, scherzte sie.

Lachend strich sich auch die Blondine eine Strähne aus dem Gesicht. „Da hast du vielleicht Recht. Aber, wenn es dir mal zu viel wird, dann sag einfach bescheid. Ich helfe euch gern beim renovieren. Oder auch bei anderen Sachen. Wenn du Hilfe brauchst, zögere nicht mich anzurufen.“

Etwas überrascht, aber doch lächelnd antwortete Joey: „Dankeschön. Das ist echt nett von dir. Ich komme bestimmt auf dein Angebot zurück.“

„Kein Problem. Ich muss auch leider schon wieder weiter einkaufen, sonst gibt’s heute nichts zum Mittag“, erklärte die junge Frau dann.

„Ich muss mich auch beeilen“, sagte Joey nun und die beiden verabschiedeten sich.

Etwas Gedanken verloren sah die Brünette Ashley nach. Natürlich war es wirklich nett von ihr gewesen, ihre Hilfe anzubieten. Doch wie war es dazu gekommen? Je mehr sie darüber nachdachte, desto offensichtlicher wurde es. Eigentlich hatten sie und Ashley viel miteinander zu tun. Jedenfalls in der letzten Zeit. Als sie bei den Harpers gewesen waren an diesem schrecklichen Tag, hatten sie auch auf der Treppe gesessen und sich über viel unterhalten. Sogar über Justin. Langsam schlenderte Joey weiter und packte einfach ein paar Tüten und Dosen in den Einkaufswagen.

Früher hatte sie selten mit einer Freundin über Derartiges gesprochen – außer Audrey vielleicht - aber diese hatte eher alles aus ihr herausgequetscht. Bei diesem Gedanken musste Joey ein wenig Lächeln. Ashley und sie schienen wirklich Freundinnen zu werden. Vielleicht ihre erste richtige Freundin, seit Jen. Mit einem Lächeln schob Joey den Einkaufswagen zur Kasse.

~*~

Doug hatte den ganzen Tag über Jack nachgedacht. Sein Freund bereitete ihm echte Sorgen. Versunken in seine Gedanken betrat Doug das Strandhaus und zog seine Jacke aus. Er hörte, wie Jack in der Küche mit Amy sprach und hoffte, dass er wirklich nur mit Amy sprach.

„Hey!“ Jack sah auf, als Doug die Küche betrat.

Er fütterte Amy gerade und wirkte gut gelaunt: „Wie war die Arbeit?“

„Gut“, sagte Doug, noch immer unentschieden, wie er wohl Jack auf diese Sache ansprechen sollte. Er setzte sich ihm gegenüber und beobachtete einige Zeit, wie er Amy fütterte und sich dabei rührend mit ihr unterhielt.

„Jack, kann ich mit dir reden?“, fragte Doug schließlich.

Jack sah ihn verwirrt an. „Klar doch, was gibt’s?“ Er hörte auf, Amy zu füttern und legte den Löffel und das Gläschen mit Babynahrung weg. Er verschränkte die Arme vor der Brust und wartete aufmerksam darauf, was Doug ihm zu sagen hatte. Doug klang ernst und im ersten Moment dachte Jack, irgendetwas Schlimmes wäre passiert. Vielleicht mit Andie. Doch als er Doug dann zuhörte, wurde er zunehmend überraschter.

„Weißt du, ich mache mir irgendwie Sorgen.“

„Worüber?“

„Über dich und Jen. Du siehst sie, nicht wahr? Du redest ihr, du tust so, als würde sie noch immer leben.“ Doug versuchte ruhig zu bleiben, doch er schaffte es nicht. Jack war ihm viel zu wichtig, um Gelassenheit zu spielen.

„Wieso?“ Jack fühlte sich leicht angegriffen. Was wollte Doug ihm sagen? Dass er ein Spinner war? Oder hatte er genügend Verständnis?

„Jen ist tot“, stellte Doug fest.

Jack nickte traurig. „Ich weiß.“

„Und deshalb kannst du sie unmöglich sehen, verstehst du?“ Doug hoffte, seine Worte würden irgendetwas bewirken.

Jack fing wieder an Amy zu füttern, da die sich quengelnd beschwerte und mit offenem Mund auf ihr Abendessen wartete. „Doch, kann ich. Sie ist hier, unter uns. Ich kann sie fühlen. Hören. Riechen. Sie ist hier!“

„Aber wie soll das gehen?“ Doug sah ihn verzweifelt an.

Jack hatte sich bis jetzt nicht mit dem Warum auseinandergesetzt und wollte es auch nicht tun. Was dachte Doug eigentlich von ihm? Dass er es sich nur einbildete, wenn sie mit ihm sprach? Und selbst wenn er das tat, war es nicht natürlich? Er war nicht verrückt. Er war doch normal! „Doug, das ist mir egal! Ich habe sie wieder, okay? Ich habe sie schon einmal verloren und egal was du versuchst, du kannst sie mir nicht wegnehmen!“

Das Glas war leer. Jack stand auf und stellte es in die Spüle. Amy schluckte zufrieden und satt die passierte Kost hinunter, die sie noch im Mund hatte. Jack blieb er unschlüssig im Raum stehen.

„Ich habe Venus davon erzählt ...“, startete Doug einen neuen Versuch. Vielleicht schaffte es eine logische Schlussfolgerung einer Psychologin ihn wieder zur Vernunft zu bringen. Er musste alles ausprobieren.

„Venus?“
„Venus Stiller. Sie ist eine Psychologin bei der Polizei und kennt sich mit ...“

„Venus Stiller?“, fragte Jack ungläubig. „Du hast ihr von mir erzählt, ohne sie mir überhaupt vorzustellen oder mich danach zu fragen?“

„Jack, du hättest es doch nicht zugelassen, weil du gar nichts mehr zulässt! Du sperrst uns alle aus deinem Leben, verschließt dich der Realität! Ich will dir doch nur helfen.“ Doug appellierte völlig erfolglos an Jacks Vernunft.

„Helfen wobei? Ich bin doch kein durchgeknallter Wahnsinniger, ich bin dein Freund!“, verteidigte Jack sich.

„Ich meine doch nicht, dass du verrückt, irre oder durchgeknallt bist!“, stritt Doug den Vorwurf ab.

„Aber du redest mit einer Seelenklempnerin über mich und zwar mit einer, die uns nicht kennt. Die fremd ist. Die das alles nicht verstehen kann!“ Jack kam langsam in Fahrt.

„Jack, ich ...“, versuchte Doug ihn zu beschwichtigen.

„Du sprichst mit Fremden über mein Problem? Mein Problem, dass weder Fremde noch dich etwas angeht und um ehrlich zu sein: Es gibt kein Problem!“, wutschnaubend verließ Jack das Zimmer. Wenig später fiel die Haustür ins Schloss.

Doug seufzte und nahm Amy auf seinen Schoß. Es war genau so wie Venus es gesagt hatte: Nur Jack selbst konnte sich helfen. Und das wollte er nicht.

~*~

Jemand stieß Andie beim Vorbeigehen an und sie schreckte aus ihrem Schlaf hoch. Die ersten Touristen verließen das Flugzeug, um endlich was von Deutschland zu sehen. Eilig raffte sie ihre Sachen zusammen und folgte der Menschenmenge nach draußen.

Sie schlüpfte in ihre Jacke, als sie den eisigen Wind der Nordsee bemerkte, der über Hamburg wehte. Mit allen zehn Fingern versuchte sie ihre blonden Haare zu glätten. Sie fand schnell ihre beiden Koffer und war froh, endlich das stickige Flughafengebäude verlassen zu können. Unausgeschlafen trottete sie den Gang hinunter und stieg auf eine der Rolltreppen. Automatisch ging sie an den Läden und Flughafenrestaurants vorbei, ohne sich auch nur umzusehen. Wie ferngesteuert schlug sie die Richtung zum Ausgang ein, da keiner auf sie warten würde.

Als sie auf die Straße trat, lehnte sie sich erst einmal gegen eine Steinsäule. Sie atmete tief durch. Der Abschied und der Flug waren überstanden, doch jetzt wartete ein kleiner Neuanfang auf sie.

Andie entdeckte ein freies Taxi und eilte mit ihren Koffern und den Taschen zu dem Wagen. „Sind sie frei? Können Sie mich nach Hause fahren?“, fragte Andie zerstreut, die gerade mal so ihre deutschen Vokabeln zusammenraffen konnte. Sie nannte dem Taxifahrer ihre Adresse, half ihm beim Verladen der Koffer und schmiss sich dann ausgepowert auf den Rücksitz.

Die Fahrt über döste Andie vor sich hin. Als das Taxi vor einem Mietshaus hielt, brach die Nacht über Hamburg herein. Andie bezahlte und betrat das Haus. Sie hievte ihre Koffer in den Fahrstuhl und fuhr hinauf in den obersten Stock. Sie liebte ihre große Wohnung in dem Mietshaus. Am Tag wurde es von Sonnenlicht durchflutet und es hatte einen genialen Ausblick auf den Hafen. Andie verließ den Aufzug, sperrte ihre Dachwohnung auf und ging sofort in die Küche, um einen Blick auf die Elbe zu werfen.

Die Insel des Musicals „König der Löwen“ wurde wunderschön beleuchtet und das Wasser drum herum glänzte. Boote schaufelten sich durch den Fluss. Andie lächelte. Sie hatte das alles doch sehr vermisst, so sehr sie auch den Abstand von hier benötigt hatte.

Das Studio hatte sie ordentlich hinterlassen, aber auf dem Küchentisch türmten sich noch immer Skizzen, Bücher, Faxe mit Aufträgen und abgebrochene Bleistifte. Andie zog ein Blatt aus dem Stapel heraus und las es sich durch. Es war dicht beschrieben mit Ideen. Ideen, inspiriert nach einer schönen Nacht mit Sascha ...

Sie seufzte und ging ins Bad. Sie wusch sich die Hände, ging schnell aufs Klo und lief dann weiter in das große Schlafzimmer. Sie setzte sich auf ihr Bett und schloss die Augen. Wieder zu Hause. Auch wenn Capeside ihre Heimat war, dort hatte sie kein richtiges zu Hause mehr. Schließlich hatte sie die letzten Wochen bei den Harpers gewohnt.

Als sie wieder ihre Augen öffnete, blinzelte sie verwirrt. Durch das Fenster blickte sie geradewegs auf die ihr gegenüberliegende Hausmauer. Und an der war ein riesiges, rotes Plakat festgemacht.

‚Bitte, Andrea, melde dich bei mir’, stand auf dem Plakat in dunkelblauen Lettern, die Andie im Licht der Abenddämmerung immer und immer wieder las. Erst war sie verwirrt. Konnte es wirklich für sie bestimmt sein? In Hamburg lebten doch bestimmt über hundert Andreas. Allerdings lebte nur eine in diesem Block, soweit sie wusste, und nur eine wohnte genau diesem Plakat gegenüber.

Andie lächelte gerührt. Sie stand auf, öffnete das Fenster und beugte sich nach draußen. Sie kniff ihre Augen zusammen und entdeckte schließlich im untersten Eck des Plakates einen Namen. ‚Sascha’, in roter Schreibschrift. Als hätte er es selbst daneben hingeschrieben. Und daneben war eine weinrote Rose aufgemalt, wie nur Sascha sie malen könnte.

Andie drehte sich um und suchte nach ihrem Telefon. Sie musste ihn anrufen. Die Botschaft war eindeutig. Sie mussten noch einmal über alles reden. Sie mussten es noch einmal mit einander versuchen – wenn Andie Glück hatte. Und sie hoffte so sehr, Glück zu haben. Verdammt, sie hatte sich etwas Glück verdient! Gerade als sie Saschas Nummer eintippen wollte, klingelte es an der Tür. Andie warf das Telefon weg und rannte zur Wohnungstür. Stürmisch öffnete sie diese und sah Sascha, wie er draußen stand, mit einem Strauß roter Rosen in der Hand.

„Sascha!“, rief sie erstaunt und überrascht.

Er lächelte: „Andie, hi. Wie geht es dir?“

„Gut.“ Andie kicherte fröhlich. „Komm doch rein.“

Sascha nickte und reichte ihr die Rosen: „Für dich. Willkommen Zuhause!“

„Danke.“ Andie schnupperte an den Rosen und fühlte sich wie im siebten Himmel. Sie hatte erwartet, dass alles schieflaufen würde, aber im Gegenteil. Sie hatte endlich Glück.

„Ich habe dich vermisst.“ Sascha ergriff ihre Hände. „Du siehst umwerfend aus. Erholt.“

„Danke“, wiederholte Andie. „Ich habe ein paar Stylingtyps von einer Bekannten bekommen. Der Besuch in Capeside hat mir tatsächlich gut getan und mich über einige Dinge klar werden lassen.“

Sascha und Andie schwiegen einen Moment und lächelten einfach nur. Sahen sich einfach nur an.

„Ich ...“

Andie sah mit großen Augen zu ihm auf. Sehnsüchtiger Blick. Große Erwartungen. Hoffnung.

„Ich habe dich so sehr vermisst und ohne dich bin ich nun mal kein vollkommener Mensch.“ Er klang so poetisch.

Es klang genauso romantisch als Andie antwortete: „Ich vermisse dich ebenso.“

„Lass es uns noch einmal versuchen, Andie. Es war doch eine gute Zeit. Machen wir es noch besser“, sprach Sascha weiter. „Gib uns noch eine Chance.“

Andie antwortete nicht. Sie küsste ihn zärtlich.

„War das ein Ja?“, fragte Sascha.

Andie nickte und küsste ihn erneut.

~*~

Jack benetzte sein Gesicht mit Wasser. Das kalte Wasser drang bis in seine Seele durch und er fühlte sich, als würde er die ganzen Sorgen einfach nur wegspülen. Doug verstand ihn einfach nicht. Er vermied es seit jenem Abend mit ihm zu sprechen, ihn auch nur anzusehen. Während er sein Gesicht abtrocknete, wurde ihm klar, wie wichtig es ihm war, dass Doug ihm vertraute und anscheinend tat er das nicht. Als er das Handtuch weglegte, spürte er, wie jemand hinter ihm stand. Er fixierte den Spiegel und entdeckte Jen hinter sich.

„Hey!“ Jen schenkte ihm ihr schönstes Lächeln. Ihre Haare waren glatt, ihre Augen noch grüner als sonst und sie trug ein weißes Kleid aus Seide, das an ihr wie Wasser herunterfloss.

„Hi!“ Jack lächelte glücklich. Er wandte sich nicht um, sondern betrachtete nur stumm ihr Spiegelbild.

„Du siehst traurig aus“, stellte Jen fest. Sie stand dicht hinter ihm, er konnte sogar ihren Atem spüren.

Jack nickte. Jen sah ihn durchdringend an: „Erzähl’s mir. Komm, ich bin doch immer für dich da!“

Jack lächelte betrübt: „Es ist wegen Doug.“

„Was hat er denn jetzt schon wieder angestellt?“, fragte Jen mit ihrer fröhlichen, milden Stimme, die Jack nie vergessen würde. In seiner Fantasie war sie so schön, so bezaubernd, so engelhaft wie sie es besser gar nicht mehr ging.

„Er versteht mich einfach nicht!“ Jack fuhr sich durch die dunklen Haare und knöpfte sich sein Schlafanzughemd zu.

„Aber ihr seid doch für einander geschaffen. Er muss dich doch einfach verstehen!“ Jen sah ihn mit großen, grünen Augen liebevoll an. „Ihr seid das perfekte Paar! Worüber habt ihr euch gestritten?“

„Es war nicht direkt ein Streit“, antwortete Jack, obwohl er genau wusste, dass es der schlimmste Streit war, den er jemals ausgetragen hatte. „Er will einfach nicht verstehen, warum ich mit dir rede.“ Er lehnte sich erschöpft gegen das Waschbecken: „Und solange er das nicht versteht, kann ich ihm nicht mehr gegenübertreten und mit ihm reden!“ Jack sah auf: „Er ist irgendwie ... gegen mich.“

„Was ist so schlimm daran, dass du mit mir redest?“, fragte Jen einfühlsam.

Jack zuckte mit den Schultern: „Ich weiß es nicht. Das macht mich so fertig und ich weiß nicht einmal, warum!“

„Was hat er zu seiner Verteidigung zu sagen?“

„Das du nicht real bist, aber das ist mir egal! Denn für mich bist du sehr wohl real. Realer geht es nicht und es ist viel zu kompliziert ohne dich zu leben, weil ich dich zu sehr brauche!“, verteidigte Jack seinen Standpunkt hartnäckig.

Jen grinste triumphierend: „Genau. Lass dich von Doug nicht irritieren. Er versteht das alles einfach nicht.“

„Eben.“ Jack wandte sich um und sah genau in Jens leuchtende Augen.

„Er hat doch keine Ahnung!“, redete Jen weiter.

Ihre Einstellung ging in Jack über, der weitersprach: „Er weiß doch gar nicht, worum es geht. Er will nicht einsehen, dass du mir genauso wichtig bist wie er.“

„Er ist nur eifersüchtig.“

„Du sagst es.“

Auch wenn Jen vielleicht Unrecht hatte, Jack war es lieber, ihr zu glauben, als sich von Doug zu einem Seelenklempner schicken zu lassen.

Doug war gerade dabei ins Bett zu gehen. Er hatte die ganze Zeit über Jack belauscht, während er sich seinen Schlafanzug angezogen und die Vorhänge zugezogen hatte. So schäbig es auch war, er konnte doch nicht einfach weghören.

Jack antwortete Jen und Doug hörte seine, durch die Tür, etwas gedämpfte Stimme. Der Satz, den er mit Gewissheit sprach, brannte sich in Dougs Geist ein. Doug wiederholte ihn in Gedanken immer wieder, als wäre es eine böse Prophezeiung.

„Du wirst immer bei mir bleiben.“

~*~

Piepend schickte das Faxgerät in Paceys Büro das Blatt mit seiner Zeitungsannonce an die Capesider Tageszeitung. Mit einem Seufzer setzte sich Pacey wieder an seinen Schreibtisch und sah den Zettel an, der vor ihm lag. Seine Stirn legte sich in Falten. Er hatte einfach keine Ahnung, wie er die Sache mit dem Geschäftsführer klären sollte. Zum zweiten Mal in dieser Woche hatte er jetzt schon eine Zeitungsannonce aufgegeben und noch immer hatte sich niemand gemeldet.
Eigentlich waren Jobs in Capeside sehr gebraucht und man hatte eine Stunde nachdem die Zeitung erschienen war schon die ersten Bewerber vor der Tür stehen. Gerade für ein gut laufendes Restaurant, wie seines, sollte sich eigentlich ein Geschäftsführer finden lassen. Nochmals seufzte er, nahm dann den Stapel Zettel von seinem Schreibtisch und schnappte sich außerdem noch das Paketband, das er morgens noch gekauft hatte. Seine Jacke nahm er unter den Arm und verließ dann sein Büro.

„Ich gehe mal eben für eine Stunde und klebe ein paar Plakate auf“, informierte er die Kellnerin Theresa.

„Aber das kann doch auch jemand anderes machen. Ich werde meinen kleinen Bruder anrufen, der freut sich sicher über das Geld“, meinte die Blondine.

Mit einem verschmitzten Lächeln erwiderte Pacey, während er sich am Kopf kratzte: „Eigentlich wäre ich ganz froh, mal eine Stunde hinter dem Schreibtisch hervor zu kommen und etwas unter Menschen zu kommen.“

Die Angestellte lachte kurz und sagte: „Okay, das verstehe ich. Vielleicht schauen Sie dann auch nicht mehr so gereizt aus und verscheuchen unsere Gäste.“

Pacey zog eine Grimasse. Natürlich wusste er, dass die Kellnerin es nicht böse meinte. Unter den Angestellten witzelten sie immer herum und es herrschte ein sehr gutes Arbeitsklima.

„Dann verschwinde ich wohl mal lieber.“

„Bis nachher.“

Pacey atmete die frische Frühlingsluft ein und trat nach draußen. Gut gelaunt schlenderte er den Gehweg hinunter und blieb dann an einer ihm geeigneten Stelle stehen.
Langsam hängte er ein Plakat nach dem anderen auf, bis er schließlich am Pier des Capesider Hafen ankam. Auch dort klebte er ein Plakat an einen der großen Pfeiler und schaute dann auf das Meer. Nach all diesen Jahren faszinierte es ihn immer noch. Wäre er jetzt kein Restaurantbesitzer, wäre er sicher Seemann geworden.

Langsam drehte er sich wieder der Straße zu, stützte sich mit dem Ellbogen auf die Abgrenzung zum Meer und schaute sich die Leute an. Eine Blondine blieb an dem Pfeiler stehen an dem er zuvor ein Plakat aufgehängt hatte. Sie schien irgendwie interessiert zu sein, denn langsam und mit Sorgfalt las sie sich das Plakat durch.

Vorsichtig ging Pacey ein paar Schritte näher an sie heran, als er erkannte, dass er niemand geringeren als Ashley vor sich stehen hatte. „Hallo, Ashley“, begrüßte er sie.

Etwas erschrocken drehte sich die Blondine zu ihm um, doch als sie ihn erkannte, lächelte sie freundlich. „Hallo, Pacey. Schön dich zu sehen. Joey habe ich heute Morgen ja auch schon getroffen.“

„Hat sie mir auch erzählt“, berichtete der junge Mann.

„Es freut mich wirklich, dass ihr euch wieder vertragen habt und dass alles okay ist. Deshalb suchst du auch einen Geschäftsführer?“, fragte sie und deutete auf das Plakat.

Nickend bestätigte Pacey ihre Vermutung. „Stimmt. Joey wollte ihren Job gerne behalten und da ich das Restaurant auch nicht einfach abgeben oder verkaufen wollte, haben wir uns entschlossen einen Geschäftsführer einzustellen, damit ich auch etwas Zeit habe.“

„Finde ich sehr vernünftig“, stimmte Ashley ihm zu und fragte dann: „Und es hat sich noch niemand gemeldet?“

Mit einem etwas zerknirschten Gesichtsausdruck gestand Pacey: „Nein, leider noch nicht. Ich verstehe es auch nicht Recht. Ich meine, so ein schlechtes Restaurant ist es ja auch wieder nicht, oder?“

Lachend schüttelte Ashley ihre blonden Haare. „Das sicher nicht. Ich würde es sofort machen, wenn ich die Zeit und die Mittel dazu hätte. Aber durch meine Modelkarriere hatte ich noch keine Zeit irgendetwas anderes zu machen. Interessieren würde es mich aber doch schon, da ich früher auch in so einem Betrieb gejobbt habe und von daher die ganze Organisation kenne.“

„Na, vielleicht überlegst du es dir ja noch mal“, scherzte Pacey und blickte dann auf seine Uhr. „Ich muss auch schon wieder. Meine freie Stunde ist vorbei und ich muss noch den braven Geschäftsbesitzer beziehungsweise Geschäftsführer mimen.“

Mit einem breiten Lächeln verabschiedete sich Ashley von ihm. „Okay, dann grüß Joey ganz lieb von mir.“

„Mach ich. Mach’s gut!“

Einen Moment sah Ashley Pacey noch nach, wie er die Straße herunter schlenderte, bevor sie sich wieder dem Plakat zuwandte und es nochmals genau studierte. Nachdenklich schaute sie es an.

~*~

Als Jack das Bad verließ, saß Doug aufrecht in dem Doppelbett. Sein Freund blätterte in einem Magazin, doch Jack wusste ganz genau, dass Doug kein einziges Wort las. Er war wütend auf Jack und dieser verstand einfach den Grund nicht.

Er war doch kein Verrückter! Dennoch versuchte er Doug etwas friedlicher zu stimmen. „Bist du auch so müde?“, er legte sich neben ihn, doch Doug reagierte nicht. Die beiden hielten Abstand, die Spannung zwischen ihnen war fast greifbar.

Schließlich sah Doug ihn an und betrachtete Jack vorsichtig, wie dieser sich zudeckte und nach einem Buch auf seinem Nachttisch griff. „Hast du gerade mit Jen gesprochen?“, fragte er dann und klang heißer. Doug legte das Magazin weg und beobachtete, wie Jack das Buch sinken ließ und dann sich seine Worte gut überlegte.

„Ja“, antwortete er schließlich. „Hast du uns belauscht oder so?“

„Uns?“, wiederholte Doug fragend.

Jack nickte. Ihm wurde es lästig, sich zu rechtfertigen.

„Jack, du versuchst gar nicht, meinen Standpunkt zu verstehen, weißt du? Denn wenn du mir zuhören würdest, würdest du auch darüber nachdenken, aber du lässt niemanden mehr an dich heran und das verletzt uns alle, weil du nur noch in einer Fantasiewelt lebst!“ Doug kämpfte darum, dass Jack ihn verstand.

Aber das tat er nicht: „Fantasiewelt? Doug, ich bin erwachsen, ich lebe in keiner ‚Fantasiewelt‘!“

„Ach nein? Und warum siehst du dann Jen? Jen, die tot ist?“, fragte Doug vorsichtig.

„Für mich ist sie nicht tot. Das war sie viel zu lange und ich bin es leid, alleine auf der Welt zu sein!“ Jack legte geräuschvoll das Buch auf seine Kommode zurück und starrte dann die Wand ein. Als wäre Doug unsichtbar.

„Verdammt, du bist nicht alleine!“ Doug fühlte sich gekränkt. Zählte er denn gar nicht in Jacks Leben? Aber Jack hörte ihm nicht zu. Wenigstens sah es so aus. Doug sprach trotzdem weiter, er wollte noch retten, was es zu retten war: „Ich zwinge dich ja nicht, diese Illusion sofort wegzuschmeißen. Ich respektiere dich viel zu sehr. Ich will nur, dass du begreifst, worauf ich hinaus will!“

Jack antwortete nicht.

Doug senkte seine Stimme: „Es ist nur so, dass ich dich nicht durch eine erfundene Jen verlieren will. Jens Körper liegt auf dem Friedhof. Es mag ja sein, dass du ihre Seele spürst oder so, aber der Punkt ist, dass es nicht real ist!“

Jack antwortete wieder nicht und es sah auch nicht so aus, als würde er darüber nachdenken, was Doug ihm sagen wollte.

„Jack, hörst du mir überhaupt zu? Du bist mir wichtig, okay? Ich weiß ja, dass dir Jen sehr viel bedeutet, beziehungsweise bedeutet hat, aber du darfst deswegen doch nicht aufhören zu leben!“, sagte Doug verzweifelt. Sein Hals war trocken, doch er konnte nicht aufhören, auf ihn einzureden. Er musste zu ihm vordringen.

Jack sah schließlich auf. Ihre Blicke trafen sich.

Doug entdeckte sofort den verletzten Ausdruck in Jacks Gesicht.

„Du vertraust mir nicht!“, fuhr Jack ihn wütend und gereizt an.

Doug sah ihn fassungslos an: „Hier geht es nicht um Vertrauen!“

Jack hatte überhaupt nichts verstanden.

„Ach nein? Du denkst, ich bin labil. Dass ich mir nur etwas vormache, als wäre ich so naiv wie ein Schuljunge, der glaubt, Batman existiere wirklich. Du denkst, dass ich spinne. Aber, verdammt, Doug, ich habe die Kontrolle über mich!“ Jack sprang auf, schnappte sich seine Bettdecke und verließ wütend das Schlafzimmer.

Obwohl Jack sich die Treppen hinunterschlicht, vermutlich um Amy nicht aufzuwecken, konnte Doug deutlich seine Schritte hören, die sich von ihm entfernten.

Jack wusste doch gar nicht, wie traurig Doug alles machte. Er ignorierte seine Umwelt.

Geknickt legte Doug sein Magazin weg und machte das Licht aus.

Er hatte gehofft, Jack wieder näher zu kommen, stattdessen entfernten sie sich zunehmend voneinander.

~*~

Ein Sonnenstrahl durchdrang die klare Morgenluft und ließ Andie McPhee ihre Nase kräuseln. Sie wollte wirklich noch nicht aufwachen. Der gestrige Abend war einfach wunderbar verlaufen. Mit geschlossenen Augen dachte sie nochmals darüber nach.

Sasha hatte einen wundervollen und nahezu perfekten romantischen Abend geschaffen. Und irgendwie war es ihm gelungen, die Wohnung mit Blütenblättern und Kerzen zu dekorieren, während sie einkaufen war, um den leeren Kühlschrank zu bestücken. Sasha hatte sich wohl von der Vermieterin den Schlüssel geholt und hatte voller Hoffnung alles vorbereitet.

Allein diese Vorstellung hatte schon gereicht und sie hatte ihm alles verziehen. Als sie nach Capeside geflohen war, hatte sie sich vor der Welt verstecken wollen und besonders vor Sasha.
Nie hatte sie die Vorstellung von einem Happy End in ihre Gedanken gelassen. Insgeheim hatte sie natürlich immer gehofft, aber was brachte das schon. Letztlich hatte sie durch die vielen Trennungen und Streits auch nicht mehr an die Liebe geglaubt.

Jedenfalls hatten sie sich ein schönes Essen gemacht und nach dem Essen war es erst richtig schön gewesen. Bei dem Gedanken an die letzte Nacht kuschelte sich Andie wieder in ihre Decke und ein glückliches Lächeln umspielte ihren Mund. Genau wie die Sonne schien sie gerade zu strahlen. Langsam drehte sie sich zu Sasha um und öffnete ihre Augen.

Doch der war nicht mehr da. Völlig ungläubig strich Andie den Schlaf aus ihren Augen und riss sie auf. Wie konnte das sein? Ruckartig setzte sie sich im Bett auf und blickte sich panisch in ihrer Wohnung um. Auf dem Boden lagen noch ihre Kleider, auf dem Tisch standen noch die abgebrannten Kerzen und selbst die Rosenblätter lagen noch auf dem Boden, wenn auch ein bisschen verwelkt.

Total resigniert schlug Andie ihre Hände vors Gesicht. Wie hatte sie sich nur so täuschen können? War es wirklich nur Wunschdenken gewesen und Sasha hatte all dies nur inszeniert, um sie nochmals ins Bett zu kriegen?

Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Das war wahrscheinlich das Problem. Sie hatte überhaupt nicht gedacht, sondern hatte einfach auf ihre Gefühle gehört. Langsam kullerte eine Träne ihre Wange hinunter. Wieso passierte immer ihr das? Tausende von Gedanken rasten durch ihren Kopf.

Müde und erschlagen ließ sie sich wieder in ihre weißen Kissen fallen und starrte an die Zimmerdecke. Noch immer kullerten ihr die Tränen übers Gesicht. Am liebsten würde sie sich jetzt irgendwo ins Dunkel legen. Stattdessen rollte sie sich in das benachbarte Kissen, doch plötzlich spürte sie etwas Hartes an ihrem Gesicht.

Ein Zettel.

Mit schnellen Bewegungen faltete sie ihn auseinander und las ihn dann.

Hey Schatz!
Ich bin nur eben Brötchen holen gegangen.
Bin gleich wieder da.
Ich liebe dich, Sasha


Völlig überglücklich musste Andie lachen. Ihre Theatralik würde sie noch mal umbringen. Unter einem Lachen wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und ließ sich wieder in ihr Kissen fallen. Diesmal aber mit einem Lächeln um die Mundwinkel.


Fade to black …


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